Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1882)
- Date
- 1882-10-10
- Page
- Seite 676 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227435--40263-3257891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
noch übrig? — Die Judenfresser der „Nowaja Wrjema", des „Rußj und Conforten" scheinen sich jetzt für diese Auswanderung der Juden nach dem luftleeren Raum sehr zu interessiren. Doch gemach, ihr Herren! Solche Principien slavischer Gastfreundschaft werden vielleicht nur jene gewaltthätige Proletarier mit euch Heilen, die naiv den Schluß folgern: „wenn man rauben kann, so ist das Morden auch keine. Sünde"; allein das ganze Rußland, deren Verwalter ihr.,zu sein wähnt, wird sich mit euch auf solche Verwaltung nicht einlassen. Noch ist, Gott im Herzen der Menschen nicht erloschen! So blieb es bei uns unentschieden, wohin eine Auswanderung anzustreben sei, nach Amerika, oder Palästina. Nach langem vergeblichen Hin- und Herreden äußerte ich endlich, daß ich für, meine Person am liebsten ganz zu Hause bliebe. Ich war so müde und erschöpft, daß ich in diesem Augenblicke-,,an keine.Wanderung denken konnte, und wäre auch Palästina.-noch jetzt das Land, wo Milch und Honig fließt, oder .verwandelte sich ganz Amerika in ein Eldorado. — Meine Gäste, merkten das bald und — verabschiedeten sich. Ich war nun allein; in Gedanken vertieft, den Kopf in der .,hohlen Hand am Schreibtisch gelehnt. Mitternacht war bereits vorüber; aber ungeachtet der Müdigkeit fühlte ich nicht-die,.geringste Lust zum Schlafen. Die schrecklichen Ereignisse bewegten und erregten schmerzlich meine Brust. Die Worte des., greisen Benwopsi gingen mir nicht aus dem Sinn, ließen mir keine Ruhe. „Wie", schrie der naive Greis mit einer ihm-.sonst fremden Wuth, „wie, ich soll kein Bürger des russischen Landes seiy! . ... Hier ist das Georgienkreuz,. das mein ältester Sohn für die Erstürmung Plewnas erhalten; er starb darauf an den Mauern Constantinopels am, Typhus und schickte mir vor seinem Verscheiden durch den ihn behandelnden Arzt als letzten Gruß dieses Kreuz! zum ewigen.Andenken. Mein zweiter Sohn starb im Kriegs- \ dienste an der Schwindsucht. Mein dritter Sohn wurde bei der letzten Rekrutirung eingereiht. Das Vorrecht des Ernährers hatte ihn nicht geschützt; er mußte gehen -—auf Grund .jener falschen Loosungslisten, in welchen die im Grabe ruhenden als lebendig verzeichnet waren. Und mir, mir wagt man es zu sagen: wandre aus! Du bist ein Fremdling,^ du bist kein-Sohn des Vaterlandes! Hab' ich kein Vaterland,? Nein, nein, mir ist das Vaterland Heuer, ja Heurer, als allen, jenen Patrioten, denen dieses Vaterland nur. zur Einnahmsquelle dient!" — , , Bei diesen Worten weinte der Greis; aber seine Thränen erweckten,, in mir nicht das geringste Mitleid. Denn wie kann ein Mensch, der ein Greisenalter erreicht hat, wie kann ein solcher noch immer jenen thörichten Glauben an die Logik des Geistes und . des Herzens bewahren, indem er sein Auge der schonungslosen Logik der Thatsachen hartnäckig verschließt. Und die Thatsachen sprechen jetzt nur das Eine: Thue, was du willst, Du bist doch ein Jude, folglich . . . . O, man spricht das ohne jegliche Rücksicht. Aber solche unverbesserliche Optimisten, wie unser Benwopsi, sehen den Wald vor. Bäumen nicht; diese Menschen sind und bleiben edel gesinnt, wenn ihr Herz auch blutet, sie denken wohlwollend bis zu ihrem letzten Athemzuge. Unmittelbar nach den Raubscenen in Elisabethgrad hielt ich ihn auf der Straße mit den Worten an: „Nun mein lieber Benwopsi, was sagt ihr.jetzt?" „Gam su letowa!" (Auch das ist zum Heile) antwortete er mir mit dem stereotypen Sprichworts des berühmten Rabbi Nachum Jsch-gam-su. „Wie", eiferte ich, „Ihr wißt wahrscheinlich noch gar nicht, welch' eine Verheerung dort war? An Spiegeln allein sind, wie man spricht, dreihundert Stück in Scherben zerschlagen worden!" „Schade, sehr schade um diese dreihundert Spiegel", antwortete er. „Allein für diese dreihundert Spiegel hat das Judenthum als Ersatz vielleicht dreitausend Juden gewonnen; denn in ihrem Streben alles Fremde Nachnahmen, würden Viele sich ganz von der jüdischen Masse entfremdet haben, während sie jetzt hoffentlich zu ihr halten werden. Ist das nicht zum Heile?" — So sprach der Alte. Damals natürlich es war unmittelbar nach der ersten Plünderung — konnte , man solche Rede etwa als Scherz noch gelten lassen; aber jetzt — wo die Greuelthaten in so schrecklichem Maße sich wiederholt haben, ist wahrlich keine Zeit zu scherzen, und stände jetzt Rabbi Nachum - Jsch - gam - su vom Grabe auf, - -auch er würde jetzt seinen.Wahlspruch: Gam su letowa nicht, sagen. Sonderbar, so oft ich über das Schicksal des jüdischen! Volkes nachdenke, tritt vor mein geistiges Auge stets das! Bild des Optimisten, jenes Dulders, des Rabbi. Nachum, wie ihn die talmudische Sage gezeichnet hat: vom Schlage gelähmt, blind auf beiden Augen, ganz von Wunden bedeckt, aber mit unversiegbarer Heiterkeit und ewig frischem, Geiste; in liegender Stellung, umgeben von zahlreichen Schülern, lehrt er: daß in dieser von Gott aufs Beste geschaffenen Welt Alles zum Heile sei. Wie viele Leiden, wie viel unverdiente Beleidigungen er in seinem langen Leben auch zu erdulden hatte, aber alles das vermochte weder seine Seele je zu verdüstern, noch einen Schatten von Bosheit oder Verzweiflung in seinem Herzen zu erzeugen. „Gam su letowa" war seine beständige, einzige Antwort auf alle Schläge des Schicksals. Und daher ist es natürlich, daß dieses Sprichwort so tief ins Herz des jüdischen Volkes gedrungen ist, das nicht weniger erduldet und gelitten, als ihr legendenhafter Held Jsch - Gam-su, und auch nicht weniger als er über alle Launen des Schicksals sich zu erheben verstanden hatte.