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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-10 · Heft 41 (10.10.1882) · p. Seite 675

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 41 (10.10.1882)
Date
1882-10-10
Page
Seite 675 (sequence 11)
Language
German
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675 dem großen Ocean der Pariser Arbeiterwelt sagen. — Die jüdischen Einwohner von Säo Paolo (Brasilien) haben eine Sammlung für die russischen Flüchtlinge veranstaltet, deren Betrag, 545 Fr., dem Großrabbiner Isidor übersandt wurde. — Mad. Charles Heine - Furtado hat eine Spende von 150,000 Fr. zur Erbauung der Synagoge von Versailles zugesagt. Rußlärrd. > > Petersburg, 22. September. „Juzny Kraj" meldet, daß an der Charkower Universität Juden als ordentliche Hörer, nicht zugelassen werden. Wie riesig die Ziffer der in der letzten Zeit aus verschiedenen Städten Rußlands ausgewiesenen Juden sein muß, deutet die Thatsache an, daß im Laufe der letzten elf Monate aus der Stadt Kiew allein nicht weniger als-4576 jüdische Familien mit 15,728 Seelen von der dortigen Polizei gewaltsam ausgewiesen wurden. — In Anbetracht der neulich von . der russischen Regierung publizirten Verfügung bezüglich der Einschränkung der Zahl der in der russischen Armee dienenden Aerzte mosaischen Glaubensbekenntnisses haben, wie das Kiewer Blatt „Sana“ („Die Morgenröthe") meldet, sämmtliche jüdische Militär - Aerzte in Moskau um ihre Entlassung aus dem Militärverband nachgesucht und diesen ihren Entschluß damit motivirt, daß es ihnen in Anbetracht der bezüglich der jüdisch eil Militärärzte in Rußland erlassenen Verfügung der russischen Regierung unangenehm undschmachvoll sei, mit einer solchen Reputation länger unter deren christlichen Kollegen zu bleiben, und daß sie daher vorziehen, lieber gar nicht zu - dienen, als sich unverdienten Beleidigungen und schmählichen Einschränkungen auszusetzen.. Ueber diese Massen- Demission der jüdischen Militärärzte in Moskau wurde von Seite der kompetenten Militärbehörde noch nicht entschieden, es ist aber mehr als ztveifellos, daß die angesuchten Massenaustritte der jüdischen Aerzte von Moskau aus der russischen Armee bewilligt werden, umsomehr, als die Nachricht hierüber bereits auch zu den Ohren des Kaisers Alexander III. gelangt ist, welcher sich über die Angelegenheit eingehenden Bericht erstatten ließ und den eigentlichen Ursachen dieser traurigen und Rußland beschämenden Thatsachen nachzuforschen befahl. Was den famosen Regierungserlaß bezüglich der Einschränkung der Zahl der in der russischen Armee dienenden jüdischen Aerzte betrifft, theilt der Petersburger „Golos" folgende geradezu unglaubliche Thatsachen mit: die jüdischen Militärärzte des Wilnaer Kreises waren mit ihrem Chef in Geldgeschäfte verwickelt. Bon diesen letzteren erfuhr der Oberkommandant des Wilnaer Kreises und entließ den Chef seiner Aerzte des Dienstes. Daraus geht doch die Schuld dieses Chefs hervor, der wahrscheinlich von seinen Untergebenen Geld erborgte/ wie dies in Rußland, gebräuchlich ist. Der entlassene Chef wollte sich nun an seinen untergebenen Merzten „rächen" und denunzirte dieselben beim Kriegsministerium als Geldspekulanten und Sozialisten. Die Folge dieser schändlichen Denunziation war, daß sämmtliche jüdische Aerzte der russischen Armee für „unzuverlässig" (ule blagonadeschnyje) erklärt und mit dem erwähnten Erlasse bestraft wurden. Es ist- Hoffnung vorhanden, daß der Kaiser/ welcher sich über die; ganze Angelegenheit, unterrichten ließ, sich der so ungerecht gekränkten jüdischen Aerzte seiner Armee annehmen und den famosen Erlaß des Kriegsministers rückgängig machen wird. Ieüilletom Nachum-Zsch-Gam-su. / Aus dem „Rußki Jewrej", übersetzt von H. Mendelsohn. Ihr, geehrten' Leser, werdet an Geistererscheinungen gewiß nicht glauben. Nun das ist' euere Sache. Ich aber glaube daran, denn ich' habe mit eignen Augen einen Geist gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Eines Abends — es war im December v. I. — waren bei mir Gäste. Wir sprachen natürlich von den traurigen Tagesereignissen und von der Judenfrage. Diese Frage ist uns noch nicht zum Ueberdrusse geworden; denn die Geschichte trägt sie uns stets Mit neuer Würze auf, mit einer Würze, die uns oft den Athem raubt. So ist dafür gesorgt, daß diese Frage für uns nie den Reiz der Neuheit verliere: Plünderung, Brandstiftung, Auswanderung, Commissionen!... Alles Dinge nicht sehr erfreulicher Natur. ' Auch wir ' unterhielten uns mit diesen erquicklichen Dingen. Denn was bleibt dem Juden in der Jetztzeit anderes zum Denken und reden übrig! Wir sprachen von Vergangenem, machten Schlüsse über die räthselhafte Zukunft und wiederholten mit wahrer Verzweiflungswuth zum hundertsten Male ein-und dasselbe, als würden wir uns an dem Aufreißen unserer eignen Wunden ergötzen, als würden wir über unsere eigne Ohnmacht und Hülflosigkeit spotten. Am meisten interessirte uns das Thema: wohin man emigriren solle: nach Amerika, oder Palästina? d. h. was vortheilhafter sei, von einem rothhäutigen Indianer skalpirt, oder von einem Beduinen am Pfahl gespießt zu werden? Eine herrliche Alternative, nicht wahr? Am vortheilhaftesten wäre eine Auswanderung nach dem Mond, wo es' bekanntlich weder Indianer, noch Beduinen, noch Anführer raubsüchtiger Pöbelmassen giebt; wenn's auf dem Monde nur nicht an Luft fehlte. Allein was bleibt den russischen Juden an' den ihnen angewiesenen Wohnsitzen mehr, als. die Luft 41*

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