Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-10 · Heft 41 (10.10.1882) · p. Seite 674

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 41 (10.10.1882)
Date
1882-10-10
Page
Seite 674 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227435--40261-3257889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sätze sind wohl werth, hier wiedergegeben zu werden. „Man hatte uns angekündigt, sagt es, daß sich hier eine große! Menge vereinigen werden daß Deutschland allein 500 Delegirte der verschiedenen Vereine, die den Juden Haß geschworen, senden werde. Das Kontingent von Oesterreich sollte nicht weniger zahlreich sein; man sagte, daß Männer von bedeutendem Namen aus Ungarn, Böhmen, Rußland, Rumänien, aus den Vereinigten Staaten Amerikas und noch anderen Ländern kommen würden, in denen die Juden sich verhaßt gemacht hätten. Wir würden unter den nationalen und christlichen Reformatoren, die aus allen Theilen der Weldherbeiströmen würden, Repräsentanten des großen Grundbesitzes,-der großen und kleinen Industrie/ des Handels, der Wissenschaft, der Künste und der Kultur, , Soldaten in Uniform und Depntirte sehen, kurz, man kündigte uns an, daß die antijudische Bewegung, die in Dresden ihre Organisirung und ihr Programm erhalten würde, einen für diejenigen, die man bekämpfen wollte, erschreckenden Charakter der Allgemeinheit und Jntensivität annehmen würde. Die Juden hatten Recht, sich nicht davor zu fürchten. Der Kongreß hatte nicht die Wichtigkeit, die man ihm zuerst zugeschrieben: Man sah in Dresden keinen einzigen Staatsmann erscheinen; keine bedeutende Persönlichkeit, kein europäischer Name figurirte auf der Liste der Anwesenden; es bestieg diese Bühne der, Intoleranz und der Reaktion keiner jener Redner, .die durch die Macht ihres Wortes befähigt sind , auf die Regierungen und, auf die Allgemeinheiteinen bestimmenden Einfluß auszuüben. Es besuchten den Kongreß nur leidenschaftliche Menschen, die von' bösen Neigungen sich leiten lassen, die außer Stande sind, die Wohlthaten der religiösen und bürgerlichen Toleranz zu würdigen und sich keine Vorstellung von den Erfordernissen der Mvilisation machen. Die sächsische Regierung hat wohl daran gethan, dem Rathe, den Kongreß zu verbieten, zu widerstehen. Es war besser, die Antisemiten agiren zu lassen. Europa weiß jetzt, wohin sie . kommen wollen. — Was der Artikel weiterhin über Stöcker, dessen Reden und Thesen sagt, braucht hier nicht wiedergegeben zu werden. Er schließt: „Was antwortet Europa auf diese ganze Agitation? Die vernünftigen Leute werden immer dieselbe Antwort haben: Die Juden nehmen durchaus keine bevorrechtigte Stellung ein, sie haben keine internaüonale Organisation; sie konspiriren in keiner Weise gegen die Gesetze und bestehenden Regimes; die Gefahren, die man ihnen zuschreibt, sind durchaus übertrieben, und es ist auch nicht der geringste Grund vorhanden, der Juden wegen die Grundsätze der Toleranz und Gleichheit anzutasten, welche die edelste . Errungenschaft der Modernen Zeilen ausmachen. Dieses einfache Raisonnement werden die Antisemiten niemals umstoßen können. Kein Volk wird seine Verfassung verändern, um ihnen ein Vergnügen zu machen. Der Kongreß zu Dresden hak an der Lage der Dinge nichts geändert; er war ein Meeting mehr und das ist Alles." — Jndeß ganz so glatt soll es nicht abgehen. Einige Ultramontanen haben das Gelüste, einen kleinen antisemitischen Zweigverein in Belgien zu gründen. Uttramontane Blättsr der Provinz stellten sich deshalb sehr entrüstet über den Artikel des „Mio du Parlement“ und künden eine antisemitische Broschüre an, die in einer klerikalen Buchdruckerei unter den Auspizien des klerikalen Hauptführers erscheinen soll. Es gilt hier nichts weiter als einen Abklatsch aus Deutschland. .. Die Klerikalen sagen: die Juden sind sämmtlich liberal und wir müssen daher das Volk gegen sie aufhetzen. Dies sagen ihnen denn auch zwei andere Artikel des „Echo“ vom 18. und 25. d. recht deutlich. Jndeß ist Belgien kein rechter Schauplatz hierfür. Mögen die Klerikalen den Antisemitismus als ein Dogma mehr in ihr Glaubensbekenntniß aufnehmen: sie selbst finden ihre einzige Stütze in der Verfassung, und klammern sich krankhaft an dieselbe. Sie werden sich also hüten, auch nur das geringste Loch in dieselbe schlagen zu wollen. Sie würden sich damit selbst den Boden unter den Füßen wegziehen. - Frankreich. Paris, 22. Sept. Das Londoner Hilfskomits ließ 500 aus Rußland emigrirte Juden, alle handwerkskundig, hierher kommen. Das hiesige Komite sorgt für Unterbringung und Arbeit, alle wollen nach Ablauf der gesetzlichen Frist um die Naturalisation ansuchen, die, Regierung versprach die Be-, willigung.; — Die Abendblätter besprechen sympathisch die Ankunft der russischen jüdischen Emigranten aus Brody. Dieselben sind Provisorisch in den Neubauten in der Vorstadt Montmartre üntergebracht. Die Männer erhielten moderne Kleider. Die Arbeiter-Bevölkerung, anfangs mißtrauisch, -zeigt nun theilnahmsvolles Benehmen. — Man hat in der nie Eugöne Sue, einer neuen und noch nicht bewohnten Straße in Montmartre, an 60 Wohnungen, wo russische Flüchtlinge mit ihren Familien einlogirt sind, auf Kosten? und durch die Bemühung des Wohlthätigkeits-Komites gemiethet., (Also nicht auf Kosten Rothschilds, wie einige deutsche Blätter berichteten.) Entgegen den böswilligen Einflüsterungen einer gewissen Presse werden diese Auswanderer won der Bevölkerung - des Viertels sehr gern gesehen. Die Nachbaren beeifern sich mit der Humanität, welche die herrschende Eigenschaft des Parisers ist, diesen Unglücklichen alle Arten kleiner Dienste, zu erweisen, die die Neuangekommenen völlig.zu würdigen wissen. Man hat von gewisser Seite die Arbeiterwell gegen sie, als neue Konkurrenten in Handwerk und Fabrik, aufreizen wollen. Das verfängt aber nicht; denn was wollen 150 Arbeiter mehr m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.