Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1882)
- Date
- 1882-10-10
- Page
- Seite 673 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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«73 So kommen die antisemitischen Fahrer einer nach dem anderen vor das Forum der Oesfentlichkeit und zeigen sich ihrer bisherigen Laufbahn nach des Geschäftes würdig, welches sie jetzt betreiben. Prag, 24. Septbr. In Elbe-Kosteletz, wo schon im Mai dieses Jahres Ausschreitungen gegen die dortigen Juden stattfanden, kam es vorgestern, als am Vorabende des Versöhnungstages, abermals zu Judenhetzen. Eine Rotte verwahrloster Individuen sammelte sich vor der Synagoge an und bewarf die Fenster derselben mit Steinen. Dank der rechtzeitigen Intervention des dortigen Bürgermeisters erschien ein Dragoner-Piquet auf dem Schauplatz und zerstreute die Tumultuanten. Mehrere Exzedenten wurden verhaftet. Pest, 24. Septbr. In seinem gestrigen Vortrage in der Universität machte Paul Gyulai interessante Bemerkungen über den Antisemitismus. Von Petöfi sprechend, erwähnte er, wie scharf und mit welcher Entrüstung dieser, als anfangs 1848 in manchen Orten (namentlich in Preßburg und anderen deutschen Städten) eine Agitation gegen die Juden platzgriff, der Bewegung entgegentrat. Nur, bemerkte Gyulai, zeigte sich diese Bewegung damals nur sporadisch, wie denn die revolutionären Zeiten in der Regel neben dem Edlen auch viele Schlacken zu Tage fördern. Heute aber möchten Manche eine ganze große Razzia gegen die Juden inszeniren. Es wird in einer Volksrace immer Solche geben, welche Beschwerden und Tadel provoziren und rechtfertigen, aber keinesfalls rechtfertigen sie eine verbrecherische Agitation, die, außerdem daß sie sich mit der nüchternen Politik nicht verträgt, auch die Civilisation und den Humanismus mit Füßen tritt und das Andenken Deäk's und Eötvös' schändet. Diese Bewegung haben wir Ungarn wahrlich nicht verdient! Das Auditorium begleitete die Bemerkungen des Professors mit lebhaften Dljen-Rufen. Pest, 27. Septbr. (Privatmitth.) Die Pester Blätter wimmeln jetzt von wahrhaft entsetzlichen Berichten über die Gewaltthaten, welche ungarische Richter und Sicherheitskommiffäre, die mit der „Vorerhebuug in Criminalsachen" betraut sind, verüben. Theils sind die Gesetze gegen solche Frevel unzulänglich, theils verschwinden die Akten oder die mißhandelten Personen — auch dies ist faktisch vorgekommen und Niemand bekümmerte sich darum, wo die Verschwundenen hingekommen sind — theils werden die dekretirten Strafen nicht ausgeführt. Es ist geradezu haarsträubend, in welchem Zustande die ungarische Justiz sich befindet. Unter diesen Berichten befinden sich auch Aufklärungen über die Person des Abg. Onody, der jetzt den wüthenden Antisemiten spielt, der widerrechtlich die Synagoge und Umgebung in Tißa- Eßlar durchwühlte, um sich den Anschein zu geben, als ob er an die Ermordung der Esther Solimossy durch die Juden glaube und der auf dem Dresdner Kongreß einen langen Vortrag gehalten. Der Pester Lloyd vom 26. Septbr. berichtet über ihn Folgendes: Gegen den ehemaligen Stuhlrichter und derzeitigen Reichstags-Abgeordneten Gaza Onody beantragte im Mai 1876 die Staatsanwaltschaft die Anklagestandversetzung wegen Amtsverbrechens, begangen durch Einsperrung des Schneidermeisters Adolf Hartmann, ferner der körperlichen Züchtigung des Johann Sallay. Hinsichtlich der, wegen inkompetenter behördlicher Verfügung von Seite Franz Betlsrs, Johann Fogarasi's und mehrerer anderer Parteien gegen den Stuhlrichter Onody erhobenen Klagen beantragte die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens. Es wurde gerichtlich erhoben, daß Onody den Schneider Hartmann, weil dieser den von Onody für seinen Kutscher bestellten Dolmä-ny nicht zur bedungenen Zeit angefertigt hatte, einsperren ließ. Den Verhafteten Sallay hatte Onody, anstatt denselben dem kompetenten Strafgericht zu übergeben, prügeln lassen und selbst zur Einsperrung verurtheilt. Noch bevor der Siuhlrichter Onody durch den Untersuchungsrichter vernommen war, wurde das gegen ihn eingeleitete Disziplinar-Berfahren durch die Szabolcser Komitats- Behörde eingestellt. Auch das Nyiregyhazaer Gericht beschloß zuerst die Einstellung des Strafverfahrens; als die Staatsanwaltschaft jedoch appellirte, konnten die Akten lange Zeit nicht zur königl. Tafel expedirt werden, weil die gesammten Akten in der Affaire Onody im Archiv in Verstoß geriethen und nicht zu finden waren. Im Jahre 1877 ordnete die Ober-Staatsanwaltschaft deshalb eine Untersuchung an; die Akten fanden sich wieder, die königl. Tafel hob den Nyiregyhazaer Gerichtsbeschluß auf, fällte einen Anklagebeschluß und verurtheilte der Nyiregyhäzaer Gerichtshof Onody wegen Uebertretung (!), des Mißbrauchs der Amtsgewalt zu 100 Gulden Strafe, eventuell 20 Tagen Haft. Die königl. Tafel bestätigte dieses Urtheil, „weil die Staatsanwaltschaft nicht dagegen appellirt hatte." Zu einem Disziplinarverfahren gegen Onody kam es nicht, weil dieser inzwischen Stuhlrichter zu sein aufgehört hatte. Unser Korrespondent bemerkt schließlich, daß mit den vorgebrachten Fällen das Sündenregister der Szabolcser Komitats-Polizei noch keineswegs erschöpft sei, sondern daß noch gegen eine Anzahl anderer Mitglieder dieses Dienstzweiges Anklagen und Untersuchungen ähnlicher Natur theils bereits stattgefunden haben, theils noch im Zuge sind. Belgien. Brüssel, 26. Sept. (Privatmitth.) Während in Deutschland der „internationale antisemitische Kongreß zu Dresden^' bereits zu den vergessenen Gegenständen gehört und Niemand mehr von ihm spricht, hat sich in Belgien eine Polemik darüber angesponnen. Das Echo du Parlement toont 16. d. hatte sich über diesen Kongreß ausgelassen. Einige seiner 41