Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1882)
- Date
- 1882-10-10
- Page
- Seite 669 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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!WKHWUR 669 vorübergehender Juden statt. Am Abend durchzogen Pöbelhaufen, „Eljen Jstoczy", „Eljen Onody" rufend, die Straßen, bombardirten dann johlend das Todescosche Stiftungshaus. Der einsd-reitende Stadthauptmann wurde mißhandelt, bis die Wache den Pöbel verjagte. Derselbe schlug zurückweichend die Fenster aller jüdischen Verkaufsläden in der Kapuzinergasse und am Schloßberg ein; auf der Straße lagen von Lehrlingen hergetragene Steine, welcbe zum Bombardement der Häuser benutzt wurden, was eine Vorbereitung des Excesses beweist. Als der Pöbel die Zerstörung der Synagoge begann, wurde Alarm geblasen und es rückte Militär an, welches mit dem Bajonett die Ruhestörer von der Synagoge vertrieb, die Judengasse jedoch vergeblich zu sperren versuchte. Viele Excedenten drangen ein und schlugen sämmtliche Fenster und Tyüren ein. Auch gegen das Militär kehrte sich die Wuth des Pöbels, man riß den Soldaten die Bajonette weg und zerbrach dieselben. In diesem Kampfe kamen mehrere Verwundungen vor. Gegen 50 Excedenten sind verhaftet. Der Pöbel zog ab in die Schöndorferstraße und auf den Fruchtplatz, hier alle Judenhäuser zerstörend. Auch in das zu Preßburg gehörige Blumenthal drang der Pöbel gegen Mitternacht ein und verwüstete jüdische Gasthäuser und Waarenlager, bis auch,hier die Polizei und das Militär mit blanker Waffe einschritt und weitere Verhaftungen vornahm. Gefangene äußerten, am Samstag werde es erst recht losgehen. Der Preßburger Magistrat hat sich in Permanenz erklärt; das Militär ist consignirt. Unter den Preßburger Juden ist eine Art Panik ausgebrochen; viele flüchten nach Wien. Der auf den 2. Oktober festgesetzte Jahrmarkt ist von der Polizei abbestellt. Hier in Wien erregen die Nachrichten aus Preßburg das größte Aufsehen, zumal die antisemitische Partei hier sehr zahlreich ist und man ebenfalls Ausschreitungen befürchtet. Die Börse wurde durch die Furcht vor neuen Judenhetzen empfindlich verstaut." Nach neuern Nachrichten haben sich die Ausschreitungen am 29. Abends wiederholt, wurden jedoch von einem heftigen Platzregen vermindert. Eine Rotte, wie man sagt, unter Anführung von Studenten, versuchte die Synagoge zu zerstören , wurde jedoch vom Militär zurückgeschlagen, wobei mehrere Verwundungen und Verhaftungen stattfanden. Der Ministerpräsident Tißa hat den Bürgermeister verantwortlich gemacht, und erklärt, daß er, falls die Unruhen sich wiederholen sollten, das Standrecht proklamiren werde. Hoffen wir, daß der Aufstand sein Ende erreicht und keine Nachahmung an anderen Orten haben werde! (Ausführlicheres in nächster Nummer.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 24. September. Der Herbst ist in das Land eingezogen und es.beginnen die gemüthlichen Winterabende, an welchen man gern zu den neuesten Schöpfungen der Literatur greift, um Geist und Herz zu stärken. Auch bei uns hat sich eine Anzahl tüchtiger Schriften aufgehäuft, zu deren Besprechung wir uns anschicken und vor den drängenden Ereignissen des Tages Raum zu gewinnen hoffen. Voran schicken wir einige Notizen. — In Brüssel hat ein rühmlich bekannter Bildhauer, van der Etappen, die lebensgroße Büste des Redakteurs dieser Zeitung angefertigt, die jetzt in Bronce gegossen wird. Aehnlichkeit und treffliche Charakteristik zeichnen dieselbe aus.— Von dem Neuhebräischen und chaldäischen Wörterbuch von Rabbiner Prof. Dr. I. Levy, das bei Brockhaus in Leipzig erscheint, ist endlich wieder eine Lieferung ausgegeben worden, die 15., von nN'tw bis lyo. Viele, in diesen Abschnitt des Alphabets fallende Wörter haben ihre tüchtige Bearbeitung gefunden und flößen den Wunsch ein, daß das wichtige Werk seiner Vollendung etwas rascher entgegengehe. — Von der Bibliotheca rabbinica des Dr. A. Wünsche, d. h. von der deutschen Uebersetzung des Midrasch rabba ist die 17. Lieferung erschienen, die den -Midrasch Schemoth rabba von Kap. 16, 4 bis Kap. 32, 11 befaßt. Wir können also die baldige Vollendung dieses Theiles^ erwarten. — Von der Schrift: „Presse und Judenthum" von Isidor Singer (Wien, ßötotj; 1882) ist die zweite vermehrte und verbesserte Auflage erschienen. Es liegt hierin der Beweis, daß diese, aus einem lebhaften Enthusiasmus entsprungene und mit einer aufrichtigen Wärme verfaßte Schrift lebhaften Anklang und hiermit auch eine anerkennenswerthe Wirkung gefunden hat. — Im 12. Hefte der Monatsschrift „Zeichen der Zeit" von Dr. Chronik (Berlin, 1882, Jsleib) schließt sich der Herausgeber in einem energisch geschriebenen Artikel unserer „Protestation" (Nr. 33) -gegen die Anschuldigung des rituellen Blutgebrauches an,, und stellt ihr außer seinen eigenen kräftigen Worten die bekannte Bulle des Papstes Jnnocenz IV. an die Seite, in welcher dieser sein Verdammungsurtheil über diese scheußliche Fabel ausspricht. — Wir empfingen Nr. 8 (April bis Juni 1882) der Revue des Etudes juives, herausgegeben von der Pariser' Soeiete des $tudes juives (Paris, Durlacher). Auch diese Lieferung enthält viel Bemerkenswerthes und schließt sich den früheren Heften würdig an. Die erste Abhandlung führt uns eine jüdisch-chaldäische Vase.vor im Besitze der Nationalbibliothek zu Paris; die hier mstgetheilte und übersetzte Inschrift bezeugt, daß sie eine Bannformel gegen alle Zaubereien, Dämonen und böse Krankheiten ist, so daß der aus ihr Trinkende von der Macht dieser letzteren frei bleibe. Das Alter dieser Vase reicht in das achte oder neunte Jahrhundert der gew. Zeitr. Es sind mehrere solcher Gefäße vorhanden, und sie zeigen, daß die damaligen Juden den Aberglauben der Völker, unter denen sie wohnten, theilten, was allerdings längst nicht unbekannt ist. A. Neubauer theitt eine Pseudobiographie