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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-03 · Heft 40 (3.10.1882) · p. Seite 655

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 40 (3.10.1882)
Date
1882-10-03
Page
Seite 655 (sequence 7)
Language
German
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655 Richter seine Wahlrede in einer van etwa 1200 Personen besuchten Wählerversammlung. (Sr erwähnte darin auch des Antisemitismus und sprach sich darüber folgendermaßen aus: „Die Steuerprogramme müssen ebenso zu Wahlmanövern herhalten wie die Judenfrage. Vor den Reichstagswahlen tonnte die Hetze nicht weit genug gehen; man versprach sich davon konservative Wahlen. Schon bei den Stichwahlen aber verbreiteten die Konservativen Aeußerungen des Fürsten Bismarck über die Judenfrage, welche sich kaum von denjenigen eines Fortschrittsmannes unterschieden. Warum sind diese Aeußerungen nicht schon vor den ersten Wahlen bekannt geworden? (Heiterkeit.) Die Antisemiten aber fahren fort, den Fürsten Bismarck als den kräftigsten Förderer ihrer Sache zu feiern. Jetzt vor den Dreiklassenwahlen freilich möchte man diese Agitation wieder verhüllen. Man sucht sie von Henrici zu isoliren. Ich habe für denselben immer eine gegewisse Schwäche, weil ich ihn für den aufrichtigsten unter der Gesellschaft halte. (Große Heiterkeit.) Gegenüber der Dreiklassenwahl hält man die antisemitische Bewegung nicht für nützlich. Vielleicht denkt man auch, daß mancher, der konservativ wählen möchte, doch davor zurückscheut, durch die öffentliche Stimmenabgabe gewissermaßen vor seinen Nachbarn zu Protokoll zu erklären, daß er die antisemitische Bewegung billigt. Deshalb kam auch den Konservativen der Dresdener Antisemitenkongreß sehr ungelegen. Man hat wenigstens die Oeffentlichkeit seiner Verhandlungen ausgeschlossen, und sogar den eignen Parteigenossen als Berichterstatter die Censur auferlegt. Gleichwohl ist eine Aeußerung Stöcker's bekannt geworden: Wenn eine Volksabstimmung erfolgt, so würde die Mehrheit vielleicht eher geneigt sein, die Antisemiten als die Semiten aus Deutschland herauszutreiben. (Große Heiterkeit.) Ich will auch die Antisemiten in Deutschland lassen, und wäre es auch nur, damit Herr Stöcker fortfährt, die konservative Sache derart zu ruiniren, wie er es thut. (Lebhafter Beifall.) Wir fragen in allen solchen Dingen nicht nach der Strömung in der Menge, sondern handeln nach festen Grundsätzen, wie es unser Programm verlangt." (Lebhafter Beifall.) — Die „alte Synagoge" in der Heidereutergasse ist nach ihrem, vor vier Monaten erst begonnenen, gänzlichen Umbau vorgestern, am Abende des ersten Neujahrstages (13. Sept.) dem Gottesdienste wieder geöffnet worden. Der Umbau mußte bekanntlich auf Anordnung der Behörde im Interesse einer größeren Feuersicherheit erfolgen, und diesem Erfordernisse ist auch vollauf genügt worden. Die Synagoge ist ansehnlich erweitert worden, wobei es allerdings nicht möglich war, den alten Charakter des Bauwerks zu erhalten. Die Weihe des neu h'ergestellten Gotteshauses geschah in Verbindung mit dem Abendgottesdienste. — Der Dresdener Antisemiten - Kongreß hat allhier ein kleines Nachspiel gehabt, worüber hiesige Blätter berichten. Wie am 14. d. M. an den Anschlagssäulen mit rosarothen Plakaten angezeigt wurde, sollten die drei ungarischen Abgeordneten v. Onody, v. Zerboni und v. Symonyi sich auf dem Berliner Bock in einer Antisemiten-Versammlung den Berlinern vorstellen. Selbstverständlich wäre es unwürdig gewesen, die „drei Vorkämpfer für die gute Sache" für 10 Pf. Entree zu sehen; deshalb war es auf 50 Pf. in die Höhe gegangen. Ganz verfehlt hatte sich die Spekulation auf die Neugierde nicht erwiesen, circa 7 — 800 Personen, darunter alle Antisemiten von Ruf, waren anwesend. Auf der Rednertribüne, dicht neben dem Platze des Vorsitzenden prangte das Bild der ermordeten Esther Solomossy. Dies Portrait bildete selbstverständlich eine g^reat attraction für das Publikum; in dichten Schaaren umstand dasselbe das sauber ausgeführte Gemälde, vr. Henrici hielt zuerst eine längere, außerordentlich heftige Philippika gegen die Juden, feierte den Dresdener Antisemitenkongreß und stellte als die Quintessenz der Berathungen die Thatsache hin, daß sich die deutschen und österreichischen Antisemiten in der Verfolgung ihrer gemeinsamen großen Zwecke vollständig einig wüßten. Hierauf wurde eine kurze Pause gemacht und Herr v. Onody, der Abg. von Tisza-Eszlar, trat, von vr. Henrici vorgestellt, an die Brüstung der Tribüne. Minutenlange Hochs ertönten, Hüte wurden geschwenkt, etliche riefen Eljen, dieser Ruf fand Anklang, so daß schließlich die Mehrzahl der Versammlung in diesen ungarischen Nationalruf ausbrach. Herr v. Onody ist der deutschen Sprache nur unvollkommen mächtig, er holte ein langes Aktenstück her und schickte sich an, seine Arbeit über den Mord in Tisza-Eszlar vorzulesen. Mit den,düstersten Farben schilderte er das Treiben der Juden in Ungarn, die aus dem Centralmagazin des Semitismus, aus Galizien in Ungarn hineinfielen. Das Verlesen des Aktenstückes ging außerordentlich langsam von Statten, so daß schließlich der ungarische Deputirte sein Elaborat einem anderen Herrn zur Vorlesung gab. Ziemlich stillschweigend wurde die Verlesung ausgenommen, nur die Stelle, in welcher genau geschildert wurde, wie der Esther Solomossy der Hals abgeschnitten wurde, rief ungeheuere Sensation hervor und zahlreiche Pfuis wurden gehört. Nachdem Herrn v. Onody der Dank der Versammlung dargebracht war, theilte Dr. Henrici mit, daß Herr v. Simonyi leider nicht anwesend sei, aber von Wien aus den sozialen Reichsverein begrüßt habe. Herr v. Zerboni sei freilich anwesend; aber aus gewissen Gründen würde derselbe keine Ansprache halten. Diese Ankündigung befriedigte die Versammlung nicht und so theilte dann Dr. Henrici zum allgemeinen Erstaunen mit, daß, wie ihm gemeldet sei, die österreichische Regierung an die preußische den Antrag gestellt habe, die heutige Versammlung zu verbieten, die preußische Regierung solle aber geantwortet

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