Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1882)
- Date
- 1882-10-03
- Page
- Seite 656 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, daß sie hierzu keine Veranlassung habe und dann erst einschreiten würde, wenn etwas Ungesetzliches stattfinden sollte. HerrHenrici meinte darauf, er würde schon dahinterkommen, was Wahres an der Thatsache wäre. Nachdem noch einige Interpellationen beantwortet warentrat Herr v. Zerboni an die Brüstung, um mit wenigen Worten die Versammlung zu beglückwünschen. Dr. Henrici theilte noch mit, daß er, um die Juden zu ärgern, das Portrait des Abgeordneten v. Onody recht groß vervielfältigen und verkaufen lassen würde; dann würde um H^/2 Uhr mit einem Hoch auf den Kaiser die Versammlung geschlossen, und unter Absingen antisemitischer Lieder ging dieselbe auseinander. Berlin, 24. Sept. Vorgestern Abend fand wieder eine antisemitische Versammlung statt, in der Herr Liebermann von Sonnenberg Bericht erstattete über den Antisemiten- Kongreß in Dresden. Ein Redner erklärte, im gewissen Sinne sei jeder Konservative auch Antisemit. — In dem Prozesse gegen den Redakteur der Ostend-Zeitung wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft durch die anläßlich der Tisza-Eszlarer Angelegenheit in einem Extrablatt ausgesprochene Behauptung, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenkinder schlachteten, erkannte die Strafkammer des Landgerichts auf Freisprechung, weil in dem inkriminirten Artikel ein direkt beschimpfender Ausdruck nicht enthalten sei. (Also die obige Behauptung ist kein „direkt beschimpfender Ausdruck."!! Ist von diesem Gerichte eine Appellation nicht möglich?) — Am 6. Oktober feiert der Prediger vr. A. Jellinek sein 25 jähriges Jubiläum als Prediger der Wiener Gemeinde. Frankfurt a. M., 24. Sept. (Privatmitth.) Es scheint jetzt eine Lieblingsbeschäftigung des Tagespresse zu werden, Berichte über Taufen von Juden zu verbreiten, die vollständig erfunden sind. Da sich die meisten Blätter sehr beeilen, dergleichen Nachrichten zu verbreiten, die darauf folgenden Dementis über ignoriren, so machen diese Enten doch einigen Eindruck im Sinne ihrer Urheber. Die Proselytenmacherei ist eben ein Geschäft, das keine Partei, auch die atheistische, betreffs der Juden verschmäht. So brachte die „Franks. Zig." jüngst die Nachricht, daß „drei angesehene Judenfamilien zum Katholizismus übergetreten seien", und man las dieses sofort in fast allen deutschen Blättern. Einige Tage später mußte die „Franks. Ztg." die Nachricht widerrufen, da sie vollständig aus der Luft gegriffen war. In gleicher Weise verfuhr man neulich mit dem Hofkapellmeister Levi. Es war dies der Dank für seine gewissenhafte und erfolgreiche Ausführung des musikalischen Theiles des Parsifal. Kassel, 18. Sept. (Privatmitth.) Außer den bekannten Brutstätten des Antisemitismus hat dieser wohl nirgends mehr gewühlt als in unserer Stadt. Früge man nach den Ursachen, so würde man in große Verlegenheit gerathen, da man eben solche auf keiner Seite zu finden vermöchte, und man würde zu dem Schluffe gezwungen sein, daß es nur darauf ankomme, ob sich irgend wo eine größere Anzahl Personen finde, die ganz besonders von Judenhaß beseelt sind und ein Interesse daran haben, diesen möglichst verlautbar zu machen. Jüngst ist dies so arg geworden, daß, da einmal von anderer dazu berufener Seite nichts dagegen geschieht — man erinnere sich an die auch in diesem Blatte mitgetheilte Entscheidung der Kasseler Oberstaatsanwaltschaft — die hervorragendsten Bürger Kassels einen „Aufruf" gegen die schmählichen Wühlereien erlassen haben. Derselbe lautet mit den Unterschriften: „Mitbürger! Bereits im März vorigen Jahres sah sich eine Anzahl hiesiger Bürger, unter welchen sich die geachtetsten Namen befanden, durch die damals mit Hilfe auswärtiger Redner erstrebte Ausbreitung der Antisemiten - Agitation in unserer Stadt zu einer öffentlichen Erklärung veranlaßt, welche mit Entschiedenheit gegen den Versuch/ die Eintracht mit, unseren jüdischen Mitbürgern zu stören, Verwahrung einlegw. Seitdem hat diese Agitation, namentlich durch Entstehung einer antisemitischen Presse, welche an Zügellosigkeit der Sprache kaum irgendwo ihres Gleichen finden dürste, einen Umfang' angenommen, welcher schon jetzt den guten Ruf Kassels in empfindlicher Weise zu schädigen geeignet ist und welcher jeden ruhig Denkenden im Hinblick auf die Zukunft mit ernster Besorgniß erfüllen muß. Die Maßlosigkeit der betreffenden Blätter läßt den angeblichen Zweck, wirklich bestehende soziale Mißstände zu beseitigen, völlig zurücktretengegen eine Be-- kämpfung des Judenthums an sich, bei welcher man sich nicht scheut, sowohl einzelne durchaus ehrenwerthe Mitbürger mit Schmutz zu bewerfen, als auch gegen das Glaubensbekenntniß und die Gesamnttheit der Israeliten die unerhörtesten Beleidigungen und Verdächtigungen fortwährend zu wiederholen und so einen Haß zu erregen, welcher zu den verderblichsten Folgen führen kann. Wenn wir hiergegen laut und öffentlich Verwahrung einlegen, so geschieht dies nicht sowohl, um von unfern eigenen Gesinnungen Zeugniß abzulegen, als vielmehr deshalb, um alle Diejenigen, welche den von uns verurtheilten Bestrebungen nicht ablehnend gegenüberstehen, zu ernstlicher Erwägung über das Unsittliche und Gefährliche dieser Agitation aufzufordern, welche, wenn sie gelänge, ein unberechenbares Unglück über unser Vaterland heraufbeschwören würde. Einig mit allen wohlgesinnten jüdischen Mitbürgern in Bekämpfung wirklicher Mißstände wollen wir durch Wort und That dahinstreben, unserer Vaterstadt den schwer gefährdeten konfessionellen Frieden zu erhalten, auf welchen sie bisher stolz sein konnte. Kassel, den 10. September 1882.