Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1882)
- Date
- 1882-10-03
- Page
- Seite 651 (sequence 3)
- Language
- German
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65L der Verständigung, sondern auch der Boden, auf welchem sich alle Geistesthätigkeit abspielt, und dies führt uns zn dem zweiten Moment des nationalen Bewußtseins, der-einheitlichen Volksbildung und der Bolkssitte. Wie vermöchte eine Masse zu einem organischen Zusammenhalt zu gelangen, wo die Volksbildung und Bolkssitte so mannichfaltig und so verschieden, zum Theil entgegengesetzt sind, wie bei den jetzigen Juden aus den verschiedensten Ländern? Die ganze Denkweise und Gefühlssphäre sind bei den Juden der verschiedenen Länder so heterogen, daß nur die äußerste Noth ein Zusammenleben und Zusammenwirken in einzelnen Fällen herbeizuführen vermag. Hierzu kommt endlich, was ja für einen nationalen Bestand von der höchsten Wichtigkeit ist, die politische Bildung. Die Juden sind Angehörige von Staaten aller möglichen Verfassungen, vom asiatischen Despotismus bis zur nordamerikanischen Freiheit; sie sind in die entgegengesetztesten politischen Richtungen eingewöhnt, und hiervon mögen sich wohl höher Gebildete freimachen können: die Massen vermögen nur durch lange geschichtliche Schulung sich den anerzogenen politisch-socialen Begriffen zu entwinden. Denken wir uns irgend ein Conglomerat einer größeren jüdischen Masse aus allen Erdtheilen, so ist ein organischer Bestand, eine nationale und politische Einheit in ihnen nicht möglich, weil es an den entschieden nothwendigen nationalen Momenten, an der Einheit der Sprache, der Volksbildung und des politisch-socialen Lebens fehlt. Die nächste Folge würden ja Parteiung, Spaltung, Zerrissenheit nach allen Richtungen hin sein. Denn zu allen diesen Punkten würde noch die Verschiedenheit der religiösen Richtung kommen, die seit einem Jahrhundert im Schooße des Judenthums Platz gegriffen hat. Schon die erste Frage, in wieweit das mosaische und das traditionelle Gesetz für das politische, sociale und industrielle Leben zur Geltung zu kommen habe, würde den erbittertsten Kampf der Geister und der Parteien mit sich bringen. Wir stehen hier vor thatsächlichen Zuständen, welche das höchste Ideal und der beste Wille zu überwinden nicht im Stande sind. Alles dies ist die unabweisliche Folge der Geschichte und der geschichtlichen Entwickelung. Kein einzelner Mensch, keine einzelne Meinung, keine einzelne Partei ist Schuld daran und vermag eine plötzliche Umgestaltung zu erwirken. Es ist der Stempel, den eine höhere Macht unsrer Geschichte ausgeprägt hat; es ist der Gedanke, den die göttliche Wallung selbst unsrer Geschichte eingesenkt hat; es ist der geschichtliche Beruf, den die göttliche Wettordnung unsrem Stamme gegeben hat. Uns liegt es ob, uns über diese Zustände, diesen Gedanken, diesen Perus Klarheit zu verschaffen, und nicht in willkührlichem Erfassen des einen oder des anderen Momentes thörichte und unhaltbare Bestrebungen, Wege, die zu keinem Ziele führen, einzuschlagen. Dies wäre um so mißlicher, je muthloser eine Enttäuschung macht, wenn diese erst eingetreten ist. Es ist so. Die Juden sind bestimmt, innerhalb der Nationen zu leben und sich diesen zu amalgamiren durch das Vaterland, in welchem sie geboren, durch die Sprache, die ihre Muttersprache ist, durch die Volksbildung und den in dieser waltenden nationalen Geist, durch die patriotische Theilnahme an den Geschicken, an den Mitteln und Äegen der Nation, also gerade in den wichtigsten und entscheidendsten Momenten der Nationalität. Was sie zu Juden macht, und als solche dauernd erhält, das ist die religiöse Ueberzeugung, die reine Gotteslehre, die ihr Wesen ausmacht, sie erfüllt, sie beherrscht, das ist die gemeinsame Abstammung, die Einheit des geschichtlichen Bewußtseins und die Solidarität, welche theils hieraus entspringt, zu nicht geringem Theile aber ihnen von außen auferlegt wird. Dies sind die Momente ihrer Zusammengehörigkeit, nicht mehr und nicht weniger. Wonach wir also mit allen Kräften zu streben haben, das ist vor Allem die Belebung, die Stärkung und Fortentwickelung unsrer religiösen Ueberzeugung, unsres religiösen Bewußtseins. Die Erhaltung unsrer Religion, das immer wache Interesse an ihr, das dauernde Geistesleben in ihr, die Durchführung ihrer sittlichem. Consequenzen, die Klärung derselben von allen geschichtlichen Entstellungen, die wissenschaftliche Durcharbeitung und die Verbreitung der Resultate dieser — dies macht den Inhalt unsrer jüdischen Bestrebungen aus, dies muß das höchste Ziel sein, auf welches unsre Arbeiten, Wünsche und Hoffnungen gerichtet seien. Wir wiederholen es, alle Bestrebungen ohne diesen religiösen Inhalt sind nichtig, zweck- und erfolglos. Dies ist es, was wir auch unsren Brüdern in Rußland zu sagen haben. Diejenigen unter ihnen, welche sich von der religiösen Ueberzeugung des Judenthums verloren haben, müssen vor Allem suchen, zu dieser zurückzukehren. Alle anderen Bestrebungen zur sittlichen, intellektuellen und industriellen Hebung der jüdischen Volksmasse sind gut und anerkennenswerth, werden aber erst durch den religiösen Gedanken von wahrhaftem und dauerndem Erfolge begleitet sein, weil sie erst durch diesen der belebenden Energie theilhaftig werden. Und wird Euch, Ihr Jünglinge, dies allzuschwer? Ihr braucht nichts als die Selbstüberschätzung, als die anmaßliche Einbildung, als den allzustarken Hochmuth auf den gerade oberflächlichsten Theil der modernen Bildung aufzugeben! Wenn Ihr Euch erst überzeugt, daß der edelste Kern der modernen Geisteswelt der materialistischen und nihilistischen Anschauung entgegengesetzt, abbold ist, daß es nur eine Schale, eine leicht verwesliche Hülse der Intelligenz und Wissenschaft ist, die Ihr in Händen haltet; daß die Erkenntniß der Wahrheit nur durch die unaufhörliche Geistesarbeit der ganzen Menschheit, nur durch die Entwickelung der Geschlechter nach ein- 40*