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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-10-03 · Heft 40 (3.10.1882) · p. Seite 650

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 40 (3.10.1882)
Date
1882-10-03
Page
Seite 650 (sequence 2)
Language
German
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den Regionen der Türkei aus. War doch der Grund.jenes Dogma nicht die Freundschaft für die Türkei, sondern nur die Eifersucht , der europäischen Mächte, welche keiner von ihnen die Beute gönnte. .Jetzt, da Alle zugreifen, ist das Schicksal der Türkei besiegelt. Daß . Tripolis den Italienern zufalle, ist kaum mehr fraglich. Ebenso wenig daß Syrien und Palästina entweder von den Franzosen, welche alte Traditionen für ihre Herrschaft daselbst zu haben glauben, oder von den Engländern, welche des Euphratthales und der dahin führenden Straßen für ihre indischen Besitzungen nicht entbehren können, besetzt werden. Dann wird Rußland nicht verhindert werden können, immer tiefer in Borderasien einzugreifen, und Oesterreich Salonichi zu nehmen. Als die härteste Streitfrage Lleibt nur übrig, welche christliche Macht das Kreuz auf die Spitze der Sophienkirche aufpflanzen solle. Von der islamitischen Herrschaft bleiben dann nur im Westen Marokko, im Osten Persien übrig; nach jenem wird Spanien die Hand ausstrecken, dieses wieder ein Zankapfel für England und Rußland werden. Dies Alles gehört nicht mehr in das Bereich der Konjekturalpoli- . tik, sondern hat sich zu unausbleiblichen Thatsachen gestaltet, wenn auch diese oder jene Einzelheit sich noch anders verwirklichen'wird?-'Das Todesröcheln des politischen Islam wird überall' gehört, der kranke Mann ist zum sterbenden geworden. Fürwahr, ein großes Stück Weltgeschichte, das sich vor unseren Augen abspielt! In all' den genannten Ländern sind seit uralter Zeit auch . Juden ansässig. Zum Theil stammen sie in jenen Ländern schon aus dem Babylonischen Exil her, waren vor und nach dem Erstehen des Islam zu hoher geistiger Kultur gelangt, zum Theil als Flüchtlinge aus den christlichen Ländern gastfreundlich ausgenommen, überall aber seit Jahrhunderten in arger Bedrückung und oft mißhandelt. Die Juden in Marokko und Persien leiden noch heute unter der despotischen Willkür der Regierung, wie unter der Barbarei der Bevölkerung. Kann man nun vom allgemein humanen Standpunkte aus die Herrschaft der Europäer in den mohamedanischen Ländern nur freudig begrüßen, da mit ihr Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, des Verkehrs und der Rechtspflege einzieht: so ist sie für unsre Glaubens- und Stammesgenossen die Morgenröthe eines besseren Tages. Algerien und Tunesien liefern schon jetzt den Beweis hierfür. Sicherlich wird in allen jenen Ländern unter der Erleichterung von dem lang getragenen Joche auch die Geistescultur in den so lange vernachlässigten dortigen Juden schnell erwachen und zu kräftiger Blüthe gelangen. Jndeß dürfen wir uns nicht einbilden, daß mit der Besitznahme durch die Europäer die Zeit allgemeinen Friedens für diesen weiten Ländergürtel gekommen sein werde. Blicken wir hin, so gewahren wir, daß die bunte europäische Länderkarte auf die afrikanischen und asiatischen Länder übertragen sein wird, und daß gerade wie in Europa selbst, Spanier, Franzosen, Italiener, Engländer, Oesterreicher und Russen auch dort neben einander sitzen und nothwendig über die Grenzen und die Stärke ihrer Macht in Streit gerathen werden. Der bewaffnete Friede, der in Europa herrscht, und der bei der" Spannung der Staaten und Völker unter einander jeden Augenblick in Kriegsflammen aufschlagen kann, wird auch nach den afrikanischen und asiatischen Besitzungen verpflanzt werden. Jedes größere Ereigniß in Europa wird auch seinen Kampfplatz in Asien und Afrika finden, und hier um so mehr, als jede Schwächung einer europäischen Macht vom Nachbar benutzt werden wird, um die alte Beute sich anzueignen. Unsre Söhne und Enkel werden'nicht sagen können, daß es ihren Vätern während des 19. Jahrhunderts gelungen ist, trotz ungeheuren Anstrengungen, den Frieden in der Menschenwelt sicherer zu stellen. Gewaltige Reiche fallen in Trümmer, aber die Sieger gerathen nicht minder in Hader unter einander und führen die alten Zerstörungskämpfe gegen einander fort. Eine alle Frage. n. Aus dieser, wie wir glauben, den sachlichen, geschichtlichen und psychologischen Verhältnissen entsprechenden Darstellung ergeben sich folgende Schlüsse. In uns Juden als solchen besteht und ist wirksam das Bewußtsein der religiösen Einheit, der gemeinsamen Abstammung, der geschichtlichen Zusammengehörigkeit und der Solidarität, die uns durch die Verhältnisse auserlegt wird. Dahingegen kann von einem „nationalen Bewußtsein", oder gar von der Bildung einer Nation unter den gegenwärtigen und den irgend vorauszusehenden Verhältnissen nicht die Rede sein. Hierzu würde es ganz anderer Momente bedürfen. Zunächst der Sprache. Die orientalischen Juden können sich nicht mit den russischen verständigen, diese trotz ihres Deutsch, aber welches! nicht mit den deutschen Juden, diese nicht mit den französischen, englischen u. s. w. Eine Vereinigung jüdischer Volkselemente aus allen Ländern würde sofort der Sprache wegen in Gruppen zerfallen. Man wende nicht die hebräische Sprache ein, die zwar das Mittel eines gemeinsamen Gottesdienstes, nicht aber des gemeinsamen Lebens darbietet. So bedauerlich es ist, die Kenntniß des Hebräischen ist im letzten Jahrhundert bei den Juden mehr ausgestorben, als irr zehn Jahrhunderten vorher, und bei der größten Mühe, die wir uns in unsren Religionsschulen geben, bringen es die Schüler nur zu einem dürftigen Verständniß der Gebete und des Pentateuchs, und dieses verliert sich in den nächsten Jahren fast ganz wieder. Aber die Sprache ist nicht blos das Mittel

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