Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1882)
- Date
- 1882-09-26
- Page
- Seite 643 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ansässigen Juden spricht nicht nur gut ungarisch, sondern versteht kaum deutsch. Es gab auch bisher niemals Unfrieden zwischen den Juden und Christen des Ortes. — Der Minister des Innern hat den Vertheidiger Eötvös auf seine Eingabe hinsichtlich der Unterbringung des Knaben Moriz Scharf abschlägig beschieden, weil der Vater den Wunsch aussprach, seinen Sohn, da er selbst bald entlassen zu werden hofft, in der Nähe zu Haben. Der Ministerialbescheid enthält noch folgende Stellen: „In der Eingabe werden schwere Klagen erhoben, sowohl bezüglich des bei der Voruntersuchung und des darauf folgenden Verfahrens, wie auch gegen Gerichtspersonen und Staatsanwaltschaft einerseits und gegen Verwaltungsbeamten andererseits; da jedoch das beanstandete Vorgehen der Administration in Folge richterlicher Beschlüsse oder Requisitionen erfolgte, so fällt das weitere Vorgehen bezüglich der gesummten Anklagen in erster Reihe in die Sphäre des königlich ungarischen Justizministeriums, weshalb die Eingabe behufs kompetenter Verfügung dem Justizministerium übermittelt wurde. Insofern jedoch durch das Resultat der Untersuchung erwiesen wurde, daß das Vorgehen der angeklagten öffentlichen Beamten ein gesetz- und vorschriftswidriges war, und daß zur Bestrafung eines solchen Vorgehens nicht das Gericht kompetent sei, so werden — eventuell auch auf Grund eines gerichtlichen Urtheils — durch das Ministerium des Innern in zweiter Linie die nach dem Gesetze erforderlichen Vorkehrungen getroffen werden". Brody, 10. Septbr. Nach einer heute vom Hilfscomitö der russisch-jüdischen Flüchtlinge vorgenommenen Zählung sind deren noch 2531 hier. Seit Anfang September wurden 2000 repatriirt, 500 nach Paris.und 60 nach Amerika befördert. Es ist Hoffnung vorhanden, im Laufe von drei Wochen bis auf eine kleine Anzahl alle zu repatriiren. Lemberg, im September. Der Landesausschuß veröffentlicht den Bericht über den von Merunowicz in der vorjährigen Landtags-Session gestellten und von der Landtags-Majorität am 17. Oktober 1881 angenommenen Antrag in Betreff der Hintanhaltung der angeblich bei Führung der jüdischen Matrikenbücher und der Evidenzhaltung der jüdischen Zivil-Standesregister unablässig vorkommenden Mißbräuche. Das Statthalterei-Präsidium hat, so theilt der Landes-Ausschuß mit, in Folge einer von Merunowicz noch im Jahre 1880 vorgelegten Petition, an die oberste autonome Landtagsbehörde untern: 15. März 1881 eine vom Bice-Präsidenten Ritter v. Zaleski Unterzeichnete Zuschrift gerichtet, worin erklärt wird, „daß die Regierungs Organe Nach einer in sämmtlichen politischen Amtsbezirken Galiziens vorgenommenen genauen Revision der jüdischen Matrikenbücher die Ueberzeugung gewonnen habendaß die Angaben des Beschwerdeführers unwahr sind, da die Bücher von den Rabbinen ordnungsgemäß geführt und die ohne Einwilligung der kompetenten Behörden eingegangenen Juden-Ehen in die Matrikel gar nicht eingetragen werden. Mit Rücksicht darauf daß die Bestimmungen der Ministerial-Berordnung vom 25. März 1875 streng durchgeführt werden, liege auch, für die Regierung gar kein Grund vor, irgend welche AevderÄngen oder Ergänzungen der gedachten Matriken-VbrWriften zuordnen." j!'‘ So klar und offen diese Antwort der^Hegierung ist-^so gaben sich die Judenfeinde hiermit doch nkcht zufrieden. Im Landtags-Bureau liegt ein von zahlreichen Mitgliedern der klerikalen Partei unterfertigter Antrag des Abgeordneten Merunowicz auf, der in der Montags-Sitzung eingebracht werden soll und folgendermaßen lautet: „Die Regierung wird zum dritten Male zur Revision der die galizische Judenschaft speziell betreffenden Gesetze mit dem Bemerken aufgefordert, daß sich die jüdische Bevölkerung noch immer den öffentlichen Lasten in Bezug auf Steuer und Militärpflicht entzieht, daß sie hinsichtlich des Erb- und Eherechts eine Ausnahmestellung einnimmt, daß ihre Kultusgemeinden nicht nur eine religiöse, sondern eine weitreichende politische Bedeutung haben und daß die jüdische Geistlichkeit gewisse Vorrechte genießt, die sich durch nichts rechtfertigen lassen." Nyiregyhuza, 11. Septbr. Meldung der „Ung. Post". Der kön. Ober-Staatsanwalt Kozma wartet wegen Übernahme der Untersuchungs-Akten die Rückkunft des Untersuchungsrichters Vary aus Tißa-Eßlar hier ab, welcher die Untersuchung wahrscheinlich morgen beendigt. Bezüglich der Wittwe Klein, geb. Barbara Roth, welche von Frau Solymosi ein Hemd der Esther erwerben wollte und noch zweier anderer, auf Grund von minder gravirender und unwesentlicher Verdachtsmomente in Haft befindlicher Angeklagten hat der Ober-Staatsanwalt wegen Stellung der Genannten auf freien Fuß.heute die Verfügung getroffen, daß die auf die Angelegenheit der Genannten bezüglichen Akten behufs Antragstellung durch den Staatsanwalt Havas sofort außer der Tour vorgenommen werden. Frankreich. Paris, 9. September. Die „Franz. Corr." schreibt: Ein Strom israelitischer Auswanderer aus Rußland, meistens dem Ärbeiterstande angehörig, ergießt sich in diesem Augenblicke über Paris. 89 sind gestern, eingetroffen und 200 werden morgen erwartet. Die Familie. Rothschild hat für die provisorische Unterbringung dieser Gäste in einem neuen Stadttheile am Fuße des Montmartre Räumlichkeiten im Gesammtbeträge von 45,000 Francs miethen lassen und dort haben die ersten Auswanderer auch schon Obdach ge- 39*