Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1882)
- Date
- 1882-09-26
- Page
- Seite 639 (sequence 7)
- Language
- German
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Grunde zu liegen. Wie dem auch sei, worin immer die Differenzen dieser Gruppen auch bestehen, und wie es sich auch mit den Insinuationen, Verleumdungen und kompromittiren- Enthüllungen verhalten mag, so viel steht fest, daß :— mögen auch diese oder jene Repräsentanten der „Palästinänsler" mit nicht ganz säubern Händen sich ans Werk gemacht haben — die „Palästinänsler" selbst, wenigstens die große Majorität derselben, haben doch nur die besten Absichten, und.werden sie von den uneigennützigsten, streng nationalen Motiven geleitet; und daß es durchaus nicht Wenige unter^-ihnen giebt, welche gern bereit sind, die größten Opfer ihren nationalen Bestrebungen zu bringen. Es sind mir selbst junge Leute bekannt, die Haus und Herd verlassen, die vielversprechende Zukunft eines Arztes, oder Technologen, oder Juristen rc. in Rußland verschmäht und sich den Auswanderern nach Palästina angeschlossen haben, auf die Gefahr hin, mit ihnen alle Noth und Entbehrungen zu theilen, um so ihr Ideal, die Kolonisirung Palästinas in eigener Person realisiren zu helfen. Allein auch in dieser warmen Begeisterung, in dieser enthusiastischen Opferfreudigkeit liegt doch etwas betrübend Russisches, etwas unheimlich Nihilistisches. Der russische jugendliche Patriot, oder der Nihilist, der gewöhnlich noch recht jung ist, er meint es gut und aufrichtig, und ist kapabel, sich für seine Idee zu opfern. Was man auch gegen die Nihilisten sagen mag, Niemand wird doch ihre beispiellose Selbstverleugnung, ihre unerhörte Unerschrockenheit in Abrede stellen. Aber diese Selbstverleugnung, diese Unerschrockenheit hat doch etwas Krankhaftes, ja Wildes. Der russische Student, der kein Bedenken tragen wird, im Solde des Nihilismus im Namen eines sein sollenden allgemeinen Wohls mit einer Petarde in der Hand in den sicheren Tod zn gehen, derselbe Student wird sich schwerlich entschließen können, im Namen des allgemeinen Wohls, sich mit Fleiß und Eifer dem Studium zu widmen, um ein tüchtiger Gelehrter zu werden, der, sei es als Pädagoge, sei es im Dienste der Wissenschaft, dem allgemeinen Wohl weit nützlicher sein kann, als Tausende Petarden, und bei allem dem ihm persönlich nicht die geringste Gefahr droht. Dies geschieht nicht bloß, weil dem Nihilisten etwa die nöthige Einsicht abgeht, sondern hauptsächlich, weil er eher die Kraft hat, sich für eine Idee momentan ganz zu opfern, als Jahre lang gelassen und geduldig, aber unablässig für eine Idee zu arbeiten. Es ist als ob er sich selbst mißtraut und fürchtet: er könnte selbst nach einigen Jahren ein Lump werden, und möchte sich dagegen sichern. Denselben Eindruck machen die nationalen Bestrebungen unserer Palästinänsler: Der echte „Palästinänsler" ist zu jeder Zeit bereit, im Namen der nationalen Idee aus seiner Hoch- . schule auszutreten, oder seine feste Stelle aufzugeben, die Brücke hinter sich abzubrechen und zum Wanderstab zu greifen, und so für alle Ewigkeit sich unglücklich zu machen, während dieselbe nationale Idee doch weit mehr gewinnen würde, wenn er lieber zu Hause bliebe und hier eben, an der Hebung und Förderung des jüdisch-nationalen Bewußtseins zu arbeiten, welche nur durch die Verbreitung der Kenntnisse der jüdischen Wissenschaft und der jüdischen Geschichte, und vor Allem durch jüdisch-religiöse Erziehung, zukünftiger Generationen und durch die Geltendmachung des religiösen Einflusses auf das gesammte Leben, der Juden möglich ist, oder wenn der betreffende „Palästtnänsler" hier zu Lande dadurch seiner nationalen Idee Vorschub leisten wollte, indem er bestrebt wäre, die alte jüdische Einheit und Solidarität, woran es uns vielleicht nie so Noth that wie jetzt , wieder zu gewinnen, und dafür, Sorge zu tragen, daß die jüdischen Kräfte sich nicht zersplittern und in verschiedenen Parteien und Fraktionen sich verlieren oder wenigstens dem Judenthum verloren gehen, "sondern Alles aufbieten, sämmtliche;jüdische Kräfte zu einer Partei zu vereinigen, welche den Interessen der russischen Judenheit, wie ihrer Zukunftsmission, sei es selbst die Kolonisirung Palästinas, am meisten dienlich wäre, oder wenn er schließlich bemüht wäre, der iunern^ .so schrecklichen Noth der russischen Juden zu steuern durch die Grülldung entsprechender Wohlthätigkeits- oder Geselljgk^itsvereine, durch Bildung verschiedener Gesellschaften und Unterne.h-nungen, die im Stande wären, den armen Juden, di^ jM. durch die tiefe Verschlimmerung ihrer Lage in Fplge der neuen „temporären Vorschriften" und „Ministerzirkuläre" in Hunger und Elend umkommen- Beschäftigung zu geben,..x Durch die Uebersiedlung einiger Hundert.HuWerleider',-Mch.>Palästina wird letzteres wohl immer mehr in Verfall gerathen und die Idee seiner Kolonisirung nur immer mehr miskreditiren, aber nie sie wirklich realisiren. Zur wirklichen und. erfolgreichen Realisirung dieser Idee ist was ganz Anderes nöthig, als die sofortige Uebersiedlung , wenn auch Tausender jüdischer Famitten. Aber nur an Letzteres denken unsere.„Palästinänsler" und unbekümmert um die Erfolge lenken sie, mit jugendlichem Eifer, der einer bessern Unternehmung würdig wäre, nach dieser Seite hin die nationale Bewegung ,, und stehen vor keinen Opfern zurück, ihre mehr als kühne Schwärmerei sofort zur lebendigen Wirklichkeit zu machen. Daß sie selbst durch ein solches unbesonnenes, überstürzendes Treiben ihre»! Ideal mehr Schaden bringen, als alle, ihre Feinde und Gegner insgesammt, und daß sie selbst in Folge dessen durch bittere Enttäuschungen geuöthigt, vielleicht zu spät, ihre Idee werden aufgeben müssen, das wollen, die Herren nicht einsehen. Und warum? Ich wiederhole es, weil sie leider! von den Russen zu viel gelernt haben, ja es scheint, als ob sie die Nihilisten sich zum Vorbilde genommen haben, was. nicht genug zu bedauern ist , denn es ist jammerschade um die schweren Opfer, die sie unnütz bringen, noch mehr aber um die