Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1882)
- Date
- 1882-09-26
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
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Leider nur allzu schnell und allzu gut haben unsere Brüder so Vieles von unfern russischen Mitbürgern gelernt. Ein frappantes Abbild der geschilderten Verhältnisse Bietet das gegenwärtige Leben unsrer hiesigen Glaubensgenossen. Die älteren Herren unserer jüdischen Intelligenz unterscheiden sich hinsichtlich ihrer idealen Bestrebungen und gemeinnützigen Thätigkeit kaum von ihren russischen Genossen. Wohl sind sie weniger leichtsinnig, verschwenderisch und genußsüchtig und mehr nüchtern, fleißig und energisch als die letzteren. Der jüdische Advokat wird seine Klienten nicht im Stiche lassen und im Klub oder im Restaurant Gerichtstermine versäumen, ebenso wenig wie der jüdische Arzt seine Patienten vernachlässigen wird, was gang und gäbe ist bei dem russischen Arzte oder beim russischen Advokaten. Aber wie diese rennen auch ihre jüdischen Kollegen nur nach materiellem Gewinn und kleinlicher ehrgeiziger Auszeichnungnach Lebensbequemlichkeiten und äußerem Glanz , und sind meist baar jedes höheren Strebens, jeder idealen Gesinnung. Interessen der Wissenschaft, des Gemeinwohls dienen ihnen höchstens als mäßiger Unterhaltungsstoff, die Pausen des viel interessanteren Kartenspiels auszufüllen. Meist hervorgegangen aus den niedrigsten Volksschichten und den ärmlichsten Verhältnissen, und mit aller Müh und Noth zum Advokaten oder Arzte sich emporgehungert oder auch hinaufgebettelt, fühlen sie sich in den bequemen luxuriösen Gemächern, im weichen gemächlichen Sessel, beim fetten lukullischen Mahle zu behaglich und zu vergnügt, als daß es für sie in allem Ernste noch ein anderes „summum bonum“ oder „salus publica“ geben könnte, die sie in Anspruch nehmen dürfte, als ihre Tasche. Jetzt, in Folge der traurigen Ereignisse der letzten Jahre und insbesondere Dank einer eifrigen Agitation der studirendsn Jugend haben sich auch die älteren Herren unserer Intelligenz für das Schicksal unseres Volkes sich zu interesstren angefangen. Wie weit aber dieses Interesse geht, ist aus Nachstehendem zu ersehen: Unsere Residenz zählt im Minimum drei Hundert Juden, die eine Hochschule absolvirt, welche durch, schnittlich wohlhabend, mitunter reich sind , von denen aber höchstens drei Dutzend an jüdischen Institutionen, wie an de,r Kultusgemeindeam „Verein zur Verbreitung der Bildung" und anderen Vereinen mit Beiträgen oder sonst wie sich betheiligen, obgleich die große Majorität dieser Herren aus jüdischen Mitteln großgezogen sind. Noch mehr: Als in letzter Zeit öfters Berathungen in höchsternsten allgemeinen Angelegenheiten abgehalten werden sollten, geschah es häufig, daß eine Sitzung deswegen nicht zu Stande kam, weil hier oder da ein Konzert oder ein Gastspiel stattfand. Und bei Allem dem ist die hiesige jüdische Intelligenz noch nicht die schlimmste im Lande. Sind ja auf sie die Augen der provinziellen Judenheit gerichtet und leider eben deswegen, weil die provinzielle Intelligenz noch weit schlimmer sein soll als die der Residenz. Ganz anders verhält es sich mit unserer studirenden Jugend. Man kann dreist behaupten, daß nichts bei uns in unseren internen Angelegenheiten ins Leben gerufen oder bloß in Angriff genommen, woran die Jugend, wenn nicht gar als Initiatoren, was meistens der Fall war, so doch als Agitatoren und Propagandisten energisch sich betheiligt hätte. Der „Verein zur Verbreitung der Bildung" ist Anfangs der sechsziger Jahre unter der Aegide einiger Studenten geschaffen worden, und würde wohl derselbe ganz anders ausgesehen haben, wenn die Jugend von unseren Kapitalisten, die besagten Verein unter ihr Protektorat genommen hatten, nicht verdrängt worden wäre. Unsere Kultusgemeinde in ihrer heutigen Gestalt, sammt ihrer Choralsynagoge und ihrem Waisenasyl und anderen Anstalten ist in erster Linie das Werk des unermüdlichen, ums allgemeine Wohl thätigen und energischen Herrn D. Feinberg, der Ende der sechsziger Jahre, als ärmer Student, sein Studium wie seine ganze wissenschaftliche Carriöre an den Nagel gehängt, um sich ausschließlich dem Dienste seiner Brüder zu widmen, was mit so schönem Erfolg gekrönt worden ist, und unsere Kultusgemeinde würde bestimmt ein anderes Aussehen gehabt haben, wenn materielle Verhältnisse Herrn Feinberg nicht gezwungen hätten, eine Stelle in der Provinz anzunehmen. Als während und nach dem orientalischen Kriege die Wogen des Slavianophilismus hoch schlugen und der Nihilismus seine energische Thätigkeit entfaltete und mit ihren Netzen viele jüdische Kräfte umstrickten,' auf die wir.Juden große Höffnungen zu setzen berechtigt waren; als der verzweifelte Kampf der Regierung mit den Feinden von Innen und von Außen Aller Aufmerksamkeit auf sich lenkte und das jüdische Leben immer mehr in den Hintergrund trat und vernachlässigt wurde, waren es wieder einige Studenten, welche die . große Gefahr erkannten, die aus jenen Umstanden für Israel erwachsen könnte, und mit jugendlicher Begeisterung und idealem Enthusiasmus die Fahne ihres Volkes hoch aufgepflanzt haben, um diese Fahne die Besten ihrer Kommilitonen wie auch die älteren Herren der jüdischen Intelligenz zu sammeln sich bestrebt, keine Opfer an Mühe, Zeit und Geld gescheut haben, Interesse für das Judenthum und seine Geschichte und insbesondere für die materielle und moralische Lage der russischen Judenheit durch Wort und Schrift zu wecken. Noch lebt hier in Erinnerung Aller die rührige Thätigkeit und mächtige Bewegung, welche jenes Häuflein unbemittelter, kaum gekannter Studenten im jüdischen Lager geschaffen hat, zu einer Zeit, wo Niemand mehr an Juden und Judenthum dachte und wo die Ansicht herrschte: die fortschreitende Russifikation und Amalgamation der Juden wäre die einzige und richtige Lösung der. jüdischen Frage. Jenes Häuflein Studenten war es, welches den edlen Muth hatte, mit dieser herrschenden Ansicht, wie mit dem Materia-