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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-09-26 · Heft 39 (26.9.1882) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 39 (26.9.1882)
Date
1882-09-26
Page
Seite 636 (sequence 4)
Language
German
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innerhalb gewisser Grenzen schneller und stärker geweckt werden als.durch eine.solche Solidarität. - Aus dieser, wie man zugestehen wird, den sachlichen, geschichtlichen und psychologischen Verhältnissen entsprechenden Darstellun.g ergeben sich bestimmte Resultate, wie wir sie im folgenden Artikel ziehen werden. Petersburger Sriefe. XIV. ( Petersburg, 6. September 188-2. „Worin äußert-sich die nationale Bewegung? wohin geht ihr Streben? .und. was ist von ihr zu erwarten?" Mit diesen Fragen habe ich meinen letzten Brief geschlossen. Bevor ich aber zur Beantwortung dieser Fragen schreite, sehe ich mich genöthigt, noch Einiges über diese Bewegung an sich und, auch.über deren Träger mitzutheilen. Fängen wir mit Letzteren an. Es ist charakteristisch für Rußland, daß die Pionniere einer jeden neuen Bewegung hier gewöhnlich unreife, von der Schulbank entlaufene Jünglinge sind. Wohl hat überall in Europa die,,studirende Jugend an allen Volkskämpfen, wie inneren.Ereignissen sich lebhaft betheiligt. Und wie wäre es auch anders.„möglich? Wer sollte denn opferfreudig stets mit frischer kühner That zur Hand sein, überall dort, wo es sich -urn'ß Wohl und Wehe des Vaterlandes, oder um die höchsten Güter der Nation handelt, wenn nicht die Blüthe des Volkes, dis noch von den Versuchungen und Nöthen des praktischen Lebens verschonte , und unverdorbene, für alles Schöne und Gute noch empfängliche studirende Jugend? Allein in Europa kannte die Jugend ihren Platz: , sie wußte, daß sie noch viel, sehr viel von den. Aeltesten ihres Volkes an Wissen und Erfahrung lernen muß und daß das Beste, was sie thun kann, ist, den greisen verdienstvollen Führern sich unterordnen und unter ihrer Fahne kämpfen, daß dagegen es unverzeihlich anmaßend wäre, wenn sie den Kommandostab übernehmen wollte. Ganz anders ist es in Rußland der Fall. Bon Gehorchen und Unterordnen will die Jugend hier nichts wissen, um zu herrschen und zu befehlen glaubt sie da zu sein. Von Niemandem lernen, will sie alle Welt belehren. Ohne Etwas ordentlich zu wissen, will sie Alles besser wissen, und was noch weit trauriger ist, daß sich Niemand findet, der mit sittlichem Ernst und Respekt einflößender Würde ihnen zurufen soll: „Bescheidenheit ziert den Jüngling", „Knaben, seid nicht unverschämt, lernt, seid hübsch fleißig, dann werdet ihr dereinst tüchtige Bürger des Vaterlandes und würdige Söhne eures Volkes werden". Anstatt eine solche Sprache mit der agitatorischen Jugend zu führen, buhlt man geradezu noch um ihre Gunst. Ernste Zeitungen und Journale nehmen keinen Anstand , durch die ausgedehntesten Koncessionen bei dieser Jugend sich einzuschmeicheln. Bekannte Schriftsteller vonVerdienst scheuen sich nicht, mit den demagogischen Schlingeln zu liebäugeln und an der Schwelle der Knaben- und Mädchenschulen um ein Bischen Popularität zu betteln. Leider ist es nicht ganz ohne Grund. Der Russe ist ehrlich, ideal, opferfreudig gewöhnlich nur so lange er auf der Schulbank sich befindet; sobald er aber diese verläßt und an das praktische Leben herantritt, kann er selten dessen Versuchungen widerstehen. Ein „Titelchen", eine „Dekoration", ein „warmes Plätzchen" oder die „Gunst hoher Herren" sind für ihn, den schwachen, charakterlosen Stimmüngsmenschen, ohne alle fest ausgearbeitete, klardurchdachte Ueberzeugungen, zu verführerisch, zu bestrickend. Aus dem einstmaligen ehrlichen, idealen, opferfreudigen Schwärmer wird ein käuflicher, schmieriger Schurke, der zu Allem fähig ist: aus dem gestrigen „Rothen" wird heute ein „Blauer", d. h. ein feiger Scherge der geheimen Polizei, ein Spion. Sie finden selten unter den russischen Rädelsführern und Publicisten Leute, die nicht bereits ein- oder mehrmals ihre Farbe gewechselt, oder von welchen man nicht fest überzeugt wäre, dieser ist und wird ein Verräther sein. In Folge dessen giebt es auch in Ruß-, land keine eigentlichen Parteien — es sei denn die nihilistische, wenn man sie als solche betrachtet — mit bestimmten Programmen und festen Zielen, die ihre Organe haben. Unsere Organe sind vielmehr merkantile Unternehmen in Form von Zeitungen und Journalen, die „in gewissen Theorien-machen", zu ihren Kunden ihre Leserkreise rechnen, und bloß als Reklame sich „Partei" nennen. Aber sie betrügen damit Keinen. Man weiß , daß hinter ihren pathetischen Phrasen eine finanzielle Spekulation und meist noch keine saubere, sich versteckt, und Niemand kehrt sich an ihre -Priester und .deren Predigten. Von der Jugend ist mau anderer Meinung. Man ist überzeugt, daß wenn sie auch irren möge, so es doch wenigstens ehrlich meint. In gebildeten Kreisen weiß man, daß die Jünger unserer Schulen und Hochschulen weit mehr sich für Wissenschaft interessiren, als deren Lehrer und Meister, die Herren Professoren, welche eher biegsame und schmiegsame Regierungsbeamte, als Männer der Wissenschaft sind, und die mehr ihren Diensten in verschiedenen Behörden und Kommissionen als ihrem Wissensfache obliegen. Daher kommt es, daß der gebildete Theil der russischen Gesellschaft Vertrauens¬ und hoffnungsvoll auf die lernende Jugend sieht. Diese kennt nun ihre Macht, womöglich überschätzt sie noch , und macht von ihr den ausgedehntesten Gebrauch, ja sie hält sich in allem Ernst berufen, das Volk zu lenken und zu leiten und sogar ein „neues Wort" zu sprechen. Sie begnügt sich nicht bloß mit Sprechen, sondern greift auch thätig ins Leben ein. Was von einem solchen Treiben zu erwarten ist, haben uns die ebenso schändlichen als greulichen Ereignisse der letzten Jahre gezeigt. .□iTB'yD tid^i WM nnyrm

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