Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1882)
- Date
- 1882-09-26
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
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635 Ein zweites bedeutendes Mittel war die Abstammung, die Verheirathung der Juden unter einander. Unsren Gegnern gegenüber müssen wir von vorn herein betonen, daß es viel entschiedener die Dekrete der christlichen Concilien und dann die Landesgesetze waren, welche die Mischehen zwischen Christen und Juden untersagten, als dies das jüdische Gesetz that, und daß ebenso der Islam jede Verheirathung eines Juden oder Christen mit einer Muselmanin mit dem Tode bestraft. Gut, sagen unsre Gegner, so oder so, jedenfalls bedeutet diese gemeinsame Abstammung der Juden eine fremde Nationalität im Schoße der Nationen, in welchem sie wohnen und sich erhalten wollen. Aber dies ist eben eine durchaus falsche Behauptung. Die Abstammung ist wesentlich für die Nationalität nur in ihrem Ursprünge. Im Laufe der Geschichte und der Geschicke nimmt jede Nation fremde Elemente auf und resorbirt sie in ihre Nationalität nach wenigen Geschlechtern. Denn die Entwickelung derselben ist wesentlich bedingt von der Beschaffenheit des Landes, das sie bewohnt, und von den Geschicken, die sie betreffen, von den Einwirkungen von außen und von der Entfaltung im Inneren. Die Nationalität prägt sich aus in der Sprache, verwirklicht sich in dem geistigen Leben, in den Anschauungen und Sitten, in der nationalen Bildung; sie lebt in dem gemeinsamen materiellen und geistigen Schaffen, in dem gemeinsamen Ringen und Kämpfen, in dem gemeinsamen Wohl und Weh, in den Opfern und Leistungen, die gemeinsam gebracht und vollführt werden. Wer unbefangen diese Reihe der wichtigsten Momente und Faktoren innerhalb einer Nationalität überschaut, der wird zugestehen, daß für die letztere die Abstammung nur nebensächlich ist, daß vielmehr Bolkselemente von gleichem Ursprung zu höchst verschiedenen Nationalitäten, und Volkselemente verschiedenen Ursprungs zu einer und derselben Nationalität werden können und geworden sind. Nicht für die jüdische Nationalität, sondern für die Erhaltung ter jüdischen Glaubensgenossenschaft war und ist die gemeinsame Abstammung von großer Bedeutung. Denn diese stört die Annahme einer anderen Nationalität und die thatkräftige Betheiligung an ihr durchaus nicht, wohl aber steht sie mit der Familie in engster Verbindung und besitzt den Charakter der Familie. Sie ist deshalb das Mittel, einen geistigen Gedanken, und Zweck um so eher aufrecht zu erhalten, theils weil die neuen Geschlechter, in die alten unmittelbar hineingeboren und von ihnen erzogen werden, theils weil die Einzelnen immer wieder an die Gesammtheit geknüpft werden. Für eine in der Minorität, in einer in kleine Gruppen zerstreuten Majorität befindliche Glaubensgenossenschaft ist deshalb die Erhaltung der gemeinsamen Abstammung, von entschiedener Wirksamkeit. Daß diese aber die Nationalisirung nicht verhindert, dies wird Jedem klar, der etwa englische Juden mit polnischen, portugiesische mit deutschen. italienische mit dänischen, orientalische mit ihnen allen vergleicht. Sie besitzen alle einen ganz verschiedenen Typus, einen verschiedenen Charakter, verschiedene Sitten. Und doch schließt sich hieran noch ein drittes, bedeutsames Moment: wir meinen die gemeinsame Geschichte und die Solidarität der Juden. Wir trennen diese beiden nicht, weil die letztere aus der ersteren geflossen, und weil wir meinen, daß die erstere ohne die letztere von keinem dauernden Einflüsse wäre. Auf die Erinnerungen eines Volkes an seine Geschichte geben wir wenig; nicht einmal die Staatslenker berücksichtigen diese Erinnerungen und handeln in deren Geiste, viel weniger das Volk in Zeiten seiner Erregung. Aber selbst an ihre Geschichte werden die Juden immerfort von außen her erinnert. Da, wo die Juden durch eine längere Zeit hindurch der Gleichstellung, der Sicherheit und Ruhe sich erfreuen, vergißt das aufwachsende Geschlecht sehr leicht der Geschichte und Geschicke seines Stammes und verlernt sie fast ganz. Aber die Geschichte des alten Israels, die mehr als fünfzehn Jahrhunderte bespannt, ist zum allgemeinen Unterrichtsgegenstande bei allen Völkern geworden, und so drängt sich diese auch der ihrer Religion entfremdetsten jüdischen Jugend von selbst auf, während die nachbiblische jüdische Geschichte besonders gelehrt werden muß. Immerhin ist damit ein sicherer Boden für die gemeinsamen Erinnerungen .geboten. Die Solidarität aber ist erst recht den Juden aufgenöthigt. Unsre Gegner irren sehr, wenn sie dieselbe als ein spontanes Gewächs-des jüdischen Geistes ansehen; im Inneren wirkt sie erst, wenn sie von außen geweckt, gereizt, geschärft worden. Aber sie wird von den Menschen um uns mit einer rührenden Sorgfalt gepflegt, und, wenn sie einmal oder irgend wo ein wenig abgeschwächt scheint, thun die Leute alles Mögliche, um sie den Juden wieder zu Gefühl und Bewußtsein zu bringen. Wenn etwa in einem entlegenen Winkel von Asien Etwas geschehen ist, woran einer oder der andere Jude beiheiligt ist, so sieht gewiß in Australien der christliche Nachbar den jüdischen darauf an, und läßt es ihn fühlen, daß auch er daran betheiligt, daß er der nächste Verwandte des asiatischen Juden sei. .Wie in der gegenwärtigen Zeit Alles einen großartigen Strich nimmt, und sich sofort verallgemeinert: so auch mit dieser Solidarität. Der Antisemitismus der letzten Jahre hat dies bewiesen; er pflanzte sich aus einer beschränkten Gegend in große Länder fort und der Kampf der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des ganzen modernen Gesellschaftslebens gegen diesen Unhold aus mittelalterlichen Regionen eröffnete sich auf weiten Linien. Dieser Antisemitismus hat aber seine Erklärung nur in der Solidarität, die man allen Gliedern des jüdischen Stammes immer von Neuem auferlegte. Durch nichts kann aber das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, der Zusammengehörigkeit