Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1882)
- Date
- 1882-09-26
- Page
- Seite 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227433--40217-3257843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gelegenheit dazu. Als sie in Hundert Tausenden aus Spanien vertrieben wurden und unter türkischem Zepter Zuflucht fanden, haben sie sich massenhaft in Stambul, Salonichi, Smyrna niedergelassen, aber nur schwache Schößlinge nach Jerusalem, Hebron, Nablus, Tiberias und Safed, gerade so wie nach Bukarest und Wien verpflanzt, obschon damals Palästina einen noch, viel günstigeren Boden, selbst für industrielle Unternehmungen hot, als gegenwärtig. In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts hatte ein wackerer amerikanischer Jude, Capitän Noah, den Plan, eine jüdische Colonie in Amerika zu gründen und zu diesem Zwecke eine große, abgeschlossene Landschaft zu erwerben. Er gab sich viele Mühe, verbreitete seinen Entwurf durch ganz Europa; auch damals fanden Judenverfolgungen statt und der größte Theil unsrer Glaubensgenossenschaft seufzte noch unter schweren Bedrückungen. Dennoch blieben seine Bestrebungen ohne jedweden Erfolg. In der That, jeder Versuch, eine jüdische Nation innerhalb bestimmter geographischen Grenzen wieder zu schaffen, würde nach kürzerer oder späterer Zeit ein unglückliches Ende genommen haben; wie bei dem Zusammenstoß der Völker auf einander zur Zeit der Chaldäer und der Römer, würde die kleine Nation immer wieder zermalmt und zerschmettert worden sein. Bei unsren Vätern war vielmehr immer der Glauhe lebendigdaß es der besonderen Fügung Gottes und der Sendung des Messias bedürfe zur Wiederherstellung der jüdischen Nationalität, des jüdischen Volksstaates. Hierin lag aber die Verneinung, daß auf irgend einem anderen Wege ein solches Resultat erwirkt werden könne. Liegen nun etwaMe Verhältnisse in der gegenwärtigen Zeit anders als sie früher, als sie bis zu unsrer Zeit lagen? Wir meinen, sie liegen durchaus nicht anders, am wenigsten ' in Palästina. Man braucht wahrlich keine besondere politische Einsicht zu besitzen, um zu erkennen, daß das Reich des türkischen Sultans in Trümmer zu zerfallen im Begriffe steht, daß der Zeitpunkt sehr nahe ist,-wo die europäischen Mächte es unter sich vertheilen und namentlich die eine oder die andere ihre Hand nach Syrien und Palästina ausstrecken werde. Voraussetzen läßt es sich, daß das Todesröcheln der islamitischen Herrschaft nicht ohne schweren Kampf vor sich gehen werde; aber ebenso denkbar ist es, daß diese Theilung des türkischen Länderbesitzes unter den europäischen Mächten selbst mannigfache Zwietracht Hervorrufen werde, und daß überhaupt der Zusammenstoß der europäischen Mächte in Asien noch blutige Kämpfe herbeiführen müsse, bis sich die Verhältnisse geordnet Haben und zu einem gewissen Stillstand gekommen sind. Der schwierigste Punkt wird eben gerade Palästina sein, an welches jede christliche Confession einen Anspruch zu haben glaubt, und wo die wiederhergestellte Herrschaft des Christenthums nur. in Begleitung schwerer konfessioneller Streitigkeiten austreten wird, die mit jeder eintretenden Veränderung in Europa immer -neue Nahrung erhalten werden. Wer kann unter solchen Umständen und Aussichten die Existenz und Entfaltung "der jüdischen Nationalität oder gar einer kleinen jüdischen Nation in diesem Lande erwarten oder nur für möglich halten? Fürwahr, dazu bedürfte es einer ganz anderen Aera, einer Aera des allgemeinen Friedens , der festen Ausgestaltung aller politischen Verhältnisse — und diese Aera wird noch länge zu erhoffen sein. Unsre Propheten haben sie verkündigt; drittehalb Jahrtausende erwarten wir sie gläubig; einige weitere Jahrhunderte zu hoffen, kann hier nicht schwer fallen. Also trotz dieses Mangels hat sich der jüdische Stamm inmitten der Zeiten und der Völker erhalten. Wodurch vermochte er dies? welche sind die Gründe und Mittel, durch welche dieser dauernde Bestand bewirkt wurde? Die Beantwortung dieser Frage ist es eigentlich, die uns in der ganzen Angelegenheit interessiren muß und die uns Aufklärung verschafft über die Zukunft, Wie in allen Erscheinungen des wirklichen Lebens, in Natur und Geschichte, sind es auch hier mehrere Faktoren, die zusammengriffen, um ein solches Produkt hervorzubringen. Spüren wir ihnen nach. Unzweifelhaft tritt uns hier vor Allem der religiöse Gedanke, die Religion Israels, die Gotteslehre entgegen.. Sie ist es, die unser Stamm aus seiner Heimathsstätte mitgenommen, die er in alle Länder mit sich trug, die ihm das wahre Lebenselement 'war, für welches er stets alle anderen hin- und aufgab; sie vertheidigte er mit Gut und Blut, um sie schaarte er sich in großen und kleinen Gruppen, ihr widmete er all' seine Geisteskraft. Daß sie das wesentlichste Moment seiner Erhaltung war, weil er sie aus seinem innersten Wesen heraus gar nicht ausgeben konnte, daß sie ihm Charakter und Wesen verlieh und aufstempelte, darüber braucht man kaum ein Wort zu verlieren. Auch das Gegenexperiment ist gemacht worden. Alle Theile des jüdischen Stammes, die von seiner Religion abtrünnig wurden, haben als Juden jeden Bestand verloren, und vergebens werden die Spuren der Zehnstämme in Assyrien und der Marannos im gegenwärtigen Spanien gesucht. Was nicht aus diesem Lande flüchtete und zum Judenthume zurückkehrte, hat aufgehört zu existiren. Das Gegentheil beweisen wiederum, die Karäer, dieser kleine Zweig, der sich vom jüdischen Stamme abgelöst hat, und trotz seiner numerischen Schwäche bestehen blieb, weil er einen religiösen Gedanken hatte und mit aller Treue festhielt. Hier muß jedoch erwogen werdendaß dieser religiöse Gedanke " Israels Nicht bloß Mittel war, sondern zugleich Zweck, daß in ihm der weltgeschichtliche Zweck für das Dasein Israels enthalten war, und für alle Zeiten enthalten ist. Ohne ihn würde der jüdische Stamm noch heute, und vielleicht heute mehr als je zur Auflösung kommen.