Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-09-19 · Heft 38 (19.9.1882) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 38 (19.9.1882)
Date
1882-09-19
Page
Seite 626 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227432--40208-3257833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

hältniß für die Israeliten ungünstig ist. Während am 1. Dez. 1880 von 10,000 Evangelischen 24,1, von 10,000 Katholiken 23,7 geisteskrank waren, gab es unter 10,000 Israeliten 38,9. Die Ursachen der allgemeinen Zunahme der Geisteskrankheiten, welche in 10 Jahren 20 Prozent betrug, während die Bevölkerung nur um 10 Prozent zunahm, müssen in der gegenwärtigen Konstitution des Cerebralsystems, welche zu Gehirnkrankheiten neigt, dann aber in der, dieses Leiden begünstigenden Steigerung der Geistesanstrengungen und der Leidenschaften gefunden werden, welche die socialen Zustände unsrer Zeit mit sich führen. Die Verwirrung und Unruhe aller Lebensverhältnisse, besonders der gewerblichen, die mit öftern und schnelleren Steigen und Sinken verbunden sind, die hochgradige Sucht nach Besitz und Reichthum und brennender Ehrgeiz, das sind die Motive, die allzu leicht zu Geisteskrankheiten führen. Wer den unverhältnißmäßigen Antheil erwägt, den die jüdische Jugend an den höheren Lehranstalten, also an der höheren Bildung und den Bestrebungen nimmt, die hieraus erfließen, und dann das Gebiet in Betracht zieht, auf welchem eine große Zahl der Juden ihre Thätigkeit suchen, wird die oben besprochene Erscheinung erklärlich finden. In Angelegenheiten der russischen Flüchtlinge reist, wie hiesige Blätter berichten, der Abg. Ludwig Löwe nach Paris' und London, um eine Verständigung des Central- Comit^s über das weitere Verhalten zu bewerkstelligen. Breslau, 8. Septbr. (Privatmitth.) In der verflossenen Nacht ist plötzlich der Seminar-Rabbiner Dr. Joöl verschieden. Das jüdisch-theologische Seminar hat also abermals das Mißgeschick, seinen Hauptträger nach verhältnißmäßig kurzer Thätigkeit zu verlieren, wie dies vor dem Heimgegangenen mit dem Direktor Dr. Lazarus der Fall gewesen. Dr. Joel, früher Rabbiner in Krotoschin, von ausgezeichneter rabbinischer Gelehrsamkeit, vom Geiste echter Frömmigkeit beseelt, gerecht und unparteiisch in seinem Urtheil und in der Richtung, welche er mit unermüdlichem Eifer verfolgte, dabei vom freundlichsten, leutseligsten Charakter, nimmt mit der höchsten Achtung auch das tiefste Bedauern über sein frühes Hinscheiden und über den schweren Verlust mit in die Gruft, den die Seinigen und die Anstalt, an der er wirkte, erlitten. Stuttgart, 4. Septbr, (Privatmitth.) Das hiesige „Neue Tagblatt" schreibt: Die Durchreise von russischen Israeliten dauert fort. Heute ist wieder eine große Zahl, von München kommend, hier eingetroffen. Bei allen geht die Reise nach Paris. Die Beförderung erfolgt auf Kosten des Barons v. Rothschild. Nach der vom K. Ministerium des Kirchen- und Schulwesens veröffentlichten „Statistik des Unterrichts- und Erziehungswesens im Königreich Württemberg" betrug die Zahl der Gymnasial- und Lateinschüler 9£57, (darunter 6716 Evang., 2134 Katholiken und 396 Juden),. der Realschüler 6629, (darunter 5283 Evang., 1009 Kath. und 32t Israel.), der Borbereitungsschüler für gelehrte Schulen 2422, darunter 2089 Evang., 221 Kath., 110 Israel.), der höheren Mädchenschulen 2166, (darunter 1901 Evang., 82 Kath. und 172 Israel.). Nach der Bevölkerungszahl zählen die Evang. 66 ^/g , die Katholiken 3lf0/o, die Israel. 0,65 °/o. Hiernach ist das Verhältniß der israelitischen Schüler überall sehr günstig; so z. B. bei den Gymnasialschülern 4,8 %. Oesterreich-Ungarn. Pest, 5. September. (Privatmitth.) Wenn es darauf anküme, die antisemitische Agitation in Ungarn und insbesondere die scheußlichen Formen, in denen sie aufgetreten, dadurch zu beseitigen , daß die Tagespresse die Erkenntniß dieser Greuel und des Verrathes am Vaterlande, der dadurch geübt wird, verbreitet, und mit den stärksten Ausdrücken brandmarkt, so wäre wirklich nicht mehr die Rede von jener. Aber es ist dennoch nicht so, und gerade der schimpflichste Fleck, daß nämlich die Justiz sich zur Magd des Antisemitismus gemacht hat, wird immer schwärzer. Alle die Enthüllungen, die in letzter Zeit über das Justizverfahren in Tißa-Eßlar geschehen sind , und die keinen Zweifel über, die judenfeindliche Tendenz lassen, welche das Untersuchungsgericht von Anfang an verfolgte, haben nicht einmal eine Beschleunigung dieses Prozesses herbeigeführt und der Justizminister Pauler sieht heute noch der Sache so ruhig zu wie vor vier Monaten. Man erinnert sich der Energie, mit welcher der Ministerpräsident Tißa im Abgeordnetenhause sich gegen die Antisemiten ausgesprochen und der thatkräftigen Unterdrückung , die er gegen sie anzuwenden verheißen hat. Seitdem hat sich innerhalb seines eigenen Kabinets, im Justizdepartement, der Antisemitismus breitgemacht und dieheftigste Erregung herrorgerufen — aber wir haben nicht gehört, daß Tißa seinem Kollegen irgend eine ernste Mahnung hat zukommen lassen. Das Wort ist eben nicht die That. Und doch hätte er die nächste Veranlassung dazu, da es die ihm feindliche äußerste Linke ist, von welcher die ganze Sache, wenn nicht ausgeht , doch gefördert und genährt wird, natürlich aus, bloßem Oppositionsgelüste, was^ ihr zu dauernder Schmach gereichen wird. — Die Eingabe des Vertheidigers Karl Eötvös hat zur Folge gehabt, daß der Knabe Moritz Scharf auf Entscheidung des Ministeriums des Innern nach Pest gebracht wird,, um bis zur Beendigung der Verhandlung in der Tißa-Eßlarer Affaire in einem hauptstädtischen Humanitätsinstitut untergebracht zu werden. Hiermit ist zugleich erwiesen, daß die Thatsachen, die der Vertheidiger in seinerEingabe vorgetragen, vollständig wahr sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.