Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1882)
- Date
- 1882-09-19
- Page
- Seite 625 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und unparteiisch zu Rathe gezogen sind. — Der Verfasser verfehlt nicht, dies in der Vorrede zum 1. Bande bereitwillig anzuerkennen. Was nun das Ziel betrifft, welches bei der Herausgabe dieses Gebetbuches gesteckt war, den Synagogenkültus den Bedürfnissen der Zeit entsprechend zu gestalten ohne dabei die historische Grundlage zu verlieren, so muß anerkannt werden, daß dieses Ziel meisterhaft erreicht wurde. Dem Verfasser gebührt das unbestreitbare Verdienst, ein selbständiges und vollständiges, sowohl fürdie häusliche wie öffentliche Andacht sehr brauchbares und werthvolles' Werk -geschaffen zu haben. Das Wort Quintilian's xeetus facit disertos gilt gewiß in noch höherem Grade bei der Abfassung und Einrichtung eines Gebetbuches als für den Kanzelredner. Beim Gebete, ob dies nun eine Uebertragung oder eine Originaldichtung sei, gilt es vor Allem jene Brust- und Herzenstöne zu finden, zu einer wahrhaften 2^.2 rnfcy, zu einem Gottesdienste des Herzens zu gestalten. Wer da nicht gleich dem Verfasser Meister im sprachlichen Ausdrucke ist, und selbst in tiefster Seele'empfindet, was den SLaubgebornen ergreifen und zu Gott emporheben kann, der sollte jedem Eingriff und jeder eigenen Thätigkeit, um Gebete zu verfassen oder abzuändern fern bleiben. Einem zweiten immer dringender werdenden Bedürsniß unserer Zeit ist im vorliegenden Gebetbuche ebenfalls in ausreichender Weise Rechnung getragen. So wünschenswerth es nämlich im allgemein jüdischen und im religiösen Interesse sein mag, daß jeder Israelit wenigstens so weit mit der hebräischen Sprache vertraut sei, daß er die Hauptgebete im Urtexte zu sprechen vermag, so können wir uns andrerseits . der Thätsache nicht verschließen, daß viele Glaubensgenossen des. Hebräischen nicht mächtig sind. Wie man nun schon in früheren Jahrhunderten für die. der hebräischen Sprache nicht kundigen Frauen in den sogenannten Techinoth Gebete in der Umgangssprache geschaffen hat, so muß gegenwärtig auch für - den männlichen Theil der Synagogenbesucher dem deutschen Element im Gebetbuche Raum vergönnt werden. Denn ein Gebet ohne Verständniß und ohne Andacht bleibt immer, — wie unsere Alten dies so schön ausdrücken — ein Körper ohne Seele. Leider befriedigen in dieser Beziehung nicht alle modernen Gebetbücher. So vernachlässigt z. B. das Geiger'sche fast durchweg die deutschsprachliche Form durch eine schwerfällige Paraphrase des Urtextes. Diese und ähnliche'Fehler sind in dem vorliegenden Gebetbuche'glücklich vermieden. Sowohl die prosaischen wie ganz besonders die poetischen Stücke sind von tiefer Innigkeit und Wärme und stimmen zu Andacht und weihevoller Empfindung. Ein entschiedener Vorzug ist es auch, daß der Verfasser den althergebrachten Gebeten ihr historisches Gewand thunlichst gelassen hat. Denn es ist gewiß nur zu billigen, wenn die Erinnerung an Zion und Jerusalem aufrecht erhalten wird. Auch die Gebetstücke für die Privatandacht und bei besonderen Veranlassungen im häuslichen und Familienleben sind den mannigfachen Bedürfnissen und Regungen des menschlichen Herzens angemessen. Als neu begrüßen wir im vorliegenden Werke eine vollständige zeitgemäße Umarbeitung der Pessach-Agadah. Mit meisterhafter Geschicklichkeit ist hier die Agende zwischen dem Vater und den anderen Mitgliedern der Familie vertheilt, und das Ganze in eine schöne Form gebracht, welche allen Anforderungen eines gebildeten Geschmackes enspricht. Durch den mannigfaltigen Inhalt des. Steinffchen Gebetbuches wird unsere Liturgie mit einem Werke bereichert, in welchem für alle Verhältnisse und Gelegenheiten im menschlichen Leben Gebete zu finden sind,, die uns zu Gott hinführen und das, was uns in tiefster Seele bewegt, in entsprechende Worte kleiden. Möge dem greisen Verfasser als schönster Preis seiner wohlgelungenen und anerkennenswerten Arbeit die Freude zu Theil werden, sein Gebetbuch zur Erbauung und Erhebung der Glaubensgenossen in recht vielen Gemeinden eingeführt zu sehen. X- Deutschland. Berlin, 4. Septbr. Die „Kreuzztg." fordert die Herren Konsistorialrath Taube- Pfarrer Serno und Divisionsprediger Moldenhaüer, alle in Bromberg, auf, sich wegen ihrer Teilnahme an der Grundsteinlegung einer Synagoge zu verantworten. Bei dieser Feier wurde das Lied gesungen: „Allein Gott in der Höh' sei Ehr!" — Der Kaiser hat der hiesigen jüdischen Gemeinde zur Annahme eines Kapitals von 11,000 Mk., welches derselben von einem nicht genannt sein wollenden Mitglieds zu Zwecken der jüdischen Armenpflege zugewendet worden ist, die Genehmigung ertheilt. Die Stiftung soll nach dem Wunsche des Geschenkgebers den Namen „Louisen-Stiftung" erhalten. Berlin, 8. Septbr. (Privatmitth.) Nach den Veröffentlichungen der „Statist. Korr." ist die Zahl der Geisteskranken in erheblicher Zunahme begriffen, und außerdem stellt sich die Wahrnehmung heraus, daß das numerische Ver-