Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227431--40193-3257817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schädige, deren Verluste vielleicht unersetzbar sind, könnte ich ' meine Ausgabe nicht als erfüllt betrachten, werm ich am Schlüsse nicht noch eine Bitte an Sie richtete. Nicht Rachedurst, nicht Feindschafts eingebungen, nicht der Eifer eines Miethlings und nicht die Beschränktheit eines Fanatikers dürfen aus der Rede des Verteidigers der Beschädigten sprechen. Da er vor Allem im Dienste der Gerechtigkeit und des Gesetzes steht, kann er auch jene allgemeinen Ursachen des Ihrem Urtheile unterbreiteten Verbrechens nicht außer Acht lassen. Das Gefühl der menschlichen Solidarität verbindet uns auf gleiche Weise mit den Beschädigten wie mit . den Schuldigen, und im Namen dieser menschlichen Solidarität erlaube ich mir, meine Herren Richter, die Bitte an Sie zu richten, die Sie mir gewiß nicht verweigern werden. DM Bitte lautet: Seid barmherzig!" — Obiges Dokument hat doch wohl mehr Wichtigkeit als die Rede des Gouverneurs Drentelen, in welcher er bei seinem Besuche Baltas die dortige Jude'ngemeinde mit Schmähungen überhäufte und zugleich sie zum Frieden und zum Aufgeben jedes Rachegelüstes aufforderte. Drentelen ist bekanntlich der Gouverneur von Kiew, der während der dortigen Excesse allen Bitten der Juden um Hülfe nur ein ironisches.Lachen entgegenhielt und die Excedenten nach Belieben schalten ließ. Daß ein solcher Mann das Bewußtsein seines Pflichtwidrigen Handelns dadurch zu beschönigen sucht, daß er alle Schuld auf die Juden wälzt, ist sehr natürlich. Eine eigentümliche Rolle spielt bei diesem Vorgang der antisemitische Petersburger Korrespondent der „Köln. Ztg.". Er hält die ganze Mittheilung über die Rede Drentelens in Balta für nicht glaubwürdig, fügt aber aus eigener Machtvollkommenheit die ungerechtfertigtsten Schmähungen auf die russischen Juden hinzu. Er wird uns gestatten, auch seine Auslassungen für erfunden zu halten. Das Capland. Augsburg, 14. Juni. Die Beilage zu der heutigen „Allg. Zeitg." enthält den Schluß einer Korrespondenz: „Das deutsche Element im Völkergemische der Capcolonie," aus welcher wir folgende Stelle hervorheben:. „Wir kommen zum letzten Abschnitt unserer Schilderung, zu den Deutschen oder Juden! Den HH. Antisemiten, die dieß lesen, werden ob meiner Lästerung vermuthlich vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen, oder sie werden sich fromm bekreuzigen. Freilich, nützen wird beides wie gewöhnlich nicht viel; denn es ist nun einmal Thatsache, daß der Boer glaubt, alle Deutschen seien Juden. Sagte doch einst ein Bäuerlein ganz freudig: „Ja, im Jahre 1870/71 haben die Juden den Franzmann weidlich geklopft!" Dieser Jrrthum der Bayern beruht offenbar auf dem Umstande, daß ein sehr großer Theil aller im Eaplaude lebenden Deutschen aus Juden k-. steht und daß diese Juden bis zum Beginn der schmachvollen Judenhetze in Deutschland sämmtlich stolze und gute Deutsche waren. Daß diese Juden im Großen und Ganzen unser deutsches Vaterland nicht übel vertreten haben, geht schon aus der Thatsache hervor, daß das Wort Jude im Munde eines Bauern kein Schimpfwort ist, ja, daß man die deutsche Nationalität geradezu als Empfehlungsbrief bei den Bauern verwenden kann, und sie fällt in ihrer Vorstellung mit der jüdischen zusammen. Gerade wie die Kinder Israels in der Welt, sind die Deutschen über die ganze Colonie zerstreut; da ist kein Dorf,, keine Stadt, in der nicht eine größere oder kleinere Anzahl bei einander säße. Und wie sie sitzen! Nicht auf der 'Kante des Stuhles, mit dem Hute verlegen spielend und bescheiden wartend, bis ein hoher Vorgesetzter sie anzureden geruht, nein stolz und fett, wie deutsche Reichsstadtbürger aus dem 16. Jahrhundert, die es sich voll und ganz bewußt sind, daß sie eigener Kraft und Tüchtigkeit Alles verdanken, was sie ihr eigen nennen können: In der Südost-Ecke der Colonie, in der Nähe von East London, giebt es einige rein deutsche Dörfer, die, wie ich höre, langsam, aber stetig, an Wohlstand gewinnen." Bonn, 3. September. (Notizen.) Man schreibt aus Paderborn vom 27. August: Unter großer Betheiligung der Bevölkerung fand am 25. August die Einweihung der hiesigen neuen, im schönen maurischen Stile gebauten Synagoge statt. In einem stattlichen Zuge, in welchem sich auch 50 Waisenkinder des israelitischen Waisenhauses für Rheinland und Westfalen befanden, begab man sich aus dem baufällig gewordenen alten Hause nach der neuen Synagoge. Der Oberpräsident von Westfalen, v.- Kühlwetter, ließ sich durch den Regierungspräsidenten v. Liebermann vertreten, der bei Eröffnung des neuen Gotteshauses in einer Ansprache die Paderborner Synagogengemeinde zu dem Baue beglückwünschte und die Hoffnung aussprach, Gott, der unser aller Vater sei, werde das Haus schützen und die dort zu ihm hinaufgesandten Gebete erhören. Der Rabbiner der Kölner Synagogengemeinde, Dr. Frank, vollzog den Weiheakt und hielt eine der hohen Bedeutung des Festes entsprechende Einweihungsrede. Der Bischof von Paderborn ließ seine Abwesenheit durch Berufspflichten in der Provinz, Firmung der Kinder, schriftlich entschuldigen. — In Köln bestand längere Zeit eine jüdische Gesellschaft „Harmonie", die, als sie sich auflöste, ihr Vermögen, in 37,000 Mark bestehend, der jüdischen Gemeinde zu wohlthätigen Zwecken überwies. In diesen Tagen traf die landesherrliche Bestätigung dieses Aktes ein. — Man schreibt uns aus Rheinhessen vom 29. August: Am 26. d. M. war das silberne Hochzeitsfest des Lehrer Marx'schen Ehepaares in Alsheim. Daß von den Kindern und Angehörigen der Familie dieser Tag g