Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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M daß die Juden für den Ackerbau nicht geeignet sind , und sehen auf einmal eine Kolonie, die von jüdischen Ackerbauern bewohnt wird. Die erste Regung einer solchen Erscheinung - gegenüber Ware die der Freude. Wenn wir aber etwas tiefer blicken, ersehen wir zu unserer nicht geringen Überraschung, daß dies Ackerbauer ganz eigenthümlicher Art sind, nämlich Ackerbauer — ohne Acker. Vor zehn Jahren, ungefähr im Jahre 1872, fand dort eine Landmessung statt, über welche uns die Zeugen keine Details geben können, die aber derart war, daß der ganze Boden dem Dorfe zufiel, während den jüdischen Kolonisten-Ackerbauern nichts übrig blieb,' als die Häuser und — die Luft. Bis zum Jahre 1881 war es ihnen überlassen, die Luft ungehindert einzuathmen; von da ab entstand aber die Frage, ob sie denn diese Luft nicht durch ihren Athem verpesteten ... Wir sehen also, daß in der Zahl der Einwohner von Abasowka, die lauter Handwerker sind, da man sich ja in der Noth irgendwie behelfen muß, es auch eine Persönlichkeit giebt, deren Züge uns sehr abstoßend erscheinen. Diese Persönlichkeit ist ein Dorfwucherer. Wir können uns nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß der getödtete Kuschmir kein schlechter Mensch gewesen sei; unsere Voreingenommenheit läßt ihn vielmehr als ein verderbenbringendes Individuum erscheinen. Fragen wir nun unparteiische Zeugen, Zeugen, die in der Nähe dieses Menschen wohnten, fragen wir einen Christen, einen ehrwürdigen Greis, den Awakum Sadkowsky, den langjährigen Nachbar Kuschmir's, was das eigentlich für ein Mensch war? Und, gefaßt auf die landläufige Antwort, daß Kuschmir ein Blutsauger gewesen, hören wir zu unserer größten Ueberraschung, daß er ein braver Mann gewesen. Wie? Ein Dorfwucherer und ein braver Mann! Ja wohl, behauptet der Zeuge; er leistete oft d,en Bauern und besonders zur Zeit der Steuerzahlungen Hilfe. Wohl empfing er dafür zwei Kopeken per Rubel wöchentlich, allein er übte auch große Nachsicht, leistete gerne Aufschub,' und nie kam es zu Haß, Feindschaft oder Streitigkeiten zwischen diesem Dorfbankier und seinen Klienten . . . Wir müssen also zu dem Schluffe gelangen, daß der getödtete Bösewicht Kuschmir allerdings kein Philanthrop, aber auch kein Bösewicht war, wohl aber die Mitte zwischen diesen Beiden hielt. Aus den Prozessen, die hier ihren Abschluß fanden und vom Gerichte gehörig gewürdigt wurden, wissen Sie bereits, meine Herren Richter, was in Balta am 23. und 30. März d. I., an jenen zwei Tagen, die in den Annalen des vielgeprüften jüdischen Volkes mit blutigen Lettern verzeichnet sind, geschehen ist. Aus dem Gegenwärtigen erfahren Sie, was am 31. sich ereignet hatte. Es war die Wiederholung der schon bekannten Thatsachen. Da sind darüber die Aussagen der Zeugen Sbroschka und Sadkowsky. Ein Theil der Bauern des Dorfes Korvtuje kehrte in der Nacht aus Balta zurück. Wozu sie eigentlich nach Balta gingen, bleibt uns unbegreiflich. Es liegen zwar Aussagen vor, welche behaupten, daß die Bauern nach Balta gerufen worden sind, um die Kirche zu vertheidigen; diese aber brauchten sie nicht zu vertheidigen, da sie von Niemandem angegriffen wurde; aber Balta haben sie zerstört, und unterwegs auch die Kolonie Abasowka. Und nun möchte ich Sie an die höchst charakteristische Aussage des Zeugen Chlias erinnern.. Dieser Zeuge sieht, daß fast Alles bis aus das jüdische Bethaus zerstört ist, und fleht um Schonung desselben. Da erschallt aus der Menge eine gebieterische Stimme: „Wenn man zerstören soll , so zerstört Alles!" Und das Bethaus verschwand. Diese Worte „Zerstört Alles!" sind schreckliche A^te, meine Herren Richter. Bedeuten sie die Losung der Zeit, die wir erlebt, oder sind sie eine Unglücks-Prophezeiung? Indem Sie, meine Herren Richter , diese Ereignisse prüfen, indem Sie von einem gemordeten Gatten, von vaterlos gebliebenen Kindern, von unter Drohungen und Gewaltthätigkeiten geraubtem Eigenthum sprechen hören, bewundern Sie nur das Eine: die ungewöhnliche Ruhe, die seltene Ergebung in das Schicksal, die in allen diesen Aussagen liegt. Sie haben hier nicht nur den Bürger Lautow gehört, der vielleicht in einer langjährigen Lebenserfahrung jenen Gleichmuth, jene Ergebung ins Unvermeidliche geschöpft hat — nein, Sie hörten auch hier solche Zeugen, die, wie es scheint, naturgemäß nicht ruhig und. gleichgiltig ihren Verlusten gegenüber bleiben sollten. Und was sahen wir? Wir sahen Hier die Rachel Lautow, wir sahen die Wittwe Kuschmir, vor deren Blicken noch vielleicht das Bild ihres gemordeten Gatten schwebt; wir sahen hier die junge, sympathische Frau Dwoira Schoichet und ihre Schwester Slota Rabinowitsch, wir hörten ihre Aussagen. Wo war denn darin jene Feindseligkeit, jene Erregung, jener Rachedurst zu finden, die in diesem Falle so natürlich, so verzeihlich wären? Diese Ergebung in das Schicksal, dieser ruhige, würdevolle Kummer im Unglücke ist ein historischer Zug. Vertreterinnen eines Volkes, das an Leiden gewöhnt ist, erzählen sie uns von dem Elende, das sie getroffen, vom Verluste ihres Vermögens mit einer Ruhe, die^Sie, meine Herren Richter, unzweifelhaft ihrem Werthe nach zu schätzen wissen werden, da ich nicht einen Augenblick dem Gedanken Raum geben kann, daß das Gericht diese Ruhe fo auffassen könnte, wie es einer der hiesigen Machtvertreter gethan. Wir sehen also in diesen Aussagen eine völlige.Ruhe, die der Herr Staatsanwalt nach Billigkeit gewürdigt hat. In dieser Ruhe liegt auch die unzweifelhafte Bürgschaft ihrer Wahrhaftigkeit. , Meine Herren Richter! Indem ich darauf bestehe, daß Ihr Urtheil wenigstens in schwachem Maße diejenigen! ent- ' 37*