Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 gerahmt. Die dargestellte Szene ist auf einer Terrasse vor einem mit Schlingpflanzen geschmückten Hause, welche von einem weißen Zettdache überschattet wird, verlegt. Auf einem erhöhten Thron sitzt der König in weißem Gewände, in der Hand ein Szepter. Auf jeder Seite sitzt ein Berather neben ihm und hinter denselben sieht man sechs bewaffnete Krieger. Der König ist in vorgebeugter Haltung dargestellt; er'hört offenbar einer Frau im grünen Gewände zu, die mit zerrauften Haaren und ausgestreckten Händen vor ihm kniet. In der Mitte des Gerichtshofes steht ein dreibeiniger Tisch, ungefähr wie der Block eines Fleischers, auf welchem ein Kind liegt, das trotz seines Sträubens von einem Weibe, dessen Kopf ein Turban schmückt , in liegender Stellung erhalten wird. . Ein bewaffneter Krieger, dessen Helm eine lange rothe. Feder ziert, hält das Kind bei den Füßen und ist augenscheinlich bereit, es mit seinem Schwerte entzweizuspalten. Eine Gruppe von Zuschauern vervollständigt das Gemälde, welches im Ganzen 19 Figuren enthält. Die Zeichnung ist arm, aber die Farbengebung ist Lheilweise schön und das Bild ist vortrefflich erhalten. Als Kunstwerk steht es unter dem Durchschnitt des pompejanischen Maßstabes, aber es ist voll Geist und mit großer Freiheit entworfen. Die Körper der Figuren sind zwerghaft klein und die Köpfe derselben außer allem Verhältniß groß, was der hier geäußerten Meinung, daß mit dem Bilde eine Karrikatur der Juden und ihrer Religion beabsichtigt war, einigen Schein verleiht. Es mag sein, aber der Eindruck, den ich empfangen habe, ist, daß der Künstler ängstlich bemüht war, den Gesichtsausdruck der betheiligten Personen darzustellen und deshalb die Köpfe vergrößert hat. Auch in anderer Beziehung ist nichts von einer Karrikatur zu entdecken. Die Todesangst der knieenden Mutter, die Aufmerksamkeit des lauschenden Königs und der Triumph des anderen Weibes, welches der bevorstehenden Theilung des Kindes entgegenstiert, dies Alles ist genau ausgedrückt und nach meiner Meinung ist auch nicht der geringste Versuch wahrnehmbar, den Vorgang irgendwie ins Lächerliche zu ziehen. Rußland. Petersburg, 22. August. Eiu Telegram auf indirectem Wege berichtet: Am 15. August war in Prena, Gouvernement Suwalki, großer Judenkrawall. Die Banern der Umgegend überschwemmten und plünderten die Stadt, die Judenhäuser wurden bis auf die leeren Wände ausgeraubt. Die Behörden verhalten sich theilnahmlos, katholische Geistliche, welche zu Gunsten der Juden interveniren wollten, wurden mißhandelt. Petersburg, 27, August. Wie aus Warschau gemeldet wird, hat der Minister des Innern, Graf Tolstoi, über eine gegen die im Borjahre verfügten Erschwerungen der Reisen jüdischer Kaüfleute aus Polen nach Moskau gerichtete Vorstellung des dortigen Börsenkomitös den Bescheid erlassen, daß fortan den jüdischen Kaufieuten und deren Agenten sowohl die Reise nach Moskau, als auch der zeitweilige Aufenthalt daselbst unter Beobachtung der bestehenden Paßvorschristen gestattet sei. a , Petersburg, *1. Septbr. Drei orthodoxen- Priestern südrussischer Eparchien sind für ihre Theilnahme an der Unterdrückung der Judenexcesse im Mai 1881 Ordensdekorationen verliehen werden. — Zur Aufklärung über die Ursachen und' den Verlauf der unseligen Excesse wird ein Dokument ganz vorzüglich dienen, welches die „N. Fr. Pr." aus Balta bringt. Sie sagt: „Bei der Verhandlung über das Judenmassacre in Balta am 31. März v. I., welche vor dem Kreisgerichte von Balta stattfand, hielt Fürst Urussow ein Plaidoyer, welches wegen seiner Unparteilichkeit in den Annalen der forensischen Beredtsamkeit und wegen seiner gerechten Würdigung der Bedrängten auch in den Blättern der Kulturgeschichte einen dauernden Platz verdient. Deshalb hat dieses Plaidoyer auch nachträglich noch einen Anspruch auf Wiedergabe; es lautete in der Hauptsache wie folgt: „Sehen 'wir uns zunächst den Ort an, wo das Verbrechen verübt wurde. Es geschah dies in der Kolonie Abasowka, die von jüdischen Ackerbauern bewohnt wird und in deren unmittelbarer Nähe sich das Dorf Korvtuje befindet. Wir sehen also hier jüdische und christliche Bevölkerung im besten Einvernehmen neben einander wohtten, und wird von sämmtlichen jüdischen und christlichen Zeugen ausgesagt, daß zwischen der Kolonie und-dem Dorfe die freundschaftlichsten Beziehungen bestanden hatten, so daß ein Ueberfall von Seite der freundschaftlich gesinnten Nachbarn unmöglich schien. Dies widerspricht selbstverständlich der landläufigen Phrase von einem eingewurzelten Hasse, der zwischen beiden Konfessionen bestanden haben soll. Eine weitere als unumstößlich geltende Redensart ist folgende: „Die Juden bereichern sich, indem sie die Bauern aussaugen und sie zu Grunde richten." Hören wir nun, was die Zeugen über die Verhältnisse in Abasowka und Korvtuje aussagen. Sie berichten, daß die Bauern des Dorfes Korvtuje wohlhabende Leute seien, die sich mit Ackerbau, Fuhrwesen u. s. w. beschäftigen und von keiner Noth wissen. Dies sagt uns der Schulze Joseph Elent, ein Mann, der schon lange in der Kolonie wohnt. Er behauptet, es sei in diesem Dorfe noch nie zu einer Feilbietung wegen Steuerrückstände gekommen. Wenden wir unsere Blicke der Kolonie Abasowka zu, so tritt uns auch hier ein Widerspruch mit den bereits erwähnten Vorurtheilen entgegen. Wir haben immer gehört,