Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Klasse Menschen,, in der Gerechte und Ungerechte, Gute und Böse, wie in all eit Klassen, , zu gebrauchen!" Manwende nun nicht ein, -daß. dies ein alter, vergessener Vorgang sei. Von jener Zeit an . hat die Presse; der Rechten den Kriegeszug gegen die Juden ununterbrochen fortgesetzt. Es giebt seitdem - keinen Jahrgang dieser Zeitung, in welchem nicht in öfteren Artikeln gegen diese, mit Verleumdungen und Verdächtigungen aller-Slrt geführten Angriffe gekämpft und die Abwehr erstrebt werden mußte. Widerlegungen und Gegenbeweise halfen zu nichts; sie wurden einfach ignorirl Die berüchtigten „fünf" und „sechs" Artikel der Kreuzzeitung des Jahres 1875. waren es, welche die Aera / deüAntisemitismus einleiteten und die Forderungen stellten, den Juden alle öffentlichen Aemter zu entziehen und sie in gewerblicher Beziehung zu beschränken. Nach der Auflösung des Reichstages 1878 wüthete die „Rechte" im Wahlkampfe gegen die Juden, ohne - freilich dadurch die Mehrheit zu erlangen (f. unfern Leitart., in Nr. 34 1878), Die Redner der Rechten traten gegen uns auf, sobald in den Parlamenten von uns die Rede war. (Man durchmustere nur die Verhandlungen des Reichstages und des preuß. Abgeordnetenhauses vom 10. Febr. 1880 an bis auf die jüngsten Sessionen.) Die Ultramo.ntanen folgten später diesem Beispiele, und zwar lange Zeit nur in der „Wiener Kirchenzeitung"; erst mit dem Kulturkämpfe brach die; ultramontane Presse allerdings in giftigster Weise über die Juden los, unter dem Vorwände, daß die Juden den Kulturkampf befördert hätten, während der eigentliche Zweck war, die katholische Bevölkerung von. dem übrigen Theil der deutschen Nation zu isoliren, von der protestantischen und jüdischen, durch den Haß, den man jener einflößte. Der eigentliche Antisemitismus in Preußen ist auch nicht auf ultramontanem Boden, sondern aus dem der Rechten entstanden und genährt worden. Außer dem vom Centrum ausgewiesenen Cremer kennen wir keinen speciellen Agitator des Antisemitismus aus, den Reihen der Ultramontanen, und in parlamentarischer Beziehung waren es Windthorst und Reichensperger, welche gegen die antisemitische Fluth sich erklärten, wenn auch Bachem mit dieser schwamm. Der Verf. irrt doch noch einmal, wenn er behauptet, die „Rechte" sei es gewesen, welche durch die Regierung dem Antisemitismus ein Halt! geboten. So weit wir wissen, hat die Regierung nicht dem Antisemitismus selbst, sondern nur den, Ausschreitungen desselben in Pommern und Preußen ein Halt! zugerufen, nur daß sie im Parlamente erklärte, daß sie nicht beabsichtige, gesetzgeberisch gegen die Gleichstellung vorzugehen. Die Rechte hingegen hat den Antisemitismus unterstützt, hat ihn vor den jüngsten Reichstagswahlen in ihr Programm mit ausgenommen, thut dies, wie der „Reichsbote" jüngst bewiesen hat, noch heute. Wer dem Antisemitismus ein Halt! zugerufen, das war das preußische Volk, die deutsche Nation überhaupt durch die Wahlen, durch, welche jenem ein allgemeines-Fiasco^bereitet wurde. So liegen die gegebenen.Verhältnisse, und wir fragen, ob diese,„Rechte" es den Juden nicht völlig unmöglich gemacht hat, für deren! Kandidaten zu stimmen?! Allerdings fordert unser Autor uns zu einer uneigennützigen, selbstlosen Wahl auf. : Kann er aber,; wenn er selbst unparteiisch wrtheilt, dazu rathen, für; diejenige; Partei zu stimmen > welche seit dreißig Jahren - unsere Gleichberechtigung bekämpft hat und auch in Zukunft bekämpfen wird, und unter deren Banner seit ebenso langer Zeit die furchtbarsten Angriffe auf uns geschehen sind und geschehen? Die Gleichstellung der Juden ist durchaus keine - Sache, die bloß die Juden betrifft. Die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze gehört zu den Fundamenten des modernen Staates, und würde dieses Fundament erschüttert oder gar zerstört, so müssen daraus die unabsehbarsten und gefahrdrohendsten Kämpfe für Staat und Gesellschaft entspringen.; Alle staatlichen Verhältnisse sind jetzt auf diesem Grundsatz geordnet und würden ohne ihn in schrankenlose Verwirrung gerathen. Es ist also durchaus kein „eigennütziges, selbstisches" Bestreben, wenn die Juden für diese Gleichberechtigung überall eintreten- Diese lieber« zeugung sprachen wir bereits 1856 aus (s. unsere Schrift „der Kampf der Preuß. Juden - für die Sache der Gewissensfreiheit"), und sie hat in der Entwickelung des preußischen Staates und des deutschen Reiches, ihre thatsächliche und ideelle Bewährung gefunden. Aber mehr noch. Wie es in der Gesellschaft gegenwärtig steht, würde der Verlust der Gleichberechtigung, würden die geplanten Beschränkungs- und Ausnahmegesetze für uns den Verlust der bürgerlichen Existenz überhaupt in materieller, so gut wie in politischer Beziehung, den Untergang als Menschen bedeuten. Würde selbst doch der erste Schritt nur eben der erste zu, den schwersten und folgenreichsten anderen sein. Die Perspektive ist uns vom unseren Gegnern so deutlich eröffnet und gezeigt worden, daß wir einen Zweifel darüber nicht hegen können. Es wäre also kein „selbstloses" Vorgehen, sondern ein Berrath an dem ganzen Staatsleben und an uns selbst, wenn wir für die Kandidaten einer Partei stimmten, die uns konsequent ein solches Schicksal in Aussicht, gestellt hat und noch heute in Aussicht stellt. Dies Alles ist so entschieden der Fall, daß wir uns der Mühe entheben können, einige minder wichtige Behauptungen unseres Autors zu. besprechen, wie z. B. daß; wir uns über den Antisemitismus gar nicht zu beklagen brauchten. Wir weilten, daß die Vorgänge in Pommern und in Preußen, und in Rußland und gegenwärtig in Ungarndoch.den Gegenstand zu tiefem Schmerz und zu entschiedenem Proteste bilden., Bei den Unzweideutigen Zielen, welche die „Rechte", sobald sie die. Mehrheit in unseren Parlamenten erreicht hat, iü