Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
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603 des Reichthums auf der einen und die Verarmung auf der anderen Seite möglichst zn verhindern, jedoch ohne die'persönliche Freiheit, sowie die gewerbliche und Handelsfreiheit zu beschränken. Dahin zielten der Armenzehent, die bestimmten Benefizien an der Ernte für die Armen, das Erlaß- und das Jobeljahr u. s. w. Den Nachweis hierfür haben wir schon in unsren Vorlesungen 1846 und 1847,.in unsrer Religionslehre und in vielen Leitartikeln dieser Zeitung gegeben, und ist dieser geschichtliche Gegenstand bereits zu allgemeiner Anerkennung gekommen. Aber allerdings war die Verwirklichung solcher Principien bei einem ackerbauenden Volke und in einem ziemlich abgeschlossenen Binnenlande viel eher möglich als in so hochcivilisirten Staaten bei einer so außerordentlichen Entwickelung, Mannigfaltigkeit, Verwirrung und Verschiebung aller Verhältnisse, in welchen wir jetzt leben. Was Wunder, wenn über die Mittel und Wege, jene hohen und an sich durchaus richtigen Grundsätze zu verwirklichen, noch wenig Klarheit und desto mehr Verschiedenheit der Ansichten vorhanden ist? Ja, wir Juden als treue Söhne des Mosaismus erkennen freudig das Verdienst des Fürsten Bismarck an, jene erhabenen Ziele für die deutsche Gesetzgebung aufgestellt zu haben, und glauben, daß diese That ihm dereinst zu großem Ruhme gereichen wird. Aber wir verkennen auch die Schwierigkeiten nicht und meinen, daß die besten Geisteskräfte der Nation Zusammenarbeiten und Zusammenwirken müssen, um Schritt vor Schritt sicher zu diesem Ziele zu gelangen.— Auf diesen Boden versetzt uns der Autor, üm die Forderung an die Juden zu stellen, bei den bevorstehenden Wahlen für den Fürsten Bismarck und die Regierung einzutreten. Wir würden einfach antworten: die Juden bilden ja gar keine politische Partei, wie etwa jetzt die Katholiken thun; sie folgen, jeder einzelne, seiner politischen Ansicht und Ueberzeugung nach, und haben gar keine gemeinsame politische Direktive. Aber die Zeit ist leider vorüber, wo dies völlig wahr gewesen. Die Verhältnisse, wie sie für uns seit drei Jahren in Preußen eingetreten, die man uns geschaffen, in die man uns hineingedrängt hat, geben allerdings den Juden im großen Ganzen ein gewisses gemeinsames politisches Interesse, dem sie sich nicht zu entziehen vermögen. Wir werden dieses sofort näher kennen lernen. Die Juden sind überall nur kleine Minoritäten; sie bilden nicht allein keinen besonderen Wahlkörper, sondern sie machen in keinem einzigen Wahlkörper die Mehrheit'aus. Selbst wo die meisten Juden zusammen wohnen, in Berlin, sind sie noch nicht der 25. Theil der Wählerschaft und durch alle Bezirke der Stadt zerstreut. Dasselbe findet in der Provinz statt, welche von Juden am meisten bewohnt ist, in der Provinz Posen. Sie können also nirgends eigene Kandidaten anfstellen; sie müssen sich überall mit ihren Wahlen irgend einer Partei anschließen und deren Kandidaten annehmen. An welche Partei sollen sie sich nun bei den bevorstehenden Wahlen anschließen? Würde eine bestimmte Partei des Fürsten Bismarck und der Regierung bestehen, so ließe sich die obige Forderung des Autors in gewissenhafte Erwägung ziehen. Er weiß aber selbst, daß eine solche nicht vorhanden ist, giebt vielmehr zu erkennen, daß die „Rechte" diese Partei sei und verlangt deshalb, daß die Juden mit der Rechten wählen sollen. Aber diese „Rechte" war und ist es, welche von ihrem ersten Auftreten im „Vereinigten Landtag" an (1847) die bürgerliche Gleichstellung der Juden nicht zugestehen wollte, sie, als die preußische Verfassung dieselbe ausgesprochen, immer von. Neuem bekämpfte, noch im Jahre 1856 ihre Streichung aus der preußischen Verfassung beantragte und dies nur darum nicht erreichte, weil die damalige Regierung erklärte, daß sie trotz der Verfassung das Judengesetz von 1847 als zu Recht bestehend ansehe und ihr dies genüge, um die Juden von allen öffentlichen Aemtern fernzuhalten. Diese Rechte ist es noch heute, welche unverhohlen ausspricht, sobald sie. die Mehrheit in den Parlamenten erlangt hätte, die Gleichstellung zu beseitigen und für die Juden beschränkende Ausnahmegesetze zu schaffen. Ja, da in der Gegenwart die socialen Verhältnisse zum Gegenstände erbitterter Kämpfe geworden, geht die jetzige Rechte weiter als 1856 und will die Juden auch in gewerblicher Beziehung nach allen Richtungen hin unter- und erdrücken. Noch mehr. Unser Autor begeht einen Jrrthum, wenn er behauptet, daß die Ultramontanen die „Judenhetzen" in der Presse begonnen hätten. Dies ist einfach nicht richtig: die Presse der Rechten, an der Spitze die „Kreuzzeitung", begann sie bereits im Jahre 1850, und zwar in einer so brutalen Weise, daß die Reden des Dr. Henrici fast blaß dagegen erscheinen und daß, wenn damals schon der Name Antisemitismus erfunden gewesen,, er sicherlich auf die täglich wiederholten Brandartikel der Kreuzzeitung gepaßt hätte. Wir verweisen z. B. auf unfern Leitartikel in Nr. 24 des Jahres 1850, den wir folgendermaßen beginnen: „Alle Welt war in diesen Tagen erstaunt, entsetzt von den namenlosen Aufhetzereien, von dett geradezuigen Aufrufen zur blutigsten Ausrottung der Juden, welche die Kreuzzeitung täglich brachte. Es ist schon viel geschehen seit dem Beginn des Jahres 1848, aber dessen hat die neuere Zeit kein Beispiel aufzuweisen, daß unter den Augen einer Regierung, in einem Blatte, das das Kreuz an der Stirn, Gott,. König und Vaterland als Devise trägt, Brand, Mord Raub gepredigt wird dem einen, freilich größeren Theile des Volkes gegen den anderen, freilich geringeren Theil des Volkes, daß eine Verfolgung, „wie die Geschichte sie noch nicht gesehen", heraufbeschworen wird, wie dem „Proletariat" die Waffe in die Hand gedrückt und die Brandfackel, um sie gegen gleichgestellte, gleichberechtigte Bürger, gegen eine große 37*