Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1882)
- Date
- 1882-09-12
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mahnen, daß mit den bloßen Werken des weltlichen Lebens nach Beruf und für die Befriedigung äußerlicher Bedürfnisse nicht genug geschehe; daß der Mensch nicht für immer auf dieser Erde stehe und deshalb sein Thun und Treiben nicht einrichte, als ob er niemals von ihr scheide; ja, daß er zu dem Gefühle kommt, vor einem unsichtbaren, aber allschauenden Richter zu stehen und vor ihm Rechenschaft geben zu müssen. . . Wie die Dinge sich einmal im gegenwärtigen Leben gestaltet haben, müssen wir es unserer Religion hoch anschlagen und unseren Vätern tiefen Dank wissen, daß jene diese Feste gegründet, diese in ihrer ganzen Werthschätzung uns überliefert haben. Die früheren Geschlechter wurden aus dem Zusammenhänge mit der.Religion zu keiner Zeit gerissen; es war kein Tag, fast keine Stunde, in welcher sie nicht durch gottesdienstliche Uebnng an sie erinnert, in ihr festgehalten wurden. Aber für eine große Zahl unserer Glaubensgenossen ist dies eben anders geworden, und die allgemeine Strömung der Zeit ist eine solche, daß an eine Rückkehr zu vergangenen Zuständen und Standpunkten nicht zu denken ist. Um so höher und heiliger müssen wir diese Feste halten, welche die zerstreute Heerde immer wieder von Neuem sammeln, die lässig gewordenen Gemüther ergreifen und die Gedanken der.Religion und der Sittlichkeit, der Läuterung und Veredelung immer von Neuem in den Geistern auffrischen. Pflegen und nähren wir die Keime mit aller Anstrengung, die in diesen Festen für Gottesfurcht, Geisteserhebung, wahre Frömmigkeit und Tugend liegen und seit uralter Zeit unter allen Stürmen, bei allem Wechsel und Wandel immer wieder zu dauernder Blüthe und zu reifender Frucht gelangten. Ja, , lasset uns allesammt zum Berge des Ewigen ziehen, allesammt im Hause des Gottes Jakobs einkehren, denn Niemand gehet von dannen, ohne „von Seinen Wegen gelernt und ohne Seine Pfade beschritten zu haben". Die Juden und-ie politische Lage. JX Bonn, 28. August. Der Artikel, den wir in voriger Nummer aus der Feder eines gewandten Schriftstellers mittheilten, verfolgt nicht nur eine bestimmte politische Ansicht , sondern beruft sich dabei auf jüdisch-religiöse Anschauungen. Waren wir deshalb verpflichtet den sehr beachtenswerthen Artikel zu geben, so liegt es uns um so mehr ob, ihn etwas näher zu beleuchten. Der Verfasser weist auf den Zug des Konservatismus und zur Anerkennung der Regierungs-Autorität hin, der durch die ganze Geschichte des jüdischen Stammes gehe; ferner auf den Staatssocialismus, der in der mosaischen Gesetzgebung ausgeprägt i\t und welchen gegenwärtig Fürst Bismarck ins Leben zu rufen sich bestrebe; hierzu komme die Dankbarkeit, die wir als Deutsche und als Juden dem Fürsten Bismarck entgegenzubringen hätten, sowie für den Schutz, den die Regierung uns gewährte. Hierauf gründet er die Forderung, daß die Juden bei den bevorstehenden Landtagswahlen für den Fürsten Bismarck, für die Regierung, das heiße' für die „Rechte" wählen müßten. —In unsrer „Vorbemerkung" schon machten wir darauf aufmerksam, daß wir in dem prinzipiellen Theile jenes Artikels mit dem Autor übereinstimmend daß die gegebenen Verhältnisse aber ganz anders liegen. Und so ist es auch. Wir haben schon wiederholt nachgewiesen, daß es höchst einseitig ist, wenn man den Juden — es geschieht dies erst seit Heinrich Heine's Erscheinen — vorzugsweise einen „zersetzenden" Verstand zuschreibt, während es niemals einen Volksstamm gegeben hat, in welchem der Autoritätsglaube und das zähe Festhalten am Überlieferten, also das gerade Gegentheil jenes Zersetzungsprozesses, so vorherrscht, und endlich die Befähigung eines schnell auflodernden Enthusiasmus einen so wesentlichen Charakterzug bildet, wie in den Juden. Wer die Signatur des Wesens und der Geschichte der Juden richtig begreifen will, muß diese drei psychologischen Eigenthümlichkeiten, deren Verbindung die Schulweisheit für unmöglich halten wird, zusammenfassen. Der Verfasser konnte also mit Recht den Konservatismus als einen Grundzug der Juden betonen, und in diesem das Fundament für die treue Anhänglichkeit an König, Regierung und Vaterland finden, welche in der ganzen Geschichte der Juden sich niemals verleugnet hat, und die bei den Schicksalen, welche uns betroffen, unsre Gegner so oft in Erstaunen setzt. Auf dieser gemüthvollen Treue für^ König und Vaterland und für die deutsche Nation, sowie aus ihrer natürlichen Befähigung zur Begeisterung ging denn auch der Enthusiasmus hervor, mit welchem unsre Glaubensgenossen die Gründung des deutschen Reiches durch Kaiser Wilhelm, den Fürsten Bismarck und das tapfere deutsche Heer be-. grüßten und feierten, und die Bewunderung, die sie dem großen Staatsmanne entgegentrugen und bis auf den heutigen Tag für ihn hegen. Werden wir es doch stets dankbar anerkennen, daß unter der Aegide des Fürsten Bismarck das deutsche Neichsgesetz (zuerst vom 3. Juli 1869) die bürgerliche Gleichstellung zum'Gesetz für alle deutschen Staaten machte. Sicherlich hat unser Autor auch den richtigen Punkt getroffen, wenn er die Grundsätze jenes Staatssocialismus in der mosaischen Gesetzgebung vorgezeichnet findet, welche Fürst Bismarck principiell als gesetzgeberische Ziele hinstellt. Denn wir dürfen uns durch eine so leicht verwirrende Bezeichnung wie „Staatssocialismus" nicht behindern lassen. Das Princip, daß die Gesellschaft durch bestimmte Einrichtungen den ärmeren Klassen in ihren Unglücksfällen und ihrer Hülfsbedürftigkeit Hülfe zu schaffen verpflichtet sei, ist ein Grundzug der mosaischen Legislation, ebenso wie die Tendenz, die Anhäufung