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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-09-05 · Heft 36 (5.9.1882) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 36 (5.9.1882)
Date
1882-09-05
Page
Seite 593 (sequence 9)
Language
German
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593 auch den hiesigen Antisemiten in nächster Zeit etwas schärfer auf die Finger gesehen werden. Der schädliche Einfluß dieser Bewegung auf regierungsfreundliche Wahlen für den letzten Reichstag Hut ganz entschieden stutzig gemacht und zu ernstem Nachdenken geführt." — Wir können uns nur Glück wünschen, wenn die Antisemiten nicht mehr als regierungsfreundlich angesehen werden. Immer aber ist in obigen Sätzen zugestanden, daß die antisemitische Bewegung als Mittel bei den Reichstagswahlen verwendet und begünstigt worden, jedoch hie entgegengesetzte Wirkung hatte. Hiermit hat der Antisemitismus seinen Charakter als Wahlmanöver ausgeprägt erhalten. Die Geister lassen sich aber nicht so schnell bannen, wie man sie hervorgerufen. Stöcker Predigt den Feldzug noch gerade so wie früher und mit noch deutlicherer Angabe seines Zieles, und die Konservativen nehmen nach wie vor die Aufhebung der Gleichstellung, die Beschränkung der staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte der Juden in ihr Wahlprogramm auf. — Der „Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", der bekanntlich seinen Sitz in Berlin hat, hat soeben Nr. 10 seiner „Mittheilungen" ausgegeben. Dieselbe enthält einen ausführlichen „Bericht über den außerordentlichen Gemeindetag am 21. und 22. Februar 1882 zu Berlin." Der Inhalt dieses Berichtes macht einen höchst erfreulichen Eindruck, bringt uns aber nichts Tatsächliches, was nicht schon in diesem Blatt gegeben worden. Das neue Statut ist nach einer sehr eingehenden und einsichtsvollen Diskussion einstimmig angenommen worden, Am Schluffe bringt die Nummer die Rechnungsablage am 30. Dezember .1881. Die Einnahmen betrugen 4520 Mk., die Ausgaben 1285 Mk. Mit dem Ueberschusse besitzt der Bund 14,815 Mk. Berlin, 20. Aug. Für die Situation ist die folgende Korrespondenz des „Pest. Ll." bezeichnend: Im konservativen Lager empfindet man es höchst unliebsam, daß Fürst Bismarck bisher nicht.in der Weise aktiv in den Wahlkampf eingegriffen hat, wie er es bei den vorjährigen Reichstagswahlen gethan. Mehrere Führer von der Rechten haben sich in dieser Angelegenheit, die eine Lebensfrage für die Konservativen ist, direkt nach Barzin gewendet, ohne indessen einer befriedigenden Antwort theilhaftig geworden zu sein. Der Kanzler soll es bitter empfinden, daß die Agitation vom vergangenen Sommer und Herbst sich gleichsam zu einem Plebiszit für oder gegen seine Person gestaltete und es ist ihm wirklich nicht zu verdenken, wenn er sich scheut, seinen Namen zur Wiederholung einer solchen Agitation herzugeben, die vermuthlich wiederum gegen ihn ausschlagen würde. Es wird erzählt, daß Fürst Bismarck in dein letzten Ministerrath, der vor seiner Abreise von Berlin stattfand, zu Herrn v. Puttkamer geäußert habe: „Besorgen Sie die Wahlen, eher bekümmere ich mich nicht um die innere Politik." Dies mag, nebenbei bemerkt, Zeines der Momente für die damalige Spannung zwischen den beiden Staatsmännern gewesen sein, eine Spannung, die sich sogar zeitweilig-zu einer Krisis verschärft hatte. Die scharfe Kritik, die Herr v. Puttkamer in jenen Worten finden mußte, scheint auch ihn veranlaßt zu haben, das Heil bei den Wahlen in der Politik der zuwartenden Unthätigkeit zu suchen. Aber die Konservativen fühlen recht gut, daß dieses System nicht den Namen der Objektivität verdient, den man ihm in Regierungskreisen beigelegt wissen will, sondern daß es nur der durchsichtigeMantel der Schwäche und Rathlosigkeit ist. Recht lehrreich ist in dieser Beziehung das Verhalten des Staatsministeriums zu der neu auftauchenden Antisemiten-Bewegung. Vor Wochen nahm Herr v. Puttkamer ganz bestimmte Stellung zu derselben, indem er in einem PrivatschreiLen an den Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herrn Magnus, Mittheilung davon machte, daß die Staatsanwaltschaft gegen Ruppel eingeschritten sei. Inzwischen hat nun Henrici seine Untergrabungsthätigkeit aufs neue begonnen, aber während Herr Stöcker sich anstandshalber im „Reichsboten" von dem „gefährlichen Fanatiker" lossagt, glaubt er sich nach der Fühlung, die er unterhält, doch gestatten zu dürfen, zusammen mit Henrici »die Einladung zum Dresdener Antisemiten - Kongreß zu unterschreiben. Mehr noch, die Welt wartet noch immer vergeblich auf die Erhebung der Anklage gegen Henrici. Wenn die Regierung sagt, daß sich in der ganzen Bewegung bisher nichts gezeigt habe, was ein staatsanwaltschaftliches Einschreiten rechtfertigen konnte, so kann sie den Anspruch erheben, daß man ihrer Objektivität Glauben schenke. Aber Henrici hat sich zu sagen erlaubt, daß „die Synagogen unter sittenpolizeiliche Kontrole gestellt werden müssen", und hier muß doch wohl die Frage gestattet sein, ob nicht ein Vergehen gegen § 166 des Reichs- Strafgesetzbuches (Beschimpfung einer anerkannten Religions- Gesellschaft) vorliege. Dresden, 23. Aug. Die Berliner „Kreuz-Z." schreibt: „Gerüchtweise verlautet, es werde in sächsischen Regierungskreisen die Frage diskutirt, ob der für Dresden angesagte Antisemiten-Kongreß zuzulaffen oder zu hintertreiben sei. Ist es auch nicht gerade wahrscheinlich, daß ein förmliches Verbot des Kongresses werde ausgesprochen werden, so wird aus Andeutungen, die in maßgebenden sächsischen Kreisen laut geworden sind, entnommen werden müssen, daß der geplante Kongreß nicht gerade erwünscht sei. Jedenfalls würden sich die Dresdener Versammlungen einer scharfen polizeilichen Kyntrole zu unterwerfen haben." Karlsruhe, 13. Aug. Am 11. d. M. war ein Jahrhundert umlaufen, seitdem Naphtali Epstein in Karlsruhe geboren wurde. Dieses Ereigniß feierte Bezirks- und.Konferenzrabbiner Or. Schwarz in der Predigt, welche er gestern bei dein Gottesdienste in der hiesigen größeren Synagoge hielt. Von der siegreichen Macht der Wissenschaft und Bil- « 36

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