Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1882)
- Date
- 1882-09-05
- Page
- Seite 592 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227430--40172-3257795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sondern diese Volksmassen selbst ins. Unglück, stürzen und eine Blutschuld auf unser Volk wälzen könnten. Dem muß mit aller Energie entgegen getreten werden. Wo soll es'hinführen, wenn Herr vr. Henrici in einer solchen Volksversammlung in die durch seine Worte aufgeregte Menge hineinruft: In der Judenfrage giebt es kein zu viel — und die Masse dann unter seiner Billigung schreit: „Juden raus!" oder wenn er selbst ruft: „Wir werden nicht eher ruhen, bis der letzte Jude mit seinem Bündel über die deutsche Grenze ist!" Ueber die Judenfrage selbst und ein Abwägen der Mittel zu ihrer Lösung enthält der ganze Vortrag nichts; ein Zank zwischen einem jüdischen Zeitungsverleger und einem Zeitungsverkäufer wird benutzt zu einer aufregenden fanatischen Judenhetze! Anders kann man diesen Vortrag gar nicht bezeichnen — und dieselbe wird sogar ausgedehnt auf die hervorragendsten Stammväter des jüdischen Volkes." Er polemisirt dann gegen Henrici's Ausdrücke über Moses und Joseph, wobei uns Stöcker's Rechtfertigung gleichgültig läßt. Er fährt dann fort: „Früher schon hat Herr vr. Henrici sich höchst ungehörige Ausdrücke über Abraham erlaubt. Aber was er in dieser letzten Versammlung über die Personen Josephs und Moses sagte, das übersteigt doch weit alles Maß. Joseph ein „Kornwucherer" und Moses ein „Wechselbalg"!, es ist empörend! Man meint, Herr Dr. Henrici sei bei „Ben Sirah Militans" in die Schule gegangen! Und das nennt er einen „historischen Standpunkt"?! Wer biblische Personen von der Bedeutung eines Moses, des Mittlers des alten Bundes, auch für die christliche Religion in dieser rohen Weise beschimpft, der hat damit das Recht verwirkt, die Judenpresse über ihre Angriffe auf die Heiligtümer des christlichen Volkes zu tadeln, der ist selbst auf ihre Stufe hinabgestiegen. Joseph ein Kornwucherer! Das ist ebenso blinder Fanatismus als das Geschrei: „Juden raus!" Gegen diese Art, die Judenfrage zu behandeln, muß vom christlichen, sittlichen, humanen, wie vom Standpunkt der nationalen Ehre Deutschlands protestirt werden. Oder sollen wir in Berlin dem Inden gegenüber erleben, was man in Rußland den Juden und in Egypten den Christen gegenüber erlebt hat? Auf diese Weise darf die Judenfrage nicht gelöst werden, sonst würde die Lösung unserem Volke zu größerem Unheil gereichen als die Judenfrage selbst; die Hände und das Gewissen unseres Volkes müssen rein bleiben den Juden gegenüber!" Das wäre Alles ganz gut, wenn man Herrn Stöcker nicht zurufen müßte: Sie haben ja angefangen; Sie haben zuerst in öffentlichen Versammlungen Haß und Verachtung gegen die Juden gepredigt; Sie sind verantwortlich auch für Henrici, nicht aber er für Sie. Daher fährt denn auch Stöcker in seinem Artikel fort, die Juden der „Uebermacht", des „Eindrängens", des „Kosmopolitismus" zu zeihen, sie als ein „zersetzendes fremdes Element", das so zahlreich, mächtig und einflußreich sei, anzuklagen. Was er will? er will sie aus dem „Leben der Nation im Staate, in der Rechtspflege, in der Schule, in der Ko mmunalverwaltung und ‘ in der Presse" beseitigen. Außerdem sollen sie in den bürgerlichen Gewerben beschränkt werden. Alles dies soll auf gesetzgeberischem Wege geschehen. Wir fragen, ob dies etwas anderes ist, als die Austreibung, die Henrici empfiehlt?. Nur daß Stöcker Bundesgenossen in allen Reaktionären findet, die sich „Konservative" nennen, obschon sie echt revolutionär gegen die bestehende Gesetzgebung sind, während Henrici's Werkzeug ein roher Pöbelhaufe wäre, den Polizei und Strafrichter im Zaum halten-. Lächerlich ist die Apostrophe des „'Reichsboten" an die Juden, von selbst Alles aufzugeben, wovon Stöcker sie ausschließen will, und hierin ihre „historische Mission" zu finden. Zuletzt kommt denn auch bei Stöcker der Henrici zum Vorschein, denn wenn die Juden dies nicht thäten, „so würde dies zu einer gewaltsamen Lösung führen, die dem deutschen Volke ebenso unheilvoll wäre wie den Juden." Solche Drohungen sind nichts Anderes als die, nur gröber gehaltenen Auslassungen Henricis. — Wer übrigens über die Art Stöckers noch im Zweifel ist, der erwäge, daß bei dem Letzteren Alles kalte Berechnung ist. Er will der starren protestantischen Orthodoxie die Herrschaft in Deutschland verschaffen, und hierzu die Volksmasse gewinnen, darum aber die konfessionellen Schranken als starkes Bollwerk wieder Herstellen; auf diesem Wege werden ihm die Juden nicht sowohl hinderlich,, als sie sollen ihm vielmehr zum Mittel dienen, das „christliche"''Volk in jene Schranken hineinzutreiben. Er braucht die Juden für das christliche Volk, wie die Ammen für ihre Kinder den „schwarzen Mann". Berlin, 24. Aug. (Privatmitth.) Wir finden soeben in der heutigen „Köln. Z." einen Artikel, der, an sich wichtig, auch eine Bestätigung alles dessen enthält, was wir in unserer obigen Korrespondenz ausgesprochen. Es'heißt daselbst, daß „die Angabe vielen Glauben findet, wonach die Regierung dringend wünscht, die Thätigkeit des sogenannten Berliner konservativen Central-Comitos mit seiner antisemitischen Bewegung bei den bevorstehenden Wahlen eingeschränkt oder ganz vermieden zu sehen. Unter solchen Umständen erklären sich denn auch die Angriffe selbst konservativer Organe gegen jene Richtung der Antisemiten-Bereine, welche den Muth hat, offen auszusprechen, was die andere Richtung, welche die Judenhetze in das Leben gerufen hat, unter heuchlerischen Phrasen verbirgt. Auch in diesseitigen Regierungskreisen, nicht nur in sächsischen, ist man von dem famosen Antisemitenkongreß peinlich berührt und verstimmt, und es ist unter solchen Umständen überhaupt fraglich, ob man den Kongreß wird zustande kommen lassen. Wenn nicht alles täuscht, wird