Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1882)
- Date
- 1882-09-05
- Page
- Seite 589 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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580’ Literarischer Wochenbericht. ■ " Hechingen, im August. Lew and owski's neuestes Synagogenmusik-Werk. (Schluß.) Es folgt nunmehr der Morgengöttesdienst für das Neujahresfest und den Versöhnungstäg (r). Schon das Orgel-Präludium in Nr. 120 zu dem weltbekannten „Hamelech" bringt uns in die richtige Jomim-noroim-Stimmung; Melodie und Begleitung sind correkt und stilvoll gehalten sowohl bei dieser einleitenden Piece als auch bei den nachfolgenden Nummern, bei welchen durchweg das Charakteristische mit großer Geschicklichkeit und gelungener Interpretation festgehalten wurde. Außerordentlich gut gefiel mir das bekannteKol schinanne schachäk" (in Nr. 161), das überaus kunstvoll in der weichen und gefühlsinnigen phrygischen Tonart durchgeführt ist. Sehr anzuerkennen ist in diesem Theil, die reichliche Bearbeitung der Recitative für den Vorbeter, für welchen das Werk dadurch zum unentbehrlichen Handbuch wird. Für den Organisten seien hier noch die beiden Ritornelle in Nr. 173 und 174 — die dem größten Orgelkomponisten entstammen dürften — besonders erwähnt. In ernsten, getragenen c moll-Accorden beginnt dann in Nr. 180 das Mussaf mit dem die Signatur dieses hochheiligen — das Centrum des Tages bildenden — Gebets herauskehrenden Kaddisch, dem dann ein phantasievoller und mit interessanten, zum /Theil alt-ehrwürdigen Wendungen dürchwirkter Boruch atoh rc. folgt. Auch die sich hieran anschließenden weiteren Piecen zeigen dem Musikkenner manches Ueberraschende, dem Laien manchen anheimelnden alten Bekannten, verflochten in harmonischem Gewebe. Dies gilt besonders von Nr. 187 und 188. (Un'sanneh tokef u. s. w.) In Nr. 190 und 191 bereiten den Beter zwei höchst gelungene Chöre: Affsl'maan zu der „Keduschah" vor, während Nr. 193: W'jeesoju wiederum ein wahres Juwel der Sammlung genannt werden darf und es ist für uns Süddeutsche nur zu bedauern, daß wir von diesem außergewöhnlich tief empfundenen Tonstück keinen Gebrauch machen können, indem das betreffende Gebet in unseren Synagogen nicht gesprochen wird. Nr. 194 bringt die antike Awodah, wie sie vielleicht schon zur Zeit des zweiten Tempels gesungen worden sein mag. Störend wirkt ein allzu häufig vorkommender Druck- resp. Stichfehler, indem statt - des richtigen „r" fälschlicher Weise immer ein „z" getreten ist. Dieser kleine Uebelstand will aber nichts heißen gegenüber der außerordentlichen Correktheit des Textes im Allgemeinen, — Wir sind mit der Awodah im Zenith der Jomim-noroim-Musik augelangt; dies sagt uns auch die, eine ganz bedeutende Kunstleistung darstellende Nummer 195: „Heje im Pifijos", in welchem das herrliche Tenor- und Baßsolo: „Horem ma schejomru" von hinreißender Wirkung ist; auch die höchst geist- und gemüthreiche Interpretation von „ ette amcho" rc. darf nicht übersehen werden, wie auch der imposante Schluß: w'ato tischma min haschomajim! Mit Nr. 196 beginnen die ausschließlich für Rosch- Haschauah bestimmten Chöre und Recitative, worunter sich ein schöner Männerchor: Socharti loch" befindet; drei Hajom haras olom und zwei Hallalüjoh (deutscher und hebr. Text) wetteifern mit einander an Großartigkeit der Erfindung wie der Struktur. Der Cantor ist durch die reichlich beigegebenen Recitativs und Soli in diesem Theil der Sammlung ganz besonders berücksichtigt. Ein die charakteristischen Leitmotive des Tages in sich tragendes „Seder duchan" (Priestersegen) und ettt — fast etwas zu ernster und dürsterer — „Hajom t'amzenu" schließt das Mussaf von Rosch-Haschanah, um mit Nr. 207—217 die Sätze des Schacharis von Jom Kippur zu bringen, soweit sie nicht schon vorher dagewesen. Recht hübsch und melodienreich ist Nr. 212: Al towo bamischpot und besonders interessant gestaltet sich die Durcharbeitung des Hoaderes-Motiv in Nr. 213. Oschamnu in Nr. 217 dürfte denn doch, dem Charakter, des Gebetsstücks entsprechend, weniger bewegt, dabei aber ernster und ruhiger gehalten sein. Die nächstfolgenden neun Nummern bringen die das Mussafgebet von Jym Kippur ergänzenden Piecen, unter welchen das W'hakohanim-Andante durch die meisterhafte Bearbeitung des uralten Awodah-Motivs von hohem musikalischen Werth und von nicht minder tief ergreifender Wirkung ist. Nr. 227—253 behandeln nunmehr noch die Seelenfeier und das N'ilah-Gebet; in ersterer haben wir hier das israel. Requiem vor uns; den Text bilden die hoch ernsten Worte des Psalm 103, Vers 15—17: „Enosch, k'chozir jomow"! die von dem Componisten geschickt interpretirt und illustrirt werden, um dann im Schlußsatz in den erlösenden Worten des Psalm 16, 9—11: „Lochen somach libi" rc. die Glückseligkeitsperspektive zu eröffnen, die in überaus melodie- und harmoniereichen Wendungen gemalt ist. Ungern vermisse ich in der Seelenfeier den deutschen Text, da eben doch die große Menge nur diesen versteht und zu würdigen weiß. Ferner dürfte zwischen dem Eingang und dem Schlußchor ein paffendes Solo für Sopran oder Tenor von einiger Wirkung sein. Das „Joh schimcho" von dem Dichterfürsten Rabbi. Jehuda Halewi, das Lewandonski für die neue Synagoge in Berlin eomponirte und nun in Nr. 229 seiner Sammlung der Oeffentlichkeit im weiteren Sinne übergeben wird, ist für den Cantor eine anerkennenswerthe Gabe, die allenthalben Beifall erringen wird. — Hierauf folgt das N'ilah-Gebet mit seinem uralten, den Charakter des Finale nicht verleugnenden Kaddisch und Boruch atoh. Hervorzuheben sind ’in diesem Theil ganz besonders: die deutsche Keduschah in Nr. 235, die von majestätischer Wirkung und wohl geeignet