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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-09-05 · Heft 36 (5.9.1882) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 36 (5.9.1882)
Date
1882-09-05
Page
Seite 588 (sequence 4)
Language
German
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renden Königs. Aus solcher Anschauungsweise heraus hatte sich das Judenthum zu allen Zeiten als im besten Sinne des Mortes „königstreu" erwiesen; um so königstreuer — nach, heutiger politischer Nomenclatur könnte man sagen, um so konservativer — als, erwerbslustig, am Bestehenden hängend, und intelligent zugleich wie das Judenthum ist, dies bis in die neueste Zeit hinein in dem starken Schutz der im Königthum zum schönsten Ausdruck gelangenden-Staatsgewalt, das Judenthum auch seinen selbsteigenen Vortheil gewährleistet wußte. Durch die mosaische Staatsgesetzgebung hindurch geht ein Zug von Staatssozialismus. Dieser Zug ist so offen am Tage liegend, er beschäftigt sich in so vorsorglicher Weise mit dem Wohle der Armen, des Arbeiters, er entspricht in einer so vollkommenen Weise den staatssozialistischen Plänen, welche der Reichskanzler. Deutschlands Fürst Bismarck heute zu realisiren bestrebt ist, daß hier sich ein neues, ein schwerwiegendes Moment findet, welches die Israeliten zu unbedingten Anhängern der Bismarck'schen Sozialpolitik hätte machen müssen. Das Judenthum — es wird uns das ja zum schweren Borwurf gemacht — ist verhältnißmäßig. wohlhabend und intelligent. Der Wohlhabende aber wird seinen Wohlstand konserviren wollen; er wird deshalb zur staatserhaltenden, nicht zur umsturzsuchenden politischen Partei sich hingezogen 'fühlen. Der Intelligente wird seine bessere Einsicht.dadurch beurkunden, daß er der Stimme des Demagogen kein Gehör schenkt, daß er unterscheidet zwischen leeren, wenn^auch schön klingenden Redensarten und der kräftigen Hand^die das Staatsgetriebe regelt und ordnet. \ Als das Judenthum in den Kampf der Politik eintrat, war es demnach auch allen demagogischen Umtrieben fern. Es hielt sich in der Mitte, es rechnete mit den Verhältnissen wie sie waren, nicht wie sie hätten sein können, es behielt, sich ein Urtheil vor, und Jude und Nationalliberal waren fast sich deckende Begriffe. Jetzt ist das anders geworden. Seiner eigenen Schwäche bewußt, hat der Antisemitismus sich hinter die „rechten" Parteien verkrochen; die „linken", stets bereit „Stimmen zu angeln", haben dies benutzt und das. Judenthum in ein sogenanntes fortschrittliches Lager gezogen, welches zwar — phrasenreich wie es ist — sehr schöne Reden gegen die Stöcker und Henrici gehalten hat, aber nicht eine Ausschreitung der Antisemiten zu inhibiren verstand; während die Staatsgewalt, das Ministerium, kurz gesagt, die „Rechte" es gewesen ist, welche den thatsächlich geschaffenen Wandel, den Niemand leugnen wird, herbeigeführt hat. Sie hat dabei .nur nicht so'viel Lärm gemacht und nicht so furchtbar geschrieen, wie die Linke stets thut, wenn sie glaubt etwas erreicht zu haben. ,Jn der That hat sich das Judenthum denn auch stets an die Staatsgewalt adressirt, wenn es Ursache zu klagen oder Wünsche auf Abstellungen hatte. War die Staatsgewalt nicht immer in. der Lage so schnell und so vollkommen zn helfen, als wünschenswerth erschien, so war dies Ursache zu einem neuen „Schub nach' links", zu einer Verstärkung der Partei, die die Regierung und den leitenden Staatsmann nicht minder heftig angriff, als die Antisemiten die Juden. Ob ein Unparteiischer einen Unterschied zwischen dem „fort mit Bismarck" und dem „weg mit den Juden" zurecht konstruiren könnte, erscheint zweifelhaft; ob das blödsinnige Geschwätz von der Esther Salomosi für die Juden beleidigender ist, als für. die Katholiken seiner Zeit das Geschrei über Barbara Ubryk,-erscheint nicht minder zweifelhaft; in Heiden Fällen aber haben Bismarck und die Katholiken die mißleitete Menge ruhig schreien lassen und gethan, was sie für Recht hielten. . Bei den bevorstehenden Landtagswahlen werden die Katholiken ihr Augenmerk darauf richten, diejenige Partei zu stärken, welche sich wesentlich als eine katholische darstellt und die sich in einem bewußten Gegensatz zum Staate befindet und die erste gewesen ist, welche in ihrer Presse Judenhetze zu treiben anfing. Um so mehr wird es die Aufgabe der Juden sein, bei den Wahlen für das staatserhaltende Prinzip sich auszusprechen, welches allein.die Wohlfahrt der Nation und damit auch die der Juden,, als eines integrirenden Theils der Nation, zu fördern im Stande ist, für das Prinzip also, welches mit der Macht des Staates für die Bedürfnisse der Angegriffenen und Schwachen eintritt, und welches seine Grundlage in den sozialistischen Bestimmungen der mosaischen Gesetzgebung findet. Wenn Rafchi z. B. auf }yz pp — sagt, so ist dieses nichts als das Prototyp des Prinzips, dem Fürst Bismarck jetzt in der Arbeiter-Unfallversicherungsgesetzgebung Ausdruck verleihen will; und wenn Raschi beip )p7 vjd" rrnrn ausdrücklich betont, man dürfe die Augen vor dem Alter nicht verschließen,' so kann dies doch kaum anders aufqefaßt werden, als in dem Sinne, aus dem heraus der Reichskanzler für die Altersversorgung eintritt, dessen Absichten anerkanntermaßen dahin gehen, dem Staatssozialismus zu seinem Rechte zu verhelfen und gleichzeitig den Gefahren der Sozialdemokratie die Spitze abzubrechen. Deshalb sprechen alle Berücksichtigungen dafür, daß es die Aufgabe der Juden nicht sein darf, die Feinde der Regierung zu vermehren,. daß sie vielmehr bei den bevorstehenden Landtagswahlen in den Reihen Derjenigen gefunden werden müssen, welche ihre Bemühungen von unten herauf beginnend und das Wohl der Schwachen fördernd, für die Erhaltung und den Ausbau des Staates eintreten, als des großen Gemeinwesens, das wir an die Stelle des kleineren der Vergangenheit, der jüdischen Gemeinde als solchersetzen durften.

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