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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-09-05 · Heft 36 (5.9.1882) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 36 (5.9.1882)
Date
1882-09-05
Page
Seite 587 (sequence 3)
Language
German
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587 Erinnerungen, wie ich sie im Herzen, trage, werden Biele besitzen, die diese Zeilen lesen. Sie werden mit mir fühlen und vielleicht mit mir beklagen, was wir verloren. Das alte Judenthum, das sich selbst genug war, das in der vollkommenen Integrität seines Familienlebens einigermaßen abgeschlossen und doch Theil nehmend an allen Errungenschaften des Zeitalters fest stand wie „der Thurm auf dem Carmel, der nach Damaseus sieht", dem Damaseus weltlicher Sucht; das Judenthum, welches den als einen Gelehrten feierte, welcher das beschränkte und doch so endlose Gebiet (auch hier berühren sich die Gegensätze) des Talmudismus zu durchfliegen vermochte, wie der Adler die Wölbung unterm Firmament — um mit dem Dichter des Klageliedes zu sprechen — dieses Judenthum ist, wenn nicht schon ganz vergangen, so doch gewiß im Vergehen begriffen. Aber das Judenthum hat ein Anderes dafür eingetauscht. Es ist — ganz und voll, mit der Zähigkeit und der Energie, die es zieren — in das Leben der großen Welt eingetreten. Nicht mehr das kleinliche Leben der Gemeinde ist es, dem die Interessen gelten. Im geeinten deutschen Reich nehmen wir an unermeßlich Großem Theil und wenn Deutschland dem Manne unendlichen Dank schuldet, der seine Einigung herbeigeführt, dann müssen ihm die Deutschen jüdischen Glaubensbekenntnisses noch um so viel dankbarer sein, als er mit der deutschen Einheit auch zugleich das Bollwerk geschaffen hat, welches die Theilnahme der Juden an den Aufgaben der Gegenwart wie der Zukunft gewährleistet. Aber auch nur durch ein vollkommenes, selbstloses, uneigennütziges Mitarbeiten an allem dem, was zur Befestigung des noch in seinen Kinderjahren befindlichen deutschen Reiches nöthig ist, kann das Judenthum seiner eigenen Aufgabe gerecht werden. Noch leidet das Reich an „Kinderkrankheiten"'. Kriegsgetümmel und Schlachtenrüf begleiteten die Wehen seiner Geburt; Parteigezänke und religiöser Hader sind die „ Kinderkrankheiten" des noch nicht zwölfjährigen Gemeinwesens. Die mächtigste Partei im Parlament ist, vielleicht mehr als sie selbst weiß, ein Spielball in der Hand des „Zauberers von Rom" und sie befindet sich in einem bewußten Gegensatz zum protestantischen Kaiserthum an Deutschlands Spitze. Oester als an politischen Meinungsunterschieden bricht sich das Wogenmeer des öffentlichen Lebens an Anschauungsdifferenzen, die in der Grundverschiedenheit des Protestantismus vom Katholicismus beruhen, und Deutschland und seine Einheit leiden darunter. Der Kampf, den Luther begann, tobt noch heute, und in dem Kampf, der Staat und Kirche trennt, der um die Hegemonie über die Gemüther geführt wird, wird manche Waffe gebraucht, die ehrlich Kämpfender nicht immer ganz würdig ist. Die Grenze, die die Politik von dem Dogma, die den Verstand von dem Herzen trennt, wird nicht immer heilig gehalten, und so lange solches geschieht, haben wir Juden nicht mehr Recht,, uns über Glaubensfeindschaft, Racenkampf und. Äntrsemitisnius zu beklagen, als' der 'Protestant oder Katholik,' dieihre heiligsten Güter — nicht minder als wir — in' das Hezänke der Parteien, gezerrt sehen. So schmerzhaft uns nichtsdestominder die Angriffe, denen wir seit etlichen Jahren uns ausgesetzt sehen, berühren, so dürfen. wir deshalb doch 'nicht die Objektivität unseres Uriheils leiden lassen. Wir dürfen weder vergessen, daß es nur die „Crapüle" der Bevölkerung war, die dem Antisemitismus anhing, noch übersehen, daß uns, den Juden, unter diesem Titel Unbilliges kaum öfter betraf, als unter ähnlichen Prätexten den Protestanten und den Katholiken, den Puritaner oder den Calvinisten. Wer auch nur einigermaßen das Gezänke kennt, welches in Vergangenheit und in der Gegenwart noch, theils unter dogmatischen, theils unter politischen, theils unter sozialen Borwänden die christlichen Dissidenten einander widmeten und widmen, wird mit mir finden, daß wir nicht die Einzigen sind, denen schamlose Angriffe zu Theil wurden und. werden. Vielleicht beruht es . auf hereditärer Charakterentwickelung, wenn uns die Angriffe tiefer und schmerzlicher berühren; um so tiefer und um so schmerzlicher als die Geschlossenheit jüdischer Gemeinsamkeit, deren ich in den Eingangsworten gedachte, sich verloren hat und jede Unbill deshalb als eine das einzelne Subjekt treffende, uns persönlich meinende, gefühlt wird. Zweifelsohne hat deshalb eben auch 'bcr Antisemitismus ein Großes gewirkt. Zahlreiche Persönlichkeiten, die der Gefahr nahe tvaren, ihr jüdisches Bewußtsein, däs Gefühl, Glieder der Gemeinde Jakobs zu sein , vollständig zu verlieren/ sind durch die'Anfeindungen des Antisemitismus erst wieder daran erinnert worden/ daß seit Jahrtausenden Ererbtes nicht dadurch vernichtet wird, wenn ein Menschenalter das Ueberkommene — itnb zumeist ungeschickt genug — zu ignoriren, als' nicht vorhanden anzusehen versucht.. Bis in Familienverzweigungen hinein, deren Großeltern schon den jüdischen Glauben mit dem christlichen vertauschten, läßt sich diese Beobachtung an zahlreichen Beispielen Nachweisen. Mit der Neuregung des jüdischen Bewußtseins ging aber eine absonderliche Erscheinung Hand in Händ. In keiner Religion ist der politische Begriff des „Bon Gottes-Gnadenthums" so. zum Ausdruck gebracht, wie in der jüdischen. Schon der doch wohl fast' Jedem geläufige Segenssprüch beim Erblicken eines Herrschers preist den „König der Welt", der von seiner Majestät einen Theil dem irdischen König überantwortet. Das Gebet für das Herrscherhaus spricht unzweideutig aus, daß Gott es ist, der'die weltliche Macht dem zum Herrscheramt Gesalbten, anvertraut hat, das im '2k für den Schluß des Bersöhnüngstages, also für die denkbar feierlichste. Gelegenheit dorgesehne Gebet betont in mehrfacher 'Wiederholung die Würde" des' jeweilig segre-

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