Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1882)
- Date
- 1882-09-05
- Page
- Seite 586 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dies ist die Bedeutung dieser zu uns wiederkehrenden Feste. Und nun in der Zeit, in welcher wir gegenwärtig stehen; wo seit.Jahren wieder die schmählichsten Angriffe, Verdächtigungen und Verleumdungen aller Art gegen uns gerichtet werden; wo man uns in unsren heiligsten Empfindungen, in unsrem gerechtesten Selbstgefühl kränkt und verletzt; wo nicht bloß Verfolgungen gröbster Art bald hier, bald dort an uns verübt werden, sondern man uns unser Vaterland entreißen, unsre Religion aufs tiefste beschimpfen will. Da nahen diese Feste als eine Zeit der Erhebung, der Befreiung,, wo unsre Seele all' diesen Staub von ihren ' Schwingen schüttelt und aufsteigt zu den lichten Höhen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens: sie fühlte sich frei und erhaben über alle jene Ausgeburten wüster Leidenschaften; sie fühlt sich sicher im Schutze jenes Gottes, der seine Lehre den Vätern vor vier Jahrtausenden übergab und seitdem die Geschlechter mitten durch die Trümmer der weltlichen Mächte bis hierher führte und erhielt. Die Bekenner dieser Lehre ziehen sich einen Augenblick in ihre Kammern, in die Hallen ihrer Gotteshäuser zurück, vergessen des Lärmens und Tobens draußen, schließen ihre Thijren vor dem hereindringenden Geräusch der.Welt, wenden sich Gott und dem Heile ihrer Seele zu, wissend, daß der Grimm, der ringsum tobt, doch vorübergeht und das Licht über die Finsterniß siegt. Und wenn wir wieder hinaustreten in den Kreis der allgemeinen „Wallfahrt", so hallt jenes „Lied der Wallfahrten" (Ps. 129) .in uns wieder: „Viel drängten sie seit meiner Jugend mich. So spreche Israel; Viel drängten sie seit meiner Jugend mich, Doch überwanden sie mich nicht. Auf meinem Rücken pflügten Pflüger, Und zogen ihre Furchen lang: Der Ewige ist gerecht, zerschnitt der Frevler Seile! Zu Schanden werden und zurückeweichen Die Hasser Zions Alle! Sie werden sein wie Gras der Dächer, Das, eh' man's ausrauft, ist verwelkt;; Womit der Schnitter seine Hand, Der Garbenbinder seinen Arm nicht füllet. Wir segnen Euch im Namen des Ewigen." Die Juden und die politische Lage. Vorbemerkung der Redaktion. Unsere Leser wissen, daß wir in unferm Blatte, den Zwecken und Aufgaben desselben gemäß, keine eigentliche Politik betreiben, daß wir vielmehr, auch was die politischen und sozialen Verhältnisse betrifft, nur bemüht sind, die jüdisch-religiöse Anschauung zu entwickeln und die Ereignisse, und Erscheinungen nach dem Recht und der Gerechtigkeit zu beurtheilen, welche auch die Bekenner des Judenthums von Staat und Gesellschaft in dem Maße wie alle übrigen Angehörigen des Staates fordem können und müssen. Gerade deshalb hatten wir uns für verpflichtet, den folgenden inhaltreichen Artikel aus der Feder eines Mannes, der, wenn auch pseudonym, gleich im Beginne der antisemitischen Bewegung nachdrücklich für seine Glaubens- und Stammesgenossen eingetreten ist, an dieser Stelle zu geben. Wir bemerken aber sofort, daß wir zwar hinsichtlich der Prinzipien, die er aufstellt, mit ihm übereinstimmen, jedoch da, wo er das Gebiet der gegebenen Verhältnisse betritt, abweichender Meinung sind. Wir werden deshalb in der nächstes Nummer Gelegenheit nehmen, dies ausführlich zu entwickeln. — Berlin, 31. August 1882. Wer — wie der Verfasser dieses Aufsatzes — einer „altmodischen" jüdischen Gemeinde entstammt und in ihren Anschauungen erwachsen ist, kann sich dem Eindrücke einer ungeheuren Wandlung innerhalb des Judenthums, die sich in dem letzten Bierteljahrhundert vollzogen hat, nicht entziehen. Meine Heimathgemeinde galt Jahrhunderte lang als „das jüdische Rom"; Jahrhunderte lang war ein „Fürst und Großer in Israel" in ihrem Oberrabbinat gefolgt und wenn in her. weiten Welt von ihr die Rede war, geschah es, weil — für jüdische Ohren wenigstens — der, noch heute nicht ganz ausgetragene Streit, zweier Rabbinen, der Herren Eibenschütz und Emden, den Kriegslärm des siebenjährigen Krieges zu übertönen vermochte. Die Gemeinde litt hin und wieder unter der Allgewalt starren Formelwesens und unter der Unduldsamkeit einer Orthodoxie, der unter Umständen das Tragen eines Schnupftuches am Sabbat als schweres Unrecht gelten konnte. Aber das Formelwesen, schloß ein Familienleben von unerschöpflichstem Reiz, von erhabenster Patriarchalität in sich ein. Aber die Orthodoxie lehrte uns an jedem neuen Tage von neuem, den Nächsten zu lieben wie uns selbst. Wir wußten, daß der größte Talmudist und der größte Kommentator der Bibel, lagen auch mehr als zehn Jahrhunderte, zwischen ihnen, diese Nächstenliebe den Angelpunkt genannt hatten, um den sich die Lehre dreht. / Und von eben diesem Angelpunkte ausgehend, leitete die Gemeinde die Erziehung ihrer Kinder. Der Wissenschaft und dem Erwerbe zugleich dienen zu können, galt als pädagogisches Ziel; vielleicht war der in Ehren reich gewordene Jude der bekanntere Jude, als der bessere Jude galt , der gelehrtere und in einem erfahrungsreichen, vielbewegten Leben habe ich keine Ehrfurcht derjenigen gleichen sehen, welche die ganze Gemeinde dem zollte, der als Oberrabbiner und als Vorsitzender ihres Gerichtes an ihrer Spitze stand.