Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1882)
- Date
- 1882-09-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Ein unparteiisches Organ sitr alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Ntark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buch- . Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen.(Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 46. Jahrgang. Leipzig, den 5. September 1882. No; 36. labalt. Leitende Artikel: Zu den bevorstehenden Feiertagen. II. — Die Juden und die politische Lage. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Aus Süddeutschland, Wolfenbüttel, Friedberg. — Oesterreich- Ungarn: Von der Donau, Pest, Kremsier, Brody, Aus Galizien, Lemberg. — Großbritannien: London. — Palästina: Jerusalem. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: .Vermischtes: Ein historisches Kuriosum. — Ein Preßprozeß. XeUVmOe. d-zU-ficf. Bonn, 30. August. In den bevorstehenden Feiertagen. ii. „Auf, mein Volk, geh' in deine Kammern, Schließ deine Thüren hinter dir. Birg dich nur kurzen Augenblick: Bis vorübergezogen der Grimm." (Jesaias 26, 20.) Was den Festen, die herannahen, ihre hohe Bedeutung, ihren unschätzbaren Werth giebt, das ist, daß sie uns aus dem Kreise des weltlichen Lebens, aus dem Ringen und Streben, ans dem Arbeiten und Sorgen innerhalb desselben, aus dem Gewirre der Leidenschaften, die in ihm treiben und herrschen, für ihre Zeit zu den lichten und reinen Höhen der Religion, zu Gott erheben. Sie lösen uns aus dem Qualm der Parteikämpfe, des Konkurrenzneides, aus dem Dunste der materiellen Interessen und der Mühsale für das tägliche Brod, aus den Fesseln all' der natürlichen und erkünstelten Triebe, welche die Seele des Menschen umfangen, und tragen unsren Geist zu der Sphäre, in welcher wir uns mit unsrem Gotte, mit seinem heiligen Willen, mit dem, wozu er uns ins Dasein rief und was er uns auferlegt, als Ziel und Bestimmung, allein befinden. Und dies nicht für den Einzelnen. in besonderen Augenblicken, in ungewöhnlichen Lagen und Empfindungen, sondern für die gesammte Glaubensgenossenschaft, für alle Bekenner zumal zu der seit Jahrtausenden bestimmten Zeit des Jahres. All' die erhabenen Gedanken und Lehren, welche diese Feste enthalten und die sie von Geschlecht zu Geschlecht verkünden, strömen in die Seele des Volkes ein zu gemeinsamer Weihe und Erhebung, zu gemeinsamer Läuterung nnd Veredelung, jene Ldhren vom Wandel der Zeit und dem wechselnden Geschicke, von der göttlichen Weltordnüng und dem göttlichen Gerichte, von der Schuldhaftigkeit des Menschen und seiner Versöhnung mit Gott durch aufrichtige Reue und die Barmherzigkeit Gottes. Wenn man sonst uns im weltlichen Leben eine Solidarität theils aufzwingt, theils insinuirt — hier, im geschlossenen Kreise des religiösen Lebens besteht allerdings eine Solidarität vor Gott. Nicht, daß der Einzelne für die Schuld des Anderen einzutreten hätte, denn vor Gott stehet jede Seele in ihrem eigenen Werthe, nach ihrem Wollen und Thun, nicht der Vater für den Sohn, nicht die Gattin für den Gatten; aber auch nicht daß durch irgend ein Mysterium innerhalb der Gesammtheit und mit dieser jeder Einzelne seiner Irrungen und Schuld frei werde. Aber indeck die Gesammtheit alle Einzelnen beruft, an der Heiligung der Feste theilzunehmen und sich von ihr durchdringen zu lassen, indem sie für Alle den feierlichen Gottesdienst herstellt, die Pforten des Heiligthums für Alle öffnet und das Gotteswort für jedes Ohr und jedes Herz verkünden läßt, hat sie für Alle ein gemeinsames Ziel aufgepflanzt, für Alle einen gemeinsamen Weg geebnet und legt Allen die Verpflichtung nicht bloß der äußeren, sondern auch der innersten. Teilnahme, ganzer Hingebung, ganzer'Aufnahme in Herz und I Geist auf.