Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1882)
- Date
- 1882-08-29
- Page
- Seite 577 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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577 Deutschland. Berlin, 16. August. (Privatmitth.) Daß Herr Stöcker und seine Genossen für die bevorstehende Wahlkampagne auch ihren Antisemitismus wieder in Scene setzen würden, liegt für sie schon in der Notwendigkeit, den Schein der Konsequenz zu bewahren. . Das Organ Stöckers, der „Reichsbote", dringt darauf, ein Wahlbündniß zwischen den Konservativen und Ultramontanen zu Stande zu bringen und schlägt hierzu ein „Wahlprogramm" vor, dessen zweiter Artikel folgendermaßen lautet: „Wir wollen Erhaltung und Stärkung des christlichen Charakters unseres Volkslebens auch als Grundlage für den Staat. Also insbesondere: 1) Erhaltung der christlichen Volksschule, Verbesserung der Lage der Lehrer, insbesondere der älteren und der Emeritirten, aus Staatsmitteln, sowie Zurückweisung der auf Simultanisirung und Religionslosmachung der Schule gerichtete Bestrebungen. 2) Wiederherstellung des christlichen Eides. 3) Wiederherstellung der Berechtigung zur christlichen Eheschließung (fakultative Civilehe) und 4) Zurückweisung des überwuchernden Einflusses des Judenthums im Staatsleben." Der letzte Satz soll wohl nichts Anderes bedeuten, als das Bestreben, den Juden die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen. Wir wissen längst, was diese Leute wollen; was sie können, außer Zwietracht und Unheil anstiften, haben sie noch nicht erwiesen. Berlin, 17. August. (Privatmitth.) Ein großes englisches Blatt berichtete jüngst über eine Unterredung, die „ein fremder Diplomat" mit dem Fürsten Bismarck gehabt habe und in welcher der deutsche Reichskanzler unter Anderem das geflügelte Wort habe fallen lassen: „Die Juden und die Frauen seien die Hüter des europäischen Friedens!" Viele, namentlich österreichische Blätter, reproducirten den Bericht. Aber die „N. A. Z." dementirte die ganze Unterhaltung als erfunden. Immerhin bleibt es charakteristisch für unsre Zeit, ein solches Wort selbst nur als scheinbar glaubhaft zu produciren. Ja, die Juden lieben den Frieden; vor Allem aber daß man sie im Frieden lasse, wozu unsre Zeit durchaus nicht geneigt zu sein scheint. Dresden, im Äug. Hier, soll am 11. September eine internationale Anti-Semiten-Versammlung stattfinden, zu der zahlreiche Einladungsbriefe ergangen sind. Trotz des höchst vertraulichen Charakters dieser Einladungen ist „Egyetertes" dennoch in den Besitz des Formulars gekommen und theilt dasselbe wie .folgt mit: „Zur Besprechung der nächsten Ziele .der judenfeindlichen Bewegung laden hiemit die Unterfertigten Euer Wohlgeboren zu der am 11. September d. I. in Dresden im weißen Saale des Helbig'schen sogenannten „Elb- Etablissements" stattfindenden Versammlung. Zuschriften mit Bezug auf das Erscheinen zu der Versammlung wolle man gefälligst nach Dresden richten. Die Einladung trägt folgende Unterschriften: Karl Fritz, königlich bayerischer Major und Kämmerer, Ehrenpräsident des westfälischen Handwerkervereins; Dr. plril. Ernst Henrici, Präsident des Berliner Socialisten-Vereins; Victor Jstoczi, ungarischer Reichstags- Abgeordneter; Dr. theol. Gustav Hoffmann, Präsident des Breslauer deutschen Resormvereins; Gejza Onody, Gutsbe-, sitzer und Reichstags-Abgeordneter; Wilhelm Pickenbach, Präsident des Berliner deutschen Reformvereins; Ernest Schmeilzner, Verleger und Präsident des Chemnitzer deutschen Reformvereins; Richard Szkalla, Groß-Industrieller und Präsident des mährischen Reformvereins; Dr. Adolph Stöcker, königlich preußischer Hofprediger und Mitglied des deutschen Reichstages; Baron Karl Thüngen-Roßbach, Grundbesitzer; Pinkert-Waldegg, Präsident des Dresdner deutschen Reformvereins; Edmund Winterseldt, Grundbesitzer; Karl R. v. Zerboni, Präsident des Wiener Reformvereins; Ferdinand Ziegler, Vice-Präsident des Breslauer Reformvereins." Man sieht, das sind keine neuen Namen, und ebensowenig aus anderen Ländern als bis jetzt antisemitisch anrüchig waren. Darum — keine Bange! Dresden sah schon einmal eine solche Farce! Bremen, 14. August. (Privatmitth.) Hier verstarb am vorigen Donnerstag plötzlich der von Berlin auf Grund des kleinen Belagerungszustandes ausgewiesene Cigarrenmacher Julius Lewin. Von Seiten seiner hiesigen Parteigenossen war an den Vorstand der israel. Gemeinde die Bitte ergangen, den Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhofe zu beerdigen; derselben wurde in humanster Weise entsprochen, und die Beerdigungskosten wurden zum größten Theil aus der Gemeinde-Armenkasse bestritten, während die hiesigen Socialdemokraten eine kleine Summe dazu beigesteuert hatten, lieber die heute stattgefundene Beerdigung berichten die „Bremer Nachrichten": „Der Cigarrenmacher Julius Lewin, welcher vor einigen Tagen hier plötzlich verstorben ist, wurde gestern Nachmittag 4^/2 Uhr vom Doventhorsfriedhof aus auf dem Friedhofe der hiesigen israelitischen Gemeinde in Hastedt beerdigt. Die Parteigenossen und Freunde des Verstorbenen hatten sich in überaus großer Zahl zur Beerdigung eingefunden und folgten bis zum Grabe. Der Prediger der israelitischen Gemeinde, Herr Lewinger, obgleich Reconvalescent, hielt am Grabe eine kurze, tiefempfundene und zu Herzen gehende Ansprache über die Arbeit als Lebensprincip. Nach Gebet und Segen wurde das Grab zugeschüttet, und von Vertretern hiesiger und auswärtiger Arbeitervereine wurden verschiedene Kränze auf dasselbe niedergelegt. Die ganze Trauerfeierlichkeit hatte einen ernsten und würdigen Verlauf." 35