Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1882)
- Date
- 1882-08-29
- Page
- Seite 576 (sequence 8)
- Language
- German
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sich dazu noch folgender Umstand, welcher die Wiedervereinigung mit ihren so lange verlassenen Brüdern geradezu ihnen aufdrang. Unsere gegenwärtigen Feinde, welche nicht mehr die Religion, sondern die Nationalität als Waffe mißbrauchen, konnten konsequentermaßen zwischen Juden und Juden keinen Unterschied machen und fanden gebildete und dekorirte Juden in ihren Augen keine Gnade,, sie zogen gegen alle Juden ohne Ausnahme ins Feld. Da wurde die jüdische Intelligenz und Plutokratie, also die gesammte moderne Judenheit bestürzt. Was nun machen? In früheren Zeiten gab es doch ein vortreffliches Mittel vom Judenthum los zu kommen: man nahm das Christenthum an, und man war dann gut aufgehoben. Aber jetzt leider, in unserm aufgeklärten Jahrhundert, wo Niemand an die Taufe glaubt und dazu noch beim Racencharakter der gegenwärtigen Judenhetze, was kann da die Annahme des Christenthums noch helfen? Schlimm, sehr schlimm! Man muß von neuem Jude werden, man muß sich der altmodischen jüdischen Masse eng anschließen und mit vereinten Kräften den Kampf mit dem Antisemitismus aufnehmen. Das ist doch noch Etwas. Bei vielen erwachte auch wirklich das nationale Bewußtsein, das jüdische Herz begann im Busen sich zu regen und immer wärmer für das Schicksal Israels zu schlagen. Allein ein so frischgebackener Jude, ein so schnell improvisirter Patriotismus weiß sich natürlich nicht sonderlich in diese so bitteren Zeiten zu finden. Die Judenexcesse haben sie ganz unvorbereitet gefunden, haben sie völlig überrumpelt. Wenn es auch nicht an gutem Willen fehlte, so gebräch es doch nur zu sehr an Berständniß und Einsicht, an Erfahrung und Planmäßigkeit, wovon unsere beiden letzten jüdischen Delegirtenkonferenzen und so manches Beginnen und Unternehmen in letzter Zeit, auf die wir noch zurückkommen, beredtes Zeugniß ablegen. Selbst ihr Verhalten zum Judenthum hat etwas ganz Eigenthümliches, um nicht zu sagen unheimlich Russisches. Es scheint doch, daß die russische Erziehung sich zu tief in ihnen festgesetzt hat. Auch hier macht sich leider schon Obersiächlichkeit und Phrase, Unwissenheit und Nihilistisches bemerkbar. Die Herren kennen zu wenig das Judenthum und sind zum Lernen zu bequem; das Judenthum aber will besonders und vor Allem gekannt werden. Die Geschichte hat es so sehr äußerlich entstellt, böse Gerüchte und feindliche Verleumdungen haben es so verunglimpft, daß viel dazu gehört, über diese Verunglimpfungen wegzusehen und durch feine entstellte Aeußerlichkeit in sein reiches herrliches Innere einzudringen. Dazu gehört nicht bloß guter Wille und eifriges Studium, sondern auch kritische Unbefangenheit und sittlicher Ernst, und das Alles wäre doch zu viel von Leuten verlangt, die auf Pissareff und Präferenz erzogen wurden. Wie bereits erwähnt,, hat die Rückkehr unserer modernen Juden zum Judenthum einen bloß nationalen Charakter, aus welchem die Emigrationsbestrebungen, die Schwärmerei von der Restauration eines jüdischen Staats, der Kolönisirung Palästinas, konsequent hervorgehen. Ist das Judenthum eine Nation, so nmß es nach politischer . Selbständigkeit, streben. Dadurch unterscheidet sich die gegenwärtige Rückkehr der russischen Juden zum Judenthum sehr grell von der ähnlichen unserer deutschen Glaubensgenossen, in den zwanziger Jahren dieses Säckulums, wo sie einen ausschließlich religiösen Charakter trug. Das ist auch erklärlich. Als in den deutschen Juden das Bewußtsein ihrer jüdischen Angehörigkeit und die natürliche Neigung zu ihren Brüdern erwachte, mußte diese unter der Firma „Deutsche Mosaischer Konfession" auftreten. Wenn auch ihr Verhältniß zur jüdischen Religion bedeutend gelockert war, so hatten sie doch mit ihr durchaus nicht gebrochen und konnten sie mit ruhigem Gewissen für Juden in religiöser Beziehung sich erklären. Nun aber gab es zu jener Zeit noch keine jüdische Wissenschaft in deutscher Sprache, es gab noch keine Geschichte der Juden von Jost öder Grätz und noch anderen. Sie kannten ihr Volk mehr von seiner äußerlichen, so wenig anziehenden und symbolischen Seite, zu einer Zeit, wo sie ihre deutsche Umgebung, mit deren Geschichte und Literatur sie sich zu befreunden suchten, auf der Höhe ihrer Zeit sahen, mit dem inniglich verwandt zu sein und zu dessen echten Söhnen gezählt zu werden zu verlockend, zu verführerisch war, um nicht, bewußt und unbewußt, die Begriffsverwechslung von „nationaler Herkunft" und „bürgerlicher Verpflichtung" oder „Staatsangehörigkeit" sich gern gefallen zu lassen. Die deutschen Juden konnten so, leichten Herzens, sich als „Deutsche Mosaischer Konfession" ausgeben, und auf diese Weise den natürlichen Hang zum Judenthum wie das Gelüste befriedigen, nicht bloß als treue deutsche Bürger, sondern auch als Söhne der deutschen Nation zu gelten. Das ist aber bei den modernen russischen Juden nicht der Fall. Dem Mutterschooß der Religion sind sie, Dank der russischen Erziehung, den eingeimpften nihilistischen Lehren, schon längst entwachsen. Sich als Juden in religiöser Beziehung zu erklären, würde weder sie selbst befriedigen, noch irgend Jemand täuschen. Wenn sie zum Judenthum sich bekennen sollten, so muß es nur in nationaler Hinsicht sein. Das dürfte ihnen um so leichter fallen, als sie jetzt als echte Russen zu gelten, nachdem letztere sich nach allen Seiten hin ein so schändendes Zeugniß ausgestellt haben, keine besondere Lust verspüren könnten. Es fragt sich nun, worin äußert sich dieses erwachte nationale Bewußtsein? Wohin geht sein Streben? Und was ist von ihm zu erwarten? Die Beantwortung dieser Fragen wird Gegenstand meines nächsten Briefes sein. F. Gr.