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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-29 · Heft 35 (29.8.1882) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 35 (29.8.1882)
Date
1882-08-29
Page
Seite 575 (sequence 7)
Language
German
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dre Nihilisten, auf deren Fahne „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" steht und die nur für die unterdrückte Menschheit Lanzen brechen, aber die Nation vollständig ignoriren, gegen die Juden nichts Böses im Schilde führen , ginge ja schon daraus hervor, daß sie in ihren Reihen viele Juden zählen. Von den russischen Liberalen hätten die Juden desgleichen nichts zu fürchten. Sind ja die Liberalen aller Staaten für die Judenemancipation, und wie dürften gegen letztere die liberalsten aller Liberalen, die Liberalen des gastfreundlichen toleranten Rußlands sein? Kurz — die Juden dürsten sich alleü diesen Parteien, je nach Belieben, anschließen, um mit vereinigten Kräften eine andere Regierung herbeizuführen, und welche diese auch sein werde, wenn sie nur nichtabsolutistisch ist, dann wäre die jüdische Frage gelöst. Als Beweis, wurde gewöhnlich das unter dem Namen „Der 'Protest der 150" bekannte Dokument angeführt', welches anfangs der sechziger Jahre als Protest, bedeckt mit 150 Unterschriften der hervorragendsten russischen Schriftsteller aller Parteien und Farben, gegen einen Skribler erschien, welcher gegen einen jüdischen Literaten, Dr. Trahatskin, „sid“, Jude, als Schimpfwort gebraucht, was einen kolossalen Sturm hervorgerufen hat. Daß bei einem Stimmungsmenschen und Modeskläven, wie der Russe ist, ein Dokument, wie das obengenannte, zu einer Zeit, wie anfangs der sechziger Jahre, wo liberalisiren in der Judenfrage überall in Europa zum guten Ton gehörte, durchaus noch nichts beweist, und daß für die Judenemancipation der Civilisationsgrad und die Kulturstufe, welche der Russe erreicht, weit mehr maßgebend ist, das wollte man nicht einsehen und man hegte blindes Vertrauen zu den hohlen aber schönklingenden heuchlerischen Phrasen der russischen Intelligenz, und man war überzeugt auch für die Juden ungemein viel zu thun, wenn man um so enger und keine Opfer scheuend sich den Russen anschloß.. Man wollte nicht einsehen, daß die wesentliche Verbesserung der Lage der russischen Juden unter der vorigen Regierung nicht ein Produkt der „Liberalen" der russischen Intelligenz sei, wie von letzterer behauptet wurde, sondern ausschließlich das Werk des „civilisirten Absolutismus", welcher noch lange, lange in Rußland das beste Regierungssystem bleiben wird und von welchem allein die Juden ihre Erlösung zu erwarten haben, der in der Person des großherzigen edeldenkenden Monarchen Alexander!!, zum Ausdruck kam, welcher es so vortrefflich verstanden hat, die wilden Geister zu bannen und die asiatische Rauheit zu bändigen und zu unterdrücken, bis Er selbst, leider nur allzufrüh im Kampfe mit ihnen unterlag. Mit dem Tode dieses edlen Monarchen erhob die asiatische Bestie ihr Haupt, die wilden Geister gingen los, die thierischen Instinkte wurden entfesselt, die lügnerische Maske des Russen fiel und hervortrat der Mongole, der Scythe in seiner bunten Häßlichkeit. Die Juden-Excesse brachen aus, es triumphirte die Wildheit, die Niederträchtigkeit feierte die scheußlichsten, Orgien, deren je die Sonne Zeuge war... Unsere jüdische Intelligenz, sah, wie ihr vielgepriesenes „gutmüthiges", „gastfreundliches", „tolerantes" russisches Volk über ihre friedlichen schutzlosen Mitbürger wie ein reißendes Thier herfiel, ihr Habe und Gut plünderte und zerstörte, ihre Kinder vor den Angen der hülflosen Eltern zerschmetterte, Greise und Kranke mißhandelte, niedermetzelte, ihre Frauen und Töchter schändete . . . Sie sah, wie die „idealen" Slavophilen mit dem einstmaligen Judophilen, dem „ehrlichen" Aksakoff an der Spitze den mörderischen Rebellen Beifall klatschten, wie die „kosmopolitischen" „Weltbefreier", die Nihilisten, die losgerissene Bestie im russischen Pöbel auf die Juden in der niederträchtigsten Weise hetzten, sie sah, wie gerade zu dieser Zeit die russischen Ultraliberalen der „Nedelja", „Otetscheßtweny sopiscy", „Rußky kurjer" et tutti fratti — von den „Kloaken„Nowoje Wremja", „Kiewlanin", „Sowremenia Jswestia" und Konsorten nicht zu sprechen — mit judenfeindlichen „Briefen" sein sollender „Bauern" und von Haß und Verachtung gegen Juden strotzenden Artikeln die Spalten füllten, sie sah, wie zu der Zeit, wo die gesammte civilisirte Menschheit, tief beschämt von der russischen Barbarei, welche unser Jahrhundert mit Schmach bedeckt, und von dem großen Elend ergriffen, welchem die Opfer jener Barbarei ausgesetzt waren, von allen Enden der Welt herbeieilte, gegen diese Schmach zu protestiren und deren Opfer zu beschützen und ihnen unter die Arme zu greifen, sie sah, sage ich, wie auch derjenige Theil der russischen Gesellschaft, welcher sich auch nicht, direkt oder indirekt, an jenen scheußlichen Greuelthaten der Juden-Excesse betheiligt hat, bloß müßiger Zuschauer der letzteren war und kein Wort der Entrüstung und des Protestes hatte und keinen Schritt zur Milderung der Roth ihrer eigenen Mitbürger that, der Noth, welche ihre eignen russischen Verbrechen, ihre eigene russische Schändlichkeit geschaffen haben, während diese Noth diejenigen ihrer Mitbürger traf, welche noch vor Kurzem, für die Bewohner der Wolgagegend — wo kein Jude sich niederlassen darf — als diese Gegend von Hungersnoth heimgesucht wurde, in ihren Synagogen geistliche Koncerte und Sammlungen veranstalteten. Das Alles sah nun unsere jüdische Intelligenz und erröthete vor ihrem gräßlichen Götzen, dem sie ihren Gott, ihr Volk, die heiligen Traditionen ihrer ruhmreichen Vergangenheit und das großartigste Vermächtniß ihrer Väter,— Einheit und Solidarität geopfert haben; sie sah ihr einstiges Ideal in seiner wahren Gestalt, in seiner ungeschminkten Bestialität und schämte sich vor der Verlogenheit seiner Phrasen, denen sie geneigtes Ohr, volles Vertrauen geliehen haben. Wäre schon diese so bittere Enttäuschung Grund genug, sie in den Schooß ihres. Volkes zurückzuführen, dem sie, in ihrer Verirrung und in Uebermuth, den Rücken gekehrt; so gesellte

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