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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-29 · Heft 35 (29.8.1882) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 35 (29.8.1882)
Date
1882-08-29
Page
Seite 574 (sequence 6)
Language
German
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ihre Titel, Rang und Orden redlich verdient. Sie, die noch vor einem oder zwei Decennien bettelarm waren , haben es vermocht, durch ihr flitterbuntes, marktschreierisches Gebahren alter Welt die Augen aufzureißen. Bald waren. es unerhörter Prunk und Staat, bald kolossale Schenkungen — selbstverständlich nur nicht zu jüdischen Zwecken, bald waren es neue Dekorationen und hoher Rang, bald die vornehmen Grundsätze: keinen Juden zu sich über die Schwelle zu lassen und bei ihren riesigen Unternehmungen keinem Juden Arbeit zu geben, was Jahre lang die öffentliche Meinung Rußlands beschäftigte. Das hat natürlich seine Wirkung nicht verfehlt, es hat den Boden für künftige Judenexcesse urbar gemacht. Die gegen die mächtige unverwundbare jüdische Plutokratie aufgehäufte Erbitterung sollte um so furchtbarer und verhängnißvoller auf die ohnmächtige und schutzlose jüdische Masse sich entladen. Nicht besser war das Verhalten unserer jüdischen Intelligenz. Angekränkelt vom brutalen Nihilismus und krassen Materialismus der russischen Schule, gab es für sie keinen Glauben überhaupt, und bestrebt mehr Russe zu sein als die Russen selber sind, ignorirten sie ihre Stammesgenossen. Was konnte sie an das Judenthum noch fesseln? National-ideale Interessen? Welche ideale Interessen ist überhaupt der Russe oder der im russischen Geiste Aufgezogene und Erwachsene, welche gemeiniglich bis über den Kopf im Materialismus stecken, im Stande zu hegen? Wenn der Russe schon wirklich ideal wird und auch sogar schwärmt, so besteht dieser Idealismus, diese Schwärmerei darin, daß er nicht bloß seinen Magen gefüllt, nicht bloß seinen Rücken vor der Knute geschützt wissen möchte, sondern dasselbe auch für den Rücken und Magen des Nächsten herbeiwünscht. Ueber dies hinaus geht der Idealismus des Russen nicht. Begriffe wie das hebräische oder das deutsche „an sich" oder das „Wahre, Schöne und Gute" sind jedenfalls nicht dem russischen Boden entkeimt. Für die jüdische Intelligenz gab es kein höheres Ideal, als der russischen gleichzukommen, und leider, das ist ihr nur allzuschnell gelungen. Sie war wie die russische Intelligenz oberflächlich und phrasenhaft, wie sie materialistisch und aller Ideale bar, ja auch auf das Judenthum sah sie mit dem Auge der russischen Intelligenz stolz verächtlich herab und schämte sich nicht deren lügnerische Beschuldigungen und schnöde Verleumdungen von der Arbeitsscheu, Genußsucht und Exploitation der Juden zu wiederholen, obgleich sie, die jüdische Intelligenz, doch wohl weiß, oder wenigstens wissen könnte, aus ihrer eigenen Verwandtschaft oder nächsten Umgebung, wie wenig die jüdischen Handwerker, Lastträger, Steinhauer re. re. schwere Arbeit scheuen und wie kümmerlich diese ihr Dasein fristen, trotz ihrer beispiellosen Mäßigkeit und Sparsamkeit. Allein echt russisch oberflächlich und um die Wahrheit wenig bekümmert, stimmten sie ein in den vollen Chor der russischen Intelligenz. So wagte ein junger jüdischer Literat auf der jüdischen Delegirtenkonferenz im August vorigen Jahres, Herr W—in, frech und frivol genug, der ehrwürdigen Versammlung die Leviten zu lesen, über jüdischen gewissenlosen Wucher und betrügerischen Trödel und.zu erklären, daß die jüdische Frage in der Arbeitsscheu und Exploitation der Luden bestände, und Vieles in dieser Art, während dieser Herr in einem jüdischen Centrum, wie „Minsk", von rechtschaffenen Eltern geboren und erzogen, reiche Gelegenheit hatte, vom Gegentheil seiner bodenlosen Behauptung sich zu überzeugen. Die Versammlung fand auch keine Worte, ihm zu antworten, und hatte nur Thränen, heiße, bittere Thränen, daß sie , die greisen Vertreter ihres Volkes, solche Schmach und Schande haben erleben müssen. Und doch ist Herr W—in nicht der einzige und auch nicht der schlimmste jüdische Antisemit unserer jüdischen Intelligenz. Es fehlt auch nicht an solchen Juden wie Herr W—off und S— sky, die zu den Säulen und Tonangebern antisemitischer Organe wie die „Nedelja“ gezählt werden. Was Wunder? . Wenn Juden den Russen in den kulturzerstörenden Wahn des Slavianophilismus und in die entsetzlichen Verbrechen des Nihilismus folgten, warum sollten sie dann nicht mit ihnen gleichen Schritt im Antisemitismus halten; wenn ein Hilferding und Schöne zu den Koryphäen der Slavianöphilen; Goldberg und Deutsch zu den Rädelsführern der Nihilisten, warum sollte ein S—sky und W—off nicht zu den Helden der Antisemiten gerechnet werden? Sind sie denn etwa nicht echte Vollblut-Russen? Haben sie ja aus russischen Handbüchern Geographie und Arithmetik gelernt, von russischen Tanzkünstlern Tanzunterricht bekommen und in russischen Restaurants einen Theil ihrer Erziehung genossen und heißen auch nicht mehr Abraham oder Isaak, sondern Andrey oder Iwan. Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, daß nicht solche Herren ausschließlich unsere jüdische Intelligenz bilden und daß unter letzterer nicht wenige sind, welche dem Judenthum noch nicht den Rücken gekehrt haben und sich noch immer als Juden fühlen. Allein den russischen gleißnerischen Phrasen Glauben schenkend, waren sie meist der Meinung, daß die jüdische Frage in Rußland bloß von der konservativen Regierung bedingt ist; der Konservatismus wäre überall drr Todfeind der Juden, daß aber das gutmüthige, gastfreundliche und tolerante russische Volk den Juden freundlich wäre, daß selbst die Slavianöphilen, welche anderen Nationalitäten nicht wohlgeneigt sind, den Juden in der Hoffnung, daß letztere sich mit den Slaven, unter welchen sie in großer Majorität seit Jahrhunderten leben, assimiliren werden, sehr gewogen wären, und wurde gewöhnlich bei dieser Gelegenheit das Haupt der Slavophilen Aksakow, der in früheren Jahren zu den eifrigsten Vorkämpfern der Judenemancipation gehörte —wovon seine Schriften Zeugniß ablegen —, als Beweis angeführt. Daß

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