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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-29 · Heft 35 (29.8.1882) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 35 (29.8.1882)
Date
1882-08-29
Page
Seite 573 (sequence 5)
Language
German
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573 Russische Griefe?) xm. Petersburg, den 9. Aug. 1882. Die russische Judenheit durchlebt gegenwärtig eine Krisis, wie die zur Zeit der Kreuzzüge, der Verbannung aus Spanien, der Verfolgungen Chmelnitzky's und ähnliche, die in mehreren Jahrhunderten einmal wiederkehrett! Solche Krisen waren immer von gewaltiger und tiefer Wirkung. Wie ein Erdbeben den Boden und Alles, was in und auf dem letzteren sich befindet, so mächtig erschüttert, erschüttern jene Krisen das gesummte Leben und Treiben des Volkes in seinen tiefsten Tiefen. Und wie ein Erdbeben nicht Untergang, sondern bloß Umgestaltung dem Boden droht und wenn es auch wüste Zerstörungen hinterläßt, doch nicht selten den tieferschütterten Boden um so urbarer macht, so auch jene Krisen im Leben unseres Volkes. Sie haben das felsenfeste Israel wohl tief erschüttert, aber nie zerrüttet; und wie bejammernswerth der Fluch ihrer Verwüstungen auch immer war, so hoch erfreulich war der Segen ihrer fruchtbringenden Wirkungen. Aus jeder Krisis keimte ein neues, frisches, kerngesundes Leben hervor und verjüngt, gekräftigt und gestärkt erstand Israel wie ein Phönix aus der Asche. Noch ist die gegenwärtige Krisis nicht vorüber, und schon kündet sich ein neues Leben an, mit einem üppigen Reichthum von Ideen, Bestrebungen und Parteien, die, an sich interessant und belehrend, gewissenhaft in das Notizbuch der Zeit eingetragen zu werden verdienen, weil sie immer energischer um sich greifen, immer tiefere Wurzel fassen und greifbarere Gestalt annehmen, so daß sie außer allem Zweifel eine Zukunft haben. Das Erfreulichste, was schon in die Augen fällt, ist die Rückkehr der modernen russischen Juden zum Judenthum. Bedenkt man, daß dieser Theil der russischen Judenheit schon sehr zahlreich ist und überdies täglich unverhältnißmäßig wächst, so daß er nach einigen Decennien die große Majorität der hiesigen Juden bilden wird, so ist höchst erfreulich wahrzunehmen, daß in ihnen das nationale Bewußtsein immer mehr zum Durchbruch kommt. Das läßt sich zwar von den altmodischen russischen Juden nicht behaupten, aber sie haben es auch gar nicht nöthig. Wenn der Mensch kerngesund ist,, wenn sozusagen sein Lebensappetit frisch und kräftig ist, dann wird's ihm nie in den Sinn kommen, sich zu fragen, wozu er denn lebt, warum er da ist, oder gae mit Hamlet um 1) Die folgende Stimme aus dem russischen Judenthume wird dem Leser gewiß interessant sein. Aus den früheren Briefen des Berf. wird er sich erinnern, daß dieser in seinen Ansichten durchaus konsequent ist. Beruhen die Mittheilungen völlig auf Wahrheit, so ist das „moderne russische Judenthnm" abermals auf falschem Wege. Denn das Judenthum kann ohne seinen religiösen Gedanken und ohne seine religiöse Mission weder verstanden werden, noch, bestehen. Redaktion. „Sein oder Nichtsein " kalkuliren. Er fühlt und weiß, daß er einmal da ist und es ist ihm so klar und einleuchtend, warum er im „Sein" beharren möchte. In einem solchen glücklichen Zustand befindet sich, in Hinsicht auf seine jüdische Existenz, der russische altmodische Jude. Er ist Jude vom Wirbel bis zur Zehe. Er lebt, denkt, fühlt und athmet als echter Jude. Jeder Schlag, welcher irgendwo auf's Judenthum fällt, trifft ihn schmerzlich, und über jedes freudige Ereigniß in Israel frohlockt sein Gemüth; im tiefsten Unglück seines Volkes ist er glücklich Jude zu sein. Und wie sollte in ihm die Frage auftauchen: ob er Jude in konfessioneller oder nach nationaler oder bloß in letzter Beziehung ist, und am allerwenigsten könnte ihn die Frage beunruhigen, ob er überhaupt Jude sein und bleiben sollte. Was könnte er denn sonst sein oder werden? So verhält es sich mit unfern modernen Juden nun nicht, auch jetzt in ihrer nationalen Rekonvalescenz nicht-. War doch bei ihnen das Bewußtsein ihrer nationalen Augehörigkeit lange fast ganz erloschen und waren sie sogar stolz im Glauben: bereits Russen reinstenWassers zu sein. Die alte vielgepriesene jüdische Einheit und die viel gefürchtete jüdische Solidarität gehörten bereits mehr der Geschichte an. Die nihilistische russische Schule und Gesellschaft und die privilegirte Stellung, welche hier die jüdische Plutokratie und Intelligenz einnahmen, die insgesammt unsere modernen Juden ausmachen, haben unter der vorigen Regierung eine tiefe Zerfahrenheit im Leben der russischen Judenheit einreißen lassen, die für letztere immer bedenklicher und gefährlicher wurde. Was dem Drucke und der Verfolgung vieler Jahrhunderte nicht gelungen ist, das haben die 25 Jahre verhältnißmäßiger Duldsamkeit der Regierung des humanen Alexander II. bewerkstelligt: der Jude ist dem Judenthnm entfremdet worden. Für den reichen wie für den diplomirten Juden gab es eigentlich keine Judenfrage mehr. Sie, persönlich wenigstens, waren ihren christlichen Genossen fast gleichgestellt, und was ging sie das Schicksal der jüdischen Masse an, welche durch den Abzug oder den Verlust der vermögenderen und einflußreicheren Klasse aus ihrer Mitte weit hülfloser und unglücklicher ward, als sie es je gewesen ist. Der reiche Jude trachtete nur, wie seine Taschen zu füllen, durch verschwenderischen Luxus Aller Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wie Titel, Rang und Orden zu erlangen, und wie am sichersten seine jüdische Herkunft vor aller Welt zu verheimlichen. Daß sie durch ein solches Treiben sich bloß lächerlich machen und dabei Neid und Haß unter der christlichen Bevölkerung wecken, daß das schlimme Folgen für die gesammte Judenheit haben kann, was kümmerte es sie, wenn sie nur reich und mächtig, dekorirt und titulirt sind und alle Welt von sich sprechen machen. Ja, man muß diesen Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie haben dem Anttsemitismus wackere Dienste geleistet und nach dieser Seite hin wenigstens

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