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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-29 · Heft 35 (29.8.1882) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 35 (29.8.1882)
Date
1882-08-29
Page
Seite 572 (sequence 4)
Language
German
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unterlassen, um die Interessen der Privatpersonen, die an der gesetzwidrigen Etablirung der Juden nicht schuld waren,- zu schützen, aber zu gleicher Zeit zeigte man durch diese Verfügung an die Lokalbehörden die absolute Nothwendigkeit- Maßregeln zu ergreifen, um die Möglichkeit der Wiederkehr solcher Unordnungen zu verhindern. Indessen ergiebt sich nichtsdestoweniger nach den Auskünften, die im Ministerium des Innern einliefen, daß die Lokalbehörden in einigen Provinzen sich durchaus nicht nach den in obigem Cirkulär festgestellten Vorschriften richten und Juden aus den Provinzen zurückschicken, welche sich dort vor dem 3./15. April 1880 niedergelassen haben oder, indem sie sich auf dasselbe Cirkulär stützen, Juden autorisiren, welche nach dem Gesetze kein Recht haben, sich jetzt noch in diesen Provinzen niederzulassen. In Folge dieser Auskünfte halte ich es für unumgänglich nöthig, die Aufmerksamkeit der Herren Gouverneure auf diesen Punkt zu lenken, daß nach schon oben ausgeführten Beweggründen es durchaus nicht in ihrem Ressort liegt, diejenigen der Juden aus ihrer Provinz zu schicken, welche sich dort vor dem Erscheinen des Cirkulärs des Ministeriums des Innern vom 3./15. April 1880 niedergelassen und welche sich mit legalisirten Niederlassungsscheinen versehen haben, und daß es die Pflicht der Herren Gouverneure ist, die nöthigen Maßregeln zu treffen, daß in Zukunft unter keinerlei Vorwand Aufenthaltserlaubniß in den ihrer. Leitung anvertrauten Provinzen den Juden ertheilt werde,, die nach dem Gesetze dieses Recht durchaus nicht haben." (Auch aus diesem Erlasse haben wir Folgerungen zu ziehen. Während Lorris Melikow als Minister des Innern das Wohnrecht der Juden an ihnen nicht erlaubten Orten anerkannte, sobald sie sich vor dem 15. April 1880 daselbst ansässig gemacht, gestattete Jgnatiew jene grausamen Austreibungenwelche zahllose Familien ruinirten und hierdurch zugleich auch das Eigenthum vieler Christen schädigten. Der obige Erlaß erkennt die Unrechtmäßigkeit jener Austreibungen an, und will dergleichen für die Zukunft unzulässig machen. Aber derselbe sagt nicht, ob die unrechtmäßigerweise vertriebenen Juden nach jenen Plätzen wieder zurückkehren dürfen. Das Schlimmste jedoch, was aus diesem und ähnlichen Erlassen gefolgert werden muß, ist, daß irgend welche Sicherheit betreffs der Lage der Juden in Rußland für die Juden nicht gegeben ist, da jeder Wechsel in der Person des Ministers des Innern die eben überstandenen Zustände wieder erneuern könnte. Sie ist nicht gegeben, bevor nicht ein förmliches Gesetz ihnen die rechtliche Stellung verbürgt.) — Der Golos vom 10. Juli enthält ein höchst interessantes Schreiben einer jüdischen Dame, M. K. unterschrieben, und zwar gerichtet an Hern Aksakow. Bekanntlich ist dieser General einer der Hauptführer der Panflavisten und zwar des äußersten Flügels derselben.' Er war es auch, der wahrend des verflossenen Jahres die feindseligsten Pamphlete gegen die Juden veröffentlichte und besonders die lügnerischen Erfindungen über die geheimnißvollen Kahals verbreitete. Es ist nun. charakteristisch für diese Männer, daß die Dame den Herrn Aksakow an die intime Freundschaft erinnern kann, die ihn in den Jahren 1840—50 mit ihrem Vater verband und in welcher er die größte Hochachtung für die Juden in feurigen Worten aussprach und sich zu ihrem zukünftigen Ritter und Beschützer proklamirte. Damals versicherte A., daß er sich glücklich schätze, die Juden genau kennen gelernt und ihre Bedürfnisse studirt zu haben, während man in Petersburg ganz falsche Vorstellungen von ihnen habe. „Niemals", sagte A., „werde ich den Eindruck vergessen, den Ihre Glaubensgenossen auf mich gemacht. Mit allen Kräften meiner Seele werde ich kämpfen, um alle möglichen Erleichterungen für sie zu erlangen; denn ich bin fest überzeugt, daß Ihr Volk sich für eine höhere Kultur eignet, und daß die Ausdehnung seiner Rechte Rußland thätige, nützliche und aufgeklärte Menschen geben wird." — Alle die Forderungen, die man damals an die Juden stellte, sich dem russischen Volke zu nähern, die russische Sprache zu erlernen, ihre Jugend in die öffentlichen Schulen zu schicken, dem Heere als tüchtige Soldaten anzugehören, wurden in möglichstem Grade erfüllt — aber Aksakow? . . . Noch mehr. Die Dame erhielt vor dem Tode ihres Vaters von diesem ein Bündel Briefe. Es sind Briefe von Aksakow. Der Vater sagte: „Bewahre sie wohl, wenn ein Tag des Mißgeschicks kommt, wende Dich an ihn. Er ist der beste und redlichste Mann, dem ich jemals begegnet bin. A. schreibt z. B. unter dem 29. Januar, 19. Februar und 25. März 1849: „Grüßen Sie, mein sehr thenrer K., meine Juden, unsre Brüder; ich werde Alles thun, was von mir abhängt, um ihr Loos zu. erleichtern." — Man sieht, Herr Aksakow hat sich, und sein Thun in das Gegentheil gewandelt. Er, der heilig versprochen hat, Alles zur Erleichterung ihres Looses zu thun, hat alle Kräfte seines schlauen Geistes aufgewendet, um sie zu verderben; er, der die Juden so genau kennt und. studirt hat, verbreitet die lügenhaftesten Erdichtungen über ihre Kahals. Die jüdische Dame richtet jetzt öffentlich die Anfrage an A., was ihn zu solchem Verfahren bewogen habe? Was wird Aksakow antworten? . . . lieber die wahre Beschaffenheit seiner Motive sind wir freilich im Klaren. Was fragt ein Parteiführer der extremsten Sorte nach einer wohlerlangten Ueberzeugung, nach früher gegebenen Versprechen, nach dem Wöhle oder Unglück irgend einer Menschenmenge, wenn es den Sieg seiner Partei oder auch nur, wie in unserm Falle, ein Mittel gilt, um drohende Gefahren von seiner Partei abzuwenden und der Volksleidenschaft eine andere Richtung zu geben! . . . . - ,

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