Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227428--40134-3257755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
orthodox sind und namentlich an den mosaischen Speisenge-' setzen zäh festhalten; Schweinefleisch essen gilt ihnen als eine der größten Sünden, während der amerikanische Israelit diese Dinge im Großen und Ganzen nicht so genau nimmt, und diese Orthodoxie erschwert die Unterstützung und Unterbringung ungemein. Ein orthodoxer Jude, der in einem nichtjüdischen Gemeinwesen seinen Unterhalt finden will, ist fast ausschließlich auf Brod angewiesen, denn abgesehen von Schweinefleisch muß auch alles andere Fleisch, das er sich zu essen gestattet, unter gewissen Formen von dem Schächter, der zu den Cultusbeamten gehört, geschlachtet sein. Da nun in den Land-Distrikten Amerikas solche Pesonen nicht häufig zu finden sind, so ruft das öfters Verlegenheiten hervor. Eine Anzahl hier angekommener Flüchtlinge, welche das Unterstützungs- Comitö nach Colorado geschickt hatte, um dort eine Colonie anzulegen, mußte sich so lange ohne Fleisch behelfen, bis das Comits einen Schächter von hier aus dorthin schickte. Verschiedene Colonisations-Versuche sind mit verschiedenem Erfolge gemacht worden. Einer in Louisiana hat sich als ganz verfehlt erwiesen, ein anderer in Colorado bietet bessere Aussichten. Indessen, ob der Plan nun' an sich durchführbar ist oder nicht, wird der Mangel an Fonds für die Durchführung solcher Unternehmungen die Colonisation dieser Flüchtlinge nie etwas anderes als ein interessantes Experiment werden lassen. Der Natur der Sache nach müssen diese Leute bleiben, wo am besten für sie gesorgt werden kann, und dies ist offenbar in denjenigen Orten, wo die Israeliten zahlreicher vertreten sind, der Fall, und wenn nicht immense Summen Geldes dem Local-Comitä zu Beförderungszwecken zur Verfügung gestellt werden können, so werden sie alle ihre Mittel dazu verwenden müssen, den bereits ihrer Sorge überantworteten Flüchtlingen die allernothwendigsten Lebensbedürfnisse zu verschaffen. Unter diesen Umständen ist nur ein Resultat zu erwarten: Diese Leute werden an den Orten bleiben, nach denen sie ursprünglich hindirigirt worden, den größeren Städten, und New-Iork muß nothwenigerweise das Gros aufnehmen. Nach ziemlich genauen, kürzlich unter den Auspicien der jüdischen Gesellschaften vorgenommenen Erhebungen vertheilen sich die Israeliten auf die hauptsächlichsten Städte wie folgt: New Jork. . . . 60.000 Cleveland . . . . 3,500 San Francisco. . . 16,000' New wart . . . . 3,500 Brooklyn . . . . 14,000 Milwaukee. . . . 2,500 Philadelphia . . . 13,000 Louisville . . ... 2,500 Chicago. . . . . 12,000 Pittsburg . . . . 2,000 Baltimore . 10,000 Detroit. . . . . . 2,000 Cincinnati. . . . 8,000 Washington , , . . 1,000 Boston.... ... 7,000 New Haven . . . 1,500 St. Louis . . . . 6,500 Rochester . . . . 1,500 New Orleans. . . 5,000 Der Rest von etwa 50,000 vertheilt sich auf kleinere Städte und Ortschaften. Nimmt man 250,000 israelitische Einwohner als Rechnungsbasis an, so kommt auf je 17 ansässige Juden 1 Flüchtling von den bisher angekommenen 15,000, auf New Jork würden daher etwa 3,500 kommen, auf San Francisco 950 - und auf die anderen Städte im Verhältniß. In Wirklichkeit aber wird sich die Sache höchst wahrscheinlich anders gestalten. Diese Flüchtlinge sind offenbar am besten für das Stadtleben geeignet, und man darf mit Sicherheit annehmen, daß 75 pCt. von Denjenigen, die bereits sich im Lande befinden, sich schließlich in den Großstädten niederlaffen werden, und daß ohne Zweifel an 50 PCt. New Jork und Umgegend den Vorzug geben werden. Die ganze Tendenz geht jetzt in dieser Richtung. Seitens reicher Israeliten sind Geldbewilligungen zu dem speciellen Zwecke gemacht worden, in der Umgegend Obdach-, Häuser zu errichten, wo die Frauen und Kinder verpflegt werden können, so daß die Männer sich ungehindert Beschäftigung suchen und verschaffen können. Zweitausend Frauen und Kinder hat das Unterstützungscomitä auf seinen Listen, und die Meisten davon werden schließlich den Weg nach den Obdachhäusern, die auf Ward's Island errichtet werden sollen, finden. Dem Marion House Comite ist vorgeschlagen worden, es solle dem hiesigen Comitö 10 Doll, monatlich für jeden Flüchtling, den es zu verpflegen hat, zahlen, und wenn nicht dies oder ein anderer Plan für bestimmte und höhere Unterstützung zur Ausführung kommt, so wird das hiesige Comitö eines Tages vollständig Schiffbruch -leiden. Etwa 100,000 Doll, sind bereits ausgegeben worden, neuerdings ist eine weitere Summe von 75,000 Doll, von den Israeliten dieser Stadt gezeichnet worden; man hatte wenigstens das Doppelte dieser Summe zusammenbringen zu können gemeint, aber viele Israeliten halten sich zurück, weil sie nicht wünschen, daß die Angelegenheit als eine exklusiv jüdische be- * trachtet werde, einesteils, weil die Last größer ist, als die jüdische Bevölkerung sie tragen kann, und anderntheils wegen der Folgen, welche eine so ausschließliche Verantwortlichkeit nach sich ziehen kann. Der Wohlthätigkeitssinn der Israeliten und ihre Opferfreudigkeit, besonders wenn es gilt, die Noth und die Leiden ihrer eigenen Stammesgenossen zu lindern, ist im Allgemeinen bekannt, und die Arbeiten und Beiträge, die sie zu diesem Zwecke hierzulande bisher geleistet haben, müssen den größten Menschenfreunden Achtung abnöthigen. Es wird von Interesse sein, die Ausdehnung .derselben durch -statistische Daten veranschaulicht zu sehen. Von der israelitischen Bevölkerung von ca. 250,000 müssen dabei etwa 50,000 abgerechnet werden, die zu weit von den Mittelpunkten der Thätigkeit entfernt leben, um an einem fruchtbaren Zusammenwirken in dieser Richtung Theil zu nehmen. Man denke sich also, um