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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-22 · Heft 34 (22.8.1882) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 34 (22.8.1882)
Date
1882-08-22
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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559 gedenkt der Vorstand eine Nähschule einzurichten nnd Näbmaschinen anzukaufen, damit die Frauen auch ins Haus Arbeit nehmen können. Auch hat der Vorstand beschlossen, Anzeigen in den Zeitungen und Cirkulare zu erlassenem denen Geschäftsleute, Fabrikanten und Farmer aufmerksam gemacht werden sollen, daß sie zu jeder Zeit im Castle Garden eine beliebige Anzahl williger, nüchterner und fleißiger Arbeiter bekommen können. Ausdrücklich soll darin jedoch erwähnt werden, daß die Flüchtlinge keine Stellen von Strikern annehmen dürfen. Das Comits hofft, daß das Publikum im Allgemeinen ihm dadurch beistehen wird, daß es den Personen, die willig sind, irgend etwas zu thun, um nur ihr Leben fristen zu können, Arbeit giebt oder verschafft, da die Fonds der Gesellschaft nicht mehr ausreichen, um alle Flüchtlinge zu erhalten. Aus Philadelphia wurde Ende voriger Woche gemeldet, daß 51 Familien russischer Israeliten, welche vor einigen Monaten dort anlangten, nach New-Iork gesandt worden seien, um von hier aus nach Europa zurückbefördert zu werden. Von den in Philadelphia angekommenen sechshundert Flüchtlingen habe etwa nur ein Drittel Beschäftigung gefunden, während, der Rest von den dortigen Israeliten hätte unterhalten werden müssen und jetzt nach Europa zurückgesandt würde. Mit dem Dampfer „Pennsylvania" seien am 13. Juli mindestens dreihundert russische Juden von Odessa und Kiew angekommen und am folgenden Tage nach dem Westen abgereist. Aus St. Paul, Minn., wird unterm HJuli gemeldet: Gestern wurden 185 russische Juden am Union-Depot im wahren Sinne des Wortes ausgeladen. Die Gesellschaft bot einen jammervollen Anblick; die meisten der Leute waren in Fetzen gehüllt und krank und hatten seit den letzten fünf Tagen keinerlei Nahrung erhalten. Die hiesigen jüdischen Einwohner thaten sich sorfort zusammen, um wenigstens vorläufig für die ersten Bedürfnisse der Unglücklichen zu sorgen. Bei der Austheilung von Nahrungsmitteln ereigneten sich Scenen, die geeignet waren, das härteste Herz zu erweichen. Erwachsene ebenso wie die kleinen Kinder schlugen und rauften in wahrem Heißhunger, um sich die Bissen streitig zu machen. Die Stadtverwaltung wird Sorge dafür tragen, daß die Leute Nahrung und Obdach erhalten, bis sie Arbeit erlangen und für sich selbst sorgen können. Aehnliche Nachrichten liegen aus Cincinnati und St. Louis vor, wo ebenfalls ganze Schaaren von vollständig mittellosen russischen Israeliten eingetroffen sind und den dortigen Israeliten und Unterstützungs-Comites zur Last fallen. Bon letzterem Platze wird im Zusammenhang hiermit auch Folgendes gemeldet: „Das hiesige Unterstützungs-Comits für die vertriebenen Russen hat Herrn Harris Guinzburg, ein Mitglied bevollmächtigt, nach New-'Iork zu reisen, um dem dortigen Haupt-Comite Vorstellungen über das unerwartete Zusenden so zahlreicher Hülflosen zu machen. Das hiesige Comit6 hat Mühe, für die bereits anwesenden Flüchtlinge zu sorgen und wird alle ferneren Ankömmlinge dieser Art prompt nach New-Dork zurückbefördern." —- — Unter dem Titel „Die Israeliten aus Rußland, ein Problem, das die amerikanischen Israeliten in Verlegenheit setzt" brachten die „New-Aork Times" einen Artikel, dem wir Folgendes entnehmen. „Man hat Grund zu glauben", sagt der Verfasser, „daß mit wenigen Ausnahmen das Volk in diesem Lande die Bedeutung dieser jüdischen Einwanderung unterschätzt. Man kann bekanntlich auch vom Allerbesten zu viel bekommen. Das amerikanische Volk ist ohne Zweifel bereit, seine volle Schuldigkeit den Flüchtlingen gegenüber zu thun, aber Umstände können es zwingen, weit mehr als seinen rechtmäßigen Antheil zu thun. John Bull, durch das „Mansion House Committee“ repräsenürt, hat eine große Summe Geldes anscheinend ausdrücklich zu dem Zwecke aufgebracht, unsere Bevölkerung zu vermehren, was aber aus diesen Leuten werden soll, wenn sie hier ankommen, das scheint ihn nicht im Geringsten zu kümmern. Die ganze Frage sollte im klarsten Lichte und ohne jedes Vorurtheil discutirt und gelöst werden. Bis jetzt hat man ihre Lösung unserer israelitischen Bevölkerung überlassen, als ob die Nation im Ganzen gar kein Interesse daran hätte. Es ist ein Jrrthum, wenn man annimmt, daß die Israeliten begierig danach seien, die Sache in ihren Händen zu behalten; sie möchten im Gegentheil sehr gern aller Verantwortlichkeit, die diese mit sich bringen kann, enthoben sein, und die Weitblickenderen unter ihnen sehen mit Besorgniß in die Zukunft. Einen großen Theil der Leser wird es überraschen, daß die gegenwärtige israelitische Bevölkerung der Ber. Staaten 250,000 Seelen nicht übersteigt. Seit dem 1. Januar 1882 sind nun durchschnittlich 2000 russische Juden jeden Monat angekommen. In Polen und Rußland sollen drei Millionen Juden leben, und über 100,000 (??) davon haben schon das Gebiet des Czaren verlassen, um sich einen anderen Zufluchtsort zu suchen. Wenn Amerika ohne Einschränkung das Asyl bleibt, 'wohin John Bull schicken kann, wen und wie viele.er immer will, so ist gar nicht abzusehen, was mit diesem reichlichen und von dem gewöhnlichen sehr verschiedenen Bevölkerungszuwachs anzufangen ist. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Einwanderer und dem Flüchtling. Der Erstere landet hier mit einem festen Vorsatz, einem bestimmten Ziel und mit der Neigung sowohl als Befähigung, sich der Masse des Volkes zu assimiliren, der Flüchtling dagegen ist absolut hülflos, wenn er ankommt, und, was die Sache schlimmer macht, besondere Umstände verhindern diese neuen Ankömmlinge, sich mit ihren neuen Verhältnissen im Einklang zu-bewegen. Man muß bedenken, daß diese russischen Juden im striktesten Sinne

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