Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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uns nicht weiter beschäftigen. Es ist möglich, daß die Juden in Tißa-Eßlar, gepeinigt von Angst und Verzweiflung, zu einem derartigen Mittel ihre Zuflucht genommen haben. Das ist gewiß verbrecherisch, aber wenn die Justiz so vorgeht, wie es in Tißa-Eßlar der Fall ist, dann darf man sich nicht Wundern, wenn eine ganze Gemeinde dem Wahnsinne verfällt. Die Juden in Tißa-Eßlar haben in geistiger Beziehung wahrscheinlich die größte Ähnlichkeit mit den übrigen Bewohnern dieses reizenden Ortes; die Inden in Tißa-Eßlar konnten sich nicht mit den Mitteln der Aufklärung vertheidigen, sie sehen in ihrer Angst keinen Ausweg und keine Rettung. Angeschuldigt und verfolgt von der ganzen Umgebung, sind sie seit Monaten einer wirklichen Tortur ausgesetzt und wer von solcher Qual gepeinigt ist, der verliert die Herrschaft über seinen Verstand. Mit der Tortur erzwingt man alle Geständnisse, die man haben will, und es ist wirklich ein Wunder, daß der Untersuchungsrichter, in Tißa-Eßlar doch kein irgendwie zureichendes Geständniß zu erzwingen vermochte. Nur ein alter Mann wollte in seiner Noth zum Märtyrer für die Gemeinde werden und er erklärte sich als Mörder der Esther Solymosfy. Der Untersuchungsrichter aber selber fand es angemessen, dieser Selbstanklage keinen Glauben zu schenken. Das Gerücht von dieser Affaire in Tißa-Eßlar war kaum aufgetaucht, als der . bekannte Jstoczy im ungarischen Parlamente es benützte, um eine Anklage gegen das gesammte Judenthum zu erheben. Darauf ist es auch abgesehen. Der Prozeß in Tißa-Eßlar ist ein abscheulicher Tendenzprozeß. Ob man aber die Juden haßt oder liebt, solche Mittel sollte man doch nicht in Anwendung bringen. Jetzt ist es die Aufgabe der ungarischen Justiz, sich gegen ein Vorgehen zu vertheidigen, welches das gesammte Justizwesen in Ungarn kompromittiren müßte. Mit juristischen Spitzfindigkeiten wird' man Recht und Wahrheit nicht aus der Welt schaffen und Recht und Wahrheit werden den Sieg behaupten." J) Die russische Emigration in Amerika. Ueber die Lage der russich-jüdischen Emigration in den Ver. Staaten laufen die widersprechendsten. Nachrichten ein. Während im Einzelnen sehr Günstiges berichtet wird, erhalten wir düstere Betrachtungen über die allgemeinen Verhältnisse. Wir geben daher zuerst aus der „Nelv-Iorker Handelszeitung" vom 22. Juli eine Sammlung von Spezialnachrichten, der wir aus den „New. Jork Times" einen die allgemeine.Lage betrachtenden Artikel anschließen. 1) Wie recht der Verf. hat, ersieht man neuerdings aus einer Mittheilung der „N. Fr. Pr.", daß der Untersuchungsrichter jetzt erst die Kleider der Verdächtigen auf „Blutflecken" untersuchen lassen will! Redakt. Mit dem am vergangenen Sonntag von Liverpool hier eingelaufenen Dampfer „City of Berlin" trafen abermals 280 aus Rußland geflüchtete Israeliten ein, die aber fast ausnahmlos von dem Londoner „Mansion House Comittee" mit Geld-Anweisungen und Eisenbahn-Billets nach dem Westen versehen worden waren. Nach dem Bericht des Secretärs der vor einiger Zeit neu organisirten „Hebrew Emigrant Aid Society" hat dieser Verein befriedigende Fortschritte in seinem Unternehmen aufzuweisen. Für alle hier eintreffenden neuen Ankömmlinge, die es bedürfen, wird nach besten Kräften Fürsorge getroffen, trotzdem die Zahl derselben täglich Mchst. Soweit hat die Gesellschaft 6,470 Flüchtlingen ein Unterkommen verschafft und etwa 2,500 andere unterstützt. Am vergangenen Donnerstag wurden abermals 42 russische Israeliten, die körperlich nicht befähigt oder auch nicht willig waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, per Dampfer „Gellert" nach Europa zurückbefördert. In Zukunft beabsichtigt die Gesellschaft, alle ähnlichen in gleicher Weise prompt zu erledigen. Das von der Gesellschaft neu eingerichtete Arbeits-Bureau für russische Israeliten entwickelt, wie aus. einem diesbezüglichen Berichte zu ersehen, trotz der demselben zu Gebote stehenden geringen Hülfsmittel, eine recht befriedigende Thätigkeit. Seit dem 7^ Juli , an welchem Tage dasselbe vrganisirt worden, hat es 200 russi^ schen Flüchtlingen Arbeit verschafft, solche nicht eingerechnet, die in größeren Partien nach verschiedenen Plätzen des Westens geschickt wurden. Bis jetzt sind keine Klagen von den Arbeitgebern eingelaufen, noch sind die Arbeiter zurückgekehrt, so daß anzunehmen ist, beide Parteien seien, mit einander zufriedeu. Der größte Theil der Flüchtlinge ist außerhalb New-Aork's pläcirt worden. Im Bureau, welches sich im Castle Garden befindet, laufen täglich Gesuche um Zusendung von Flüchtlingen ein, die sofort berücksichtigt werden. In der vorigen Woche wurden 10 Familien, aus 40 Per-. sonen bestehend, nach Spaulding County, Ohio, als Farmarbeiter geschickt. Herr Hoffmann, der Präsident des Bureaus, reiste vor einigen Tagen nach Providence, R. I., und anderen östlichen Fabrikstädteu, um die dortigen Fabrikanten zu ersuchen, russische Flüchtlinge als Arbeiter anzustellen. Die Mehrzahl derselben hat versprochen, es mit einigen Flüchtlingen zu versuchen und, wenn sie sich bewähren sollten, mehr anzustellen. In dem Bericht wird ferner erklärt, die allgemeine Ansicht, daß fast alle Ankömmlinge Geschäftsleute wären, sei eine irrige. Die meisten seien gute und erprobte Handwerker. Im Castle Garden seien noch viele Uhrmacher, Juweliere, Schneider und Farmarbeiter zu haben. Für die Frauen und Töchter der Flüchtlinge ist in Nr. 35 East Broadway ein besonderes Arbeits-Bureau eingerichtet worden. Von dort aus wurden, schon viele in Fabriken als Näherinnen, Blumenmacherinnen rc. nntergebracht. In nächster Woche