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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-22 · Heft 34 (22.8.1882) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 34 (22.8.1882)
Date
1882-08-22
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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555 Menschen anzuerkennen, unsre eigenen Vorzüge vor jenen gering zu achten, und dabei zu bedenken, wie viel die günstigen Fügungen und Umstände dazu beigetragen, uns jene zu verschaffen. Nur „der Bescheidene, der Demüthige erhält Ehre", die Eitelkeit, die Selbstüberschätzung, der Hochmuth" bringen den Menschen von der Welt." Das Gebet fährt fort: „Oefsne mein Herz deiner Lehre, und meine Seele folge eifrigst deinen Geboten." Bemerken wir sofort, daß hier mit der Lehre gleich auch die Ausübung durch die That verbunden ist. Jener Einseitigkeit, welche das Gesetzesstudium selbst über das Handeln und Vollführen setzte, es jede andere Thätigkeit weit überwiegen ließ, wird hier nicht gehuldigt. Das Gebet verlangt einerseits, daß wir die Gotteslehre nicht blos mit dem Verstände erkennen und unsrem Wissen einverleiben, sondern vielmehr mit dem vollen, warm pulsirendeu Herzen erfassen, sie lieben sollen. Es giebt der Beispiele genug, wo zwar die Gedankenwelt von der umfassendsten Kenntniß und scharfsinnigsten Auslegung erfüllt war, dennoch aber der, welcher diese besaß und in sich trug, ein harter, gefühlloser und böswilliger Mensch blieb — weil er eben die Lehre nicht mit dem Herzen erfaßt hatte, sie nicht auf seine Empfindungen, und durch sie auf seinen Willen und seine Handlungsweise wirken ließ. Dann erst wird die Ausübung der Gebote aus der kühlen Sphäre der Verstandesberechnung gehoben, vom warmen Hauche, von wahrem Eifer und Enthusiasmus ergriffen, wodurch jene erst ihren wesentlichen Werth erhält und Veredlung, Läuterung, Heiligung bewirkt. — Wir beten weiter: „Und Alle, die gegen mich Böses sinnen, zerstöre bald ihren Rathschluß und vereitele ihren Plan." Mit dem Worte „Böses" sind diese Anschläge und Ränke bezeichnet. Nein, wir beten nicht, triff diese Frevler, strafe und vernichte diese Ränkesüchtigen — wir rufen Gottes Beistand nur an, daß ihre heimlichen Entwürfe, ihre boshaften Jntriguen vereitelt, das Unrecht verhindert, die Lüge enthüllt, die heuchlerische-Maske abgerissen werde, so daß ihre schlechten Absichten unausgeführt bleiben und wir gerettet werden. Die Geschichte und das Leben lehren durch zahlreiche Beispiele, wie oft es auf einen scheinbar geringen Umstand ankommt, von einem Augenblicke abhängt, daß die Unschuld verurtheilt, daß die Gerechten beraubt und verfolgt werden durch die listigen Anschläge ihrer Feinde, oder gerechtfertigt und gerettet hervorgehen aus den bösen Händeln, die ihnen bereitet worden. Wie oft offenbart sich hier die göttliche Fügung durch Zufälligkeiten und Nebenumstände, daß die Rettung wie von Weitem angelegt und fürsorglich erscheint. Fürwahr, es gereicht dem Menschen zum Heile, diesen Glauben an die göttliche Vorsehung, an die Schutzmacht Gottes sich fest zu bewahren; denn was bleibt oft dem Schwächeren noch übrig, um seinen Muth zu erhalten und nicht zu verzweifeln, als die Zuversicht, daß der Lenker unsrer Geschicke zur rechten Zeit das rettende Moment herbeibringen, das Licht über dge dunkeln Thaten der Gegner verbreiten werde?! Das Gebet fügt allen diesen Bitten um Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit, um Seelenruhe und Bescheidenheit, um Liebe zur Lehre und Gesetz, um Vereitelung aller feindlichen Entwürfe das dringende Flehen um Erfüllung derselben, an. „Thue es um deines Namens willen, thue es um deiner Rechten willen, thue es um deiner Heiligung willen, thue es um deiner Lehre willen"! An vielen Stellen der Schrift wird Gott die väterliche Fürsorge um den Menschen zugeschrieben, der es um die Verbreitung der Erkenntniß und der sittlichen Heiligung unter den Menschen zu thun ist, und die sie fördert, so weit die menschliche Freiheit es gestattet. Sieht doch die prophetische Anschauung das Ziel des Menschengeschlechtes in der Einigung desselben vermittelst der Gotteserkenntniß und des allgemeinen Friedens. Diese Ansicht liegt auch dem eben citirten Gebetworte zu Grunde. Die Wiederholung des „Thue es" zeigt, daß es sich hier nicht um eine rhetorische Anhäufung, sondern um eine nachdrückliche Unterscheidung der vier angeführten Momente handelt. Im früheren Alterthume war der Name nicht eine für den Träger desselben, weil zufällig gewählt, bedeutungslose Bezeichnung, sondern ^er wurde absichtlich mit Berücksichtigung geschichtlicher Umstände oder früherer oder späterer Kennzeichen des Charakters gewählt. Daher wird OH „Name" oft für das Wesen selbst gebraucht, also der Name Gottes für das Wesen Gottes; dann aber auch für die Erkenntniß, Anerkenntniß, Anbetung Gottes,, wie in dem prophetischen Spruche, der im Gebetcyclus so oft vorkommt: „Zu jener Zeit wird der Ewige einzig und sein Name einzig sein", d. h. alle Menschen werden Gott als einzig erkennen und anbeten. Um dieser immer wachsenden Erkenntniß und Anbetung willen, möge also Gott jene Bitten erfüllen, weil durch den Sieg der Tugend und Gerechtigkeit und durch die Aufrichtung der Gottesfürchtigen und Rechtlichen die Menschen von der Wallung Gottes und seiner sittlichen Wellordnung immer mehr und fester überzeugt und so zur Erkenntniß nnd Anbetung geführt werden. Aus dieser Allgemeinheit wird das besondere Moment der göttlichen Allmacht („um deiner Rechten willen") hervorgehoben, welche innerhalb der Menschenwelt über alles Große, Mächtige, Gewaltige nach ihrem Willen und Rathschluß schattet und es vor dem Schwachen und Unmächtigen vergehen läßt, wenn jenes zu Tyrannei und Unsittlichkeit gelangt ist. Je öfter wir in der Menschengeschichte und im Menschenleben solchen Wandel der Dinge, solch' Verbleichen des Glänzenden, solchen Sturz des Siegreichen vor sich gehen sehen, und das Walten der göttlichen Macht gewahren, sei es in dem allm.äligen Zusammenschuß der Fäden, sei es in dem plötzlich eintretenden Wechsel: desto tiefer wurzelt die Erkenntniß und die Anbetung der göttlichen Vorsehung in 34*

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