Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-22 · Heft 34 (22.8.1882) · p. Seite 554

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 34 (22.8.1882)
Date
1882-08-22
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227428--40128-3257749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sind dies: -nsu \nbx und oa-otpn, also der Schlußsatz, mit dem bei dem stillen Recitiren jede Thephillah (gew. Schemone Esre genannt) endet, und dann der angeführte Satz aus dem Abend- und Nachtgebete. — Das erste Gebet beginnt mit einem Psalmvers (34, 14.): „Bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen Trug zu reden." Es kann uns hier der Unterschied zwischen dem Gesetzgeber und dem Psalmdichter recht klar werden. Jener sagt objektiv: „Du sollst nicht begehren, was deines Nächsten ist" und „du sollst nicht aussagen wider deinen Nächsten als falscher Zeuge. " Der Psalmdichter in seiner Subjektivität versenkt sich in die Seele des Menschen und gewahrt, was hier vorgeht. Er weiß, daß des Menschen Seele von den mannichfaltigsten Gefühlen durchströmt wird, die im Augenblicke ihrer Bewegung in ihr gar nicht zum Bewußtsein kommen, so daß sie des sittlichen Werthes derselben erst bewußt wird, wenn sie einen leidenschaftlichen Charakter angenommen und den Willen zu beherrschen begonnen haben. Er weiß aberauch, daß der Weg vom Herzen zur Zunge ein sehr kurzer und sehr gangbarer ist, so daß jene Gefühle sich gar leicht durch das Wort vernehmbar machen. Das Wort ist aber durchaus nicht von so harmloser Natur, wie es seine Flüchtigkeit, sein schnelles Wiederverschwinden erachten läßt. Der Hörer bewahrt es nicht allein, sondern trägt es fort von Ohr zu Ohr. So breitet es sich aus, und überdauert oft lange, lange Zeiten. Ja, das Unheil, welches dies Wort zu schaffen vermag, ist in den meisten Fällen gar nicht wieder gut zu machen. Betrug und Diebstahl können durch Entschädigung behoben werden; Verleumdung, die sich wie giftiger Nebel ausbreitet, und vielleicht im Weitertragen immerfort wächst, kann nicht in ihrer Wirksamkeit aufgehalten und zurückgenommen werden. Es besteht also hier der doppelte Schaden, daß wir nicht genug Herr über unsre Zunge sind, und daß wir" noch weniger die Wirkung unsrer Worte zu beschränken vermögen. Der Psalmvers hat deshalb eine tiefe Bedeutung;. denn der Einsichtsvolleweiß sehr wohl, daß ihm Vieles zur Hülfe kommen müsse, um ihn im Guten zu erhalten und vor dem Bösen zu bewahren, und der fromme Mensch wendet sich an die Hülfe Gottes im Gebete, weil er dadurch die Wachsamkeit seiner Seele stärkt und weil er auf die Fügungen Gottes zählt, daß er zur rechten Zeit auf irgend eine Weise von dem Aussprechen leichtsinnigen oder böswilligen Wortes zurückgebalten werde, daß von innen oder außen etwas dazwischen trete, bevor er das schadenbringende Wort ausgesprochen. — Der Satz fährt fort: „und denen, die mich schmähen (lästern, fluchen) sei meine Seele ruhig, und meine Seele sei wie Staub (demüthig) gegen Alle." Das Äudenthum war, wie wir schon oft bemerkten, niemals geneigt, allgemeine Sittengesetze zu formuliren und hinzustellen, vielmehr hatte es die Richtung, den sittlichen Gedanken durch bestimmte Vorschriften und auf bestimmte Fälle zu fpezialisiren. Es wollte dadurch vermeiden, daß solche erhabene Allgemeinsätze in den Wirrsalen des Lebens und vor dem Gewühle der Leidenschaften nicht vergessen, überhaupt als unerreichbare Ziele wohl angestaunt, aber durch die That nicht ausgeführt würden. Der Mensch, der in bestimmten Fällen das Gute nach Vorschrift gewissenhaft und mit Aufopferung ausübt, schöpft daraus mehr sittliche Kraft und Erkenntniß, als ihm je ein Allgemeinsatz zu verschaffen vermag, den er nirgends verwirklichen, mit dem er vielmehr ein trügerisches Spiel vornehmen sieht. So sehen wir auch hier einfach die Mahnung gegeben, denen gegenüber, welche uns schmähen, lästern oder gar verfluchen, uns zu beherrschen, nicht aufzuwallen, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern unsre Seele ruhig zu verhalten. Wir werden uns hierdurch der Schuld nicht theilhaftig machen, welche der Schmähsüchtige und Lästerer auf sich ladet; wir werden durch ein solches ruhiges Verhalten den Adel unsrer Seele beweisen und unsre Widersacher besser widerlegen, als alles Zetern zu thun vermag. Endlich wird der Lästerer, wenn wir ihm das Schweigen der Verachtung entgegenstellen, empfindlicher gestraft, als durch jede heftige Gegenrede. Hiermit ist natürlich nicht gesagt, daß wir uns gegen ungerechte Anklagen, Beschuldigungen, Verleumdungen nicht vertheidigen und muthige Abwehr leisten sollen, wohl aber, daß wir auch diese mit Ruhe und Besonnenheit, ohne Leidenschaft, ohne das Verlangen, dem Gegner durch gleiche Behandlung heimzuleuchten und Vergeltung zu üben, vollbringen sollen. Daß wir auch als Juden dieser Mahnung zu folgen oft genug Gelegenheit haben, weiß Jedermann, aber auch daß wir unsre Gegner nur durch ein solches maßvolles und leidenschaftsloses Entgegnen zu besiegen vermögen. — Das Judenthum hat die Demuth nicht zur höchsten Tugend des Menschen erhoben, um von ihr aus jede Selbstachtung zu brechen, jedes menschliche Streben und Thun verächtlich zu machen und das irdische Leben jeder Schätzung für unwerth zu erklären. Eine solche Richtung wäre seinen Grundsätzen der Sittlichkeit schnurstracks entgegen gewesen, da dadurch jede Thatkrast gelähmt, jede Wirksamkeit in Gesellschaft und Familie abgeschwächt worden wäre. Darum jedoch hat es die Bescheidenheit und Demuth in den Kranz der sittlichen Tugenden ausgenommen und ihr die angemessene Stelle angewiesen. Wird doch selbst am Moses als dessen höchste Eigenschaft die Demuth hervorgehoben. So hoch die heil. Schrift den Menschen über alle anderen Geschöpfe der Erde stellt und seinem Geiste die Gottebenbildlichkeit zuschreibt, so hebt sie doch oft genug hervor, wie der Mensch vor Gott Nichts sei, ganze Völker wie Staubkörner auf der Wageschaale, und ruft aus: „Was ist der Mensch, daß du noch sein gedenkest? der Menschensohn, daß du sein achtest?" Und Talmud und Midrasch sind voll von Sprüchen, die uns lehren, die Verdienste unsrer Mit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.