Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1882)
- Date
- 1882-08-15
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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542 wie geistvolle Henriette Herz, Rahel Levin, die glänzendste Erscheinung dieses Kreises, und noch mehrere dieser Damen vereinigten um sich Alles, was Berlin an bedeutenden Gelehrten, Schriftstellern, Militärs, Beamten, Musikern, Geistlichen, Einheimischen wie Fremden besaß. Mirabeau, Ramler, Engel, Moritz, Spalding, Zöllner, Dohm, Reinhardt, Nicolai, die Brüder Humboldt, Gentz, die Grafen Christian Bernstorff und Alexander Dohna, v. Brinckmann, Feßler, Friedrich Schlegel, Schleiermacher, Ancillon, Leuchsenring, Theodor v. Schön und zahlreiche Andere gingen hier aus und ein. Unter Engel's Vorsitz las man die hervorragendsten deutschen Werke, oder man stiftete Gesellschaften für wissenschaftliche Borträge. Kurz, die Unterhaltung trug fast stets einen höheren geistigen Charakter. „Die jüdischen Frauen," schreibt Schleiermacher am 4. August 1798 an seine Schwester Charlotte, „sind fast die einzigen, die ein offenes Haus halten. Wer also auf eine recht üngenirte Art gute Gesellschaft sehen will, läßt sich in solche Häuser einführen." Welcher Gegensatz dazu die adligen Kreise, wo man auf das Strengste die Etiquette beobachtete, wo ein Bürgerlicher, selbst ein hochgestellter Beamter, kaum Zutritt fand, wo sich schließlich das Vergnügen auf tapferes Essen und Pokuliren beschränkte! Immer zahlreicher strömten die begabteren und aufgeklärteren jungen Edelleute in jene jüdische Gesellschaft, um sich für den langweiligen Zwang der Hoffeste und die steife Einförmigkeit der adligen Familien bei den schönen, witzigen und nicht allzu strengen Jüdinnen und deren geistreichen Freunden zu erholen. Zahlreiche Heirathen von vornehmen Herren, ja Fürsten mit den Jüdinnen beweisen, daß der Geist des Vorurtheils besiegt war, daß die gleichmachende Tendenz der französischen Revolution selbst die höchsten Kreise beeinflußt hatte. Nirgends in Deutschland fand man damals eine so durchgreifende und zugleich so anziehende Vermengung der Stände, wie in den jüdischen Häusern Berlins. Auch die tüchtigsten, strebsamsten und bedeutendsten unter den jüngeren Beamten fanden sich dort ein. Gab es doch damals ein Sprüchwort: „Wer den Gensdarmenmarkt und Madame Herz nicht gesehen, hat Berlin nicht gesehen." Die öffentliche Meinung über das Theater hing zum großen Theil von den Ansichten der jüdischen Kreise ab." Deutschland. Berlin, 4. Aug. Der diesjährige Preis der ersten Michel-Beer'schen Stiftung für Künstler mosaischer Religion (diesmal für Maler) ist von 4 Bewerbern, durch Herrn Jsaac Brasch (geb. am 29. Oktober 1856 zu Moschin, Provinz Posen) durch das von ihm ausgeführte Gemälde: „ein Hieroglyphenschreiber" errungen. Der Preis besteht in einem Reisestipendium von 2250 Mark. (Bekanntlich wird dieses Stipendium abwechselnd einem Maler und einem Bildhauer ertheilt.) Bemerkenswerth ist nun, daß schon mehrere Male um den Preis des Bildhauers keine Bewerber sich eingestellt haben, während in der diesjährigen Pariser Kunstausstellung 12 jüdische Bildhauer ausgestellt haben. Königsberg i. Pr., 26. Juli. In letzter Zeit haben mehrfach jüdische Flüchtliche aus Rußland an dem hiesigen Orte ihren Aufenthalt genommen; von diesen sind gestern 17 angehalten und wegen Legitimations- und Mittellosigkeit heute früh zwangsweise mit der Ostbahn nach Eydtkuhnen geschafft worden, um dort über die Grenze gewiesen zu werden. Aus Furcht vor Festnahme verließen gestern mit dem Abendpersonenzuge etwa 30 Flüchtlinge freiwillig die hiesige Stadt. Esten, 23. Juli. (Privatmitth.) In dieser Woche werden in Bayreuth die Vorstellungen der neuesten Schöpfung Richard Wagners, des Bühnenweihfestspiels „Parsifal" beginnen. Der Dichterkomponist hat sich selbst .das aufführende Personal aus den ersten Künstlern der Hofoperntheater Deutschlands herausgesucht. Zum Dirigenten, von dessen Umsicht und Geschick das Gelingen dieses großartigen musikalischen Dramas abhängt, hat der „Judenfeind" Wagner unfern Glaubensgenossen, den Hofkapellmeister Hermann Levi aus München berufen. Levi ist ein Mann von 42 Jahren, der früher unter Lachner Contrapunkt studirte, dann das Leipziger Conservatorium besuchte, später nach kurzem Aufenthalte in Paris Musikdirektor in'Saarbrücken wurde. Bon 1860 — 62 war er Kapellmeister der deutschen Oper in Rotterdam. Im Jahre 1864 wurde er zum Großherzoglichen Hofkapellmeister nach Carlsruhe berufen und befindet sich seit 1872 in gleicher^ Stellung in München. Levi ist neben Hans Richter in Wien, der 1876 die Nibelungen in Bayreuth leitete, einer der begabtesten Dirigenten, die wir haben. Das beweist schon, daß Wagner, der Vater der Antisemiten, ihn zum Dirigenten einer musikalischen Elite sonder Gleichen und zur verantwortungsvollen Leitung eines so großen Musikdramas, welches eigentlich einen kirchlichreligiösen Hintergrund hat, erwählt hat. Levi ist der Sohn des Rabbiners vr. Levi in Gießen. Siegfried Graf. (Wir fügen hinzu, daß, allen Berichten zufolge, sich Levi als Dirigent glänzend bewährt hat. Nun, der Verfasser des Pamphelts: „Das Judenthum in der Musik" hat müssen einen Juden zum Hauptträger seiner „christlichen Musik" wählen — gewiß eine Nemesis, oder besser: eine Lehre, welche abermals die Vorsehung gegeben! Redakt.)