Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1882)
- Date
- 1882-08-15
- Page
- Seite 541 (sequence 5)
- Language
- German
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541 in einem A-nioll-Recitativ mit guter Begleitung fort bis zum Priestersegen, der von Lewandowski in viererlei Weisen (eine neue und drei alt-traditionelle für die drei entsprechenden Feste) dargeboten wird. Den würdigen Schluß der ubrrvhw* Gesänge bildet ein tiefempfundener Chor mit Solo des Vorbeters über Psalm 36, 8—10: „Ma jokor rc." als Einleitung zum „Kaddisch jossom". Mit Nummer 68 beginnt das Maarib-Gebet für Roschhaschanah und Jom Kippur; dasselbe umfaßt 53 Nummern, die an Schönheit und Großartigkeit der Erfindung, wie des Aufbaus mit einander wetteifern. Der Raum gestattet mir nicht, nlich über jede Nummer nach Gebühr auszulassen, ich beschränke mich deshalb nur auf die besonders hervorragenden, durch ihre musikalisch-künstlerische wie kultuelle Bedeutung sich in den Vordergrund stellenden Stücke. Hierher gehört vor Allem die reichhaltige Bearbeitung des Kol-Nidre mit seinen eigenartigen Melodien und harmonischen Verbindungen. Warum hier L. S. 111 im 4. Takt nicht nach B-dur übergeht, sondern nach d-moll und dadurch die weltbekannte Melodie des „schwisin" modificirt, indem statt des Es, das etwas hart klingende E hereindringt, ist mir unklar geblieben; auch in den drei anderen Bearbeitungen ist der gleiche Melodiengang, was auf bestimmte individuelle Auffassung der bezüglichen Stelle hindeutet. Ein wahres Meisterstück ist das „.in No. 72. Mitten aus den wahrhaft Bach'schen Orgelsätzen - läßt sich das kunstvolle Gewebe der altehrwürdigen Weisen vernehmen, die sich alsdann zu einem klassischen Chorsatz krystallisiren. In dem Maarib hebe ich besonders ein für den Vorbeter bearbeitetes „V'hogen baadenu" hervor, dessen hochernster Inhalt vom Componisten in ausgezeichneter Weise erfaßt und ebenso wiedergegeben wurde; mit „Uw' zel k'nofecho" fällt der Chor in Es-änr ein. und beruhigt die Seele mit seinen zarten, das Leitmotiv des Festabends ahnen lassenden Akkordverbindungen. Beachtenswert^ sind ferner die choralmäßigen Sätze des „Tiku", resp. des „Ki wajom", sowie die Chöre und Response» zu Olenu, welche diesen hocherhabenen Gebeten einen prägnanten Ausdruck verleihen. Die No. 94 bringt das weltberühmte „Jaaleh" mit meisterhafter Harmonisirung, das wohl geeignet ist, die Seele für die nachfolgenden Slichos mit ehrfurchtsvoller Andacht zu erfüllen. Auch die nächsten beiden Nummern, die denselben Text in wesentlich anderer Auffassung behandeln, sind reich an guten und glücklichen Inspirationen. Das Gleiche können wir auch von den übrigen Slichos-Sätzen sagen; in ganz besonderem Maße gilt dies von dem herrlichen „Omnom ken" in No. 103, dem innigen Andante: „Al taschlichenu milfonecho" (No. 109), das namentlich in seinem zweiten Theil durch die ebenso einfache als kunstgerechte Orgelbegleitung hervorragt, um dann in das liebliche und anheimelnde „Ki onu amcho" überzugehen. Ein Meisterstück ist wiederum die tu (Ono und Oschamnu) in Des-äar, während ein prächtiges Finale: „Jigdal" in No. 119 dem Ganzen die Krone aufsetzt. L. Levi. (Schluß folgt.) Bonn, 2. August. Wir haben bereits des soeben erschienenen zweiten Bandes der „Geschichte des Preußischen Staatswesens vom Tode Friedrich des Großen bis zu den Freiheitskriegen" von Martin Philippson (Leipzig, Veit 1882) erwähnt. Das 6. Kapitel handelt von den „geistigen Strömungen und sozialen Zuständen" unter Friedrich Wilhelm II. bis zur Neige des Jahrhunderts. Es werden hier besonders die Kämpfe geschildert, welche die „Aufklärler" (Nikolai und Genossen) gegen Kant, Göthe, Schiller u. s. w. führten und in denen jene selbstverständlich unterlagen. Von S. 250 an wird das damalige Berlin nach allen Richtungen hin gezeichnet. Die Bevölkerung bestand (1797) aus 165,000 Seelen, darunter waren 20,000 Soldaten, 6000 Refugias und etwa 5000 Juden. Die Refugiös, die Nachkommen der geflüchteten französischen Protestanten des 17. Jahrhunderts, lebten außer ihrer industriellen Thätigkeit in vollständiger Abgeschlossenheit und ihre Zahl nahm beständig ab. Der Verf. kommt nun auf die Juden und giebt hier folgende Schilderung: „Um so mehr wuchs und prosperirte die jüdische Bevölkerung Berlins. Sie wurde von ihren Mitbürgern mit Abneigung, Geringschätzung und Geschäftsneid betrachtet; indeß die gebildeteren Klassen begannen freundlichere Gefühle für eine Gemeinschaft zu hegen, aus der ein Mendelssohn, Maimon und manche andere angesehene Schriftsteller hervorgegangen waren. Im Ganzen herrschte unter den Berliner Israeliten, deren Thätigkeit auf Schritt und Tritt durch beschränkende Gesetze gehemmt war, keineswegs großer Wohlstand. Aber manche Familien hatten sich zu bedeutendem Reichthume aufgeschwungen. Dieselben sahen ein, daß der Besitz allein ihnen nicht eine geachtete Stellung und die sehnlich gewünschte Verbindung mit guten christlichen Kreisen verschaffen werde, und so suchten sie durch feine Bildung und lebhafte Geselligkeit beides zu erlangen. Man nannte den Salon des Banquier Cohen, wo selbst die adelsstolzen französischen Emigranten erschienen, wo Frau von Genlis sich durch ihr Komödienspiel auszeichnete; oder den des Geheimrath Ephraim, wo Offiziere und Schriftsteller sich in großer Zahl begegneten. Aber es waren besonders die jüdischen Frauen, die durch angenehmen Ton, Weltbildung, geistiges Interesse und nebenbei auch glänzende Bewirthung die hervorragendsten Männer Berlins in ihren Kreis zogen und 25 Jahre hindurch die Pariser Salons des alten Regime in der preußischen Hauptstadt erneuerten. Dorothea Veit, eine Tochter Mendelssohns, die ebenso schöne