Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1882)
- Date
- 1882-08-15
- Page
- Seite 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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hundert Vorgänge und Prozesse wie in Damaskus, Kuttais und jetzt in Tißa-Eßlar abspielen können, ohne die allgemeine Entrüstung hervorzurufen, das erscheint unerklärlich. Wir wissen, in welche Winkel der Ausflucht man sich zurückzieht. Wenn das moderne Judenthum, wenn Männer, wie Mendelssohn, Friedländer, Riesser, Kosch, Moritz Veit, Berthold Auerbach und die sämmtlichen wissenschaftlich gebildeten Rabbiner sich gegen eine solche Anschuldigung entrüstet erheben: so sagen sie, ja, Ihr seid frei davon, aber im orthodoxen Judenthume kann es doch so etwas gegeben haben. Wenn dann mit den Männern gründlichen rabbinischen Wissens das orthodoxe Judenthum gegen eine solche Anklage aufschreit: so heißt es, irgend in einem entlegenen Winkel kann es doch eine fanatische Sekte geben, die einen solchen Ausbruch des Zelotismus pflegt. Und wenn man dann den Nachweiseiner solchen Sekte verlangt, noch dazu, da derartige Vorgänge ja nicht an entlegenen^ unbekannten Orten sich abspielten: so hilft man sich damit zu meinen, es könnte doch ein einzelner Fanatiker sich zu solcher Bestialität versteigen. Aber auch diesen letzten Schlupfwinkel des allzu liebevoll gepflegten Vorurtheils und Aberglaubens müssen wir versperren. Auch ein solcher irrsinniger Fanatiker müßte doch im jüdischen Rituale, dem er streng anhänglich ist, irgend einen Anhaltspunkt finden, an den er seine Unthat anzuknüpfen vermag. Aber das gerade Gegentheil findet statt. Das jüdische Rituale flößt den tiefsten Abscheu gegen den Genuß irgend eines Tropfens Mutes ein und verbietet selbst den Genuß des Bissens, der..vom Blute des eigenen Zahnfleisches gefärbt worden! Es ist und bleibt also die verruchteste Lüge, für welche der Boden nur die gehässigste Erfindung bleibt. . Nichts verwundet und stößt ab das Herz jedes Juden, welche Richtung seine Ueberzeugung auch angenommen, mehr, als diese Beschuldigung gegen seine Religion und gegen seinen Stamm. Sie betrifft ihn selbst in seiner innersten Persönlichkeit. Denn wer einer Religion getreulich anhängt und sie von seiner Geburt bis zu seinem Tode bekennt, die auch nur die Möglichkeit eines solchen Aktes enthielte, macht sich desselben in gewissem Maße theilhaftig. Hat nun auch die Erfahrung in traurigster Weise gelehrt, daß alle diese Protestationen nicht ausreichen, um selbst die gebildeten Kreise der christlichen Welt von jenem Wahne vollständig abzubringen: so müssen wir sie doch immer und immer wieder wiederholen und denjenigen einen großen Theil der Verschuldung zuschreiben, welche berufen wären, für die Wahrheit und die Unschuld einzutreten. Die preußische Staatsanwaltschaft un) die Juden. Wer die letzten drei Jahre bis ins Einzelne durchmustert, dem wird sich die Beobachtung aufdrängen, daß an dem Kampfe gegen die antisemitische Agitation die jüdischen Intelligenzen und Capazitäten sich sehr wenig betheiligt haben. Außer den Broschüren von.Bamberger, Lazarus, Büdinger und Neumann kennen wir keine einzige bemerkenswerthe Erscheinung aus jüdischer Feder, abgesehen von den polemischen Schriften der jüdischen Theologen und einiger jüngerer Literaten. Gleichgültig waren jene Männer der Wissenschaft gewiß nicht; dazu wurden sie in ihrer eigenen Stellung zu sehr Provozirt; aber sie zogen es vor, stillzuschweigen. Daß wir hier keinen allgemeinen Vorwurf, der ja doch nur nutzlos wäre, erheben wollen, sondern ganz bestimmte Punkte im Auge haben, setzt wohl der Leser bei uns voraus. In der Vergangenheit, und zwar bis auf die jüngste Zeit, haben die jüdischen Aerzte eine große, würdige und verdienstvolle Stelle in unserer Literatur eingenommen. Wir haben aus der Reihe dieser Aerzte die glänzendsten Namen anzuführen und selbst in die Gegenwart reichen Männer, wie Steinheim, PH. Philippson, Kosch, Johann Jacoby, welch letzterer in dem Kampfe um. die bürgerliche Gleichstellung seine ersten Lorbeeren errrang. An die Stelle der Aerzte.sind in der Neuzeit die Juristen getreten, und man ist wohl berechtigt, an diese annähernd Forderungen zu stellen, denen früher die jüdischen Jünger der Heilkunde so hervorragend genügten. Und dennoch haben wir während jener bitteren und eine Zeit lang sehr gefährlichen Agitation nichts Nennenswerthes von einem jüdischen Juristen hervorzuheben. Besonders auffällig ist es, daß sich keiner dieser Herren verstand, das Verhalten der Staatsanwaltschaft in Preußen gegenüber den schmählichen Angriffen, den Aufreizungen zu Haß und Gewaltthätigkeiten gegen die Juden, wie letztere sich schließlich in Pommern und Preußen verwirklichten, einer objektiven Prüfung zu unterziehen. Man sage nicht, daß dies ein heikler, mit etwaigen^ persönlichen Gefahren oder Unannehmlichkeiten verbundener Gegenstand sei. Es kam hierbei nur auf-die ruhige, besonnene und wissenschaftliche Behandlung an, die, wurde sie eingehalten, unanfechtbar war. Auch waren Thatsachen hierüber bald zusammenzubringen. Gewiß wäre eine solche Untersuchung für die Klarstellung der Verhältnisse fruchtbar gewesen. Aber es trat nichts derartiges ans Licht, und doch vermochte nur ein sachkundiger Jurist diese Aufgabe zu lösen. Die „Liberale Correspondenz" enthält einen Artikel, welcher in diese Frage einiges Licht bringt. Sie schreibt: „Nach den Mittheilungen, welche Herr v. Puttkamer hat an den Stadtrath Magnus gelangen lassen, scheint man sich an < amtlichen Stellen jetzt etwas anders zu den Ausschreitungen der aütisemirischen Bewegung stellen zu wollen, als es bis-