Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1882)
- Date
- 1882-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Judcnthums. Ein nilpinteiislhes Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. GXpeöiLion: Leipzig, Woßpkcth 18. > In redäctionellen Angelegenheiten , wende man sich an Di. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaashandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 46. Jahrgang. Leipzig, den 15. August 1882. JVo. 33. lobalt. Leitende Artikel: Eine Protestation. — Die preußische Staatsanwaltschaft und die Juden. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Königsberg i. Pr., Metz, Würzburg, Bamberg, Aus dem Ermlanoe. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Pest, Lemberg, Brody. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Serbien: Belgrad. — Orient: Alexandrien, Smyrna. — Amerika: New-Dork, Aus den Ver. Staaten. — Neu-Seeland: Neu-Seeland. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Correspondenz: Die vierte Generalversammlung der beiden Vereine der israelitischen Lehrer Schlesiens und Posens. (Schluß.) — Vermischtes: Dr. Aron Simon. Jteilc'nDe £tzü&c(. Bonn, 9. August. Eine protkstAiott. Was uns bei der Tißa-Eßlarer Affaire am tiefsten schmerzt, am meisten entrüstet, das ist, daß viele deutsche Blätter der ungeheuerlichen Lüge von dem Blutgebrauch zu rituellen Zwecken noch immer einen gewissen Glauben zu schenken sich den Schein geben. Da geben Zeitungen, wie die „Augsburger Allgemeine", die Berliner „Vossische Ztg." und nach ihnen zahllose in Deutschland und der Schweiz aus ungarischen antisemitischen Blättern Artikel wieder, in welchen sogar das Geftändniß der Verhafteten, die That und zwar zu solchen Zwecken vollbracht zu haben, erlogen ist und selbst ohne die Quelle uüd deren Tendenz zu bezeichnen; Artikel, deren Lügenhaftigkeit sie in der nächsten Nummer zugestehen müssen. Diese Zeitungen, die doch bei einem großen Theile des Publikums Vertrauen besitzen, setzen also ohne Weiteres voraus, daß jene, von den Heiden zuerst gegen die Christen, dann von den Christen gegen die Juden erdachte Fabel doch wahr sein könnte! . . . Was haben also alle die vielfachen Proteste, die schon gegen eine solche Voraussetzung erhoben worden, genützt?. Was half es, daß geschichtlich in vielen Fällen die scheußliche Jntrigue, die zu Grunde lag, aufgedeckt, und jedes Eingeständnis als ein Erfolg der fürchterlichsten Tortur und Folter erwiesen worden? Was half es, daß sämmtliche Juden, ihre Rabbinen und Gelehrten an der Spitze, gegen eine solche offenbare Lüge protestirten, und versicherten, daß auch nicht eine Spur einer solchen Handlung oder gar einer solchen rituellen Vorschrift in der ganzen Geschichte und Literatur des JudenthuMs vorhanden sei? Was Halsesdaß christliche Autoritäten, Päpste an ihrer Spitze, die Verlogenheit solcher Beschuldigung erklärten und sie mit den schärfsten Ausdrücken verdammten? Was half es, daß z. B. der Domprediger Veith in Wien, der, als Jude geboren , erzogen und mit rabbinischem Wissen ausgerüstet, auf seiner Kanzel im Stephansdome 1842 die Hand zum Himmel erhob, und wie mit einem Eide versicherte, daß es eine scheußliche Fabel sei, erfunden, um das Judenthum zu beschimpfen und die Juden blutig zu verfolgen? Was half es, daß noch vor einigen Jahren Berthold Auerbach seiner Entrüstung, daß diese Lüge noch immer wieder aufgewärmt werde, in einem heftigen Proteste Ausdruck gab? . . . Sie bewirkten nicht einmal, daß die großen deutschen Blätter sich unumwunden auf die Seite, der Wahrheit stellen und von vornherein und consequent die scheußliche Lüge als solche brandmarken! ... Daß die Antisemiten ihre fluchbeladene Rolle zu Ende spielen — fluchbeladen können wir sie wohl nach den russischen Vorgängen nennen — und das Stück in Tißa-Eßlar inscenirten und auf möglichste Weise ausbeuten, ist erklärlich. Daß ein roher, ungebildeter Pöbel an die immer wiederholte Fabel glaubt, ist erklärlich. Daß aber Männer der Wissenschaft und Literatur noch heute sich schwankend zeigen, und. es so zum Theil zu verantworten haben, daß sich noch im 19. Jahr- 33