Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1882)
- Date
- 1882-08-08
- Page
- Seite 529 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227426--40101-3257720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52S Pest, 27. Juli 1882. Der Groß-Grient von Ungarn und die antisemitische Seivegnng. Mit großer Befriedigung nehmen wir von dem Aufruf Akt, welchen der Groß-Orient von Ungarn an sämmtliche unter seinem Schutze arbeitenden Logen und an alle Freimaurer vor einigen Wochen gerichtet hat. Derselbe lautet: Gel.-. Bb.-.! Schon seit geraumer Zeit erfahren wir aus den Zeitungen, daß in verschiedenen Ländern Europas eine sogenannte antisemitische Bewegung sich bilde, welche nichts anderes als der Ausfluß nationalen, und theilweise religiösen Fanatismus ist. Diese Bewegung, von welcher wir bisher bloß aufmerksame Zuschauer waren, hat in neuester Zeit auch in unserm Vaterlande begonnen, und verbreitet sich in Folge eines bedauerlichen Falles in immer weiteren Kreisen, so zwar, daß jeder denkende und das Vaterland aufrichtig liebende Mensch mit berechtigter Bangigkeit in die Zukunft blickt, und auf jene traurigen Folgen, welche aus der Erregtheit der Gemüther entspringen können. Bei diesem Stande der Sache halten wir es für unsere Pflicht, die Aufmerksamkeit der Bb/. auf diese Bewegung hinzulenken. Die politische Seite der Bewegung, als uns nicht berührend, lassen wir unberücksichtigt und wollen bloß die sociale Bedeutung derselben andeuten. Die Freimaurerei braucht in dieser Frage nicht Stellung zu nehmen. Unser Standpunkt kann nicht fraglich sein. Die Basis derselben ist in unseren Statuten und Grundprincipien niedergelegt. Demzufolge können wir keinen Moment in Zweifel sein, was zu thun sei. Seine Existenzberechtigung würde der Bund verleugnen, welcher den idealsten Humanismus auf seiner Fahne trägt, wenn er unthätig bliebe, da die gefährliche Hydra der Vorurtheile, die wir für ewig bekämpft wähnten, zu neuem Leben erwacht, den abscheulichen Racenhaß. offen predigt und zwar mit religiösem Anstrich, also mit Aufbietung der gefährlichsten, weil mit einfachen Gründen nicht zu bekämpfenden Argumente. Gel/. B/. Stets klagen wir, daß wir keine genügende Thätigkeit entfalten. Der Moment ist da, wo wir eine für Freimaurer in jeder Beziehung würdige humane Arbeit vollbringen können, wenn wir Alle unserer Fähigkeit, Stellung und unserem Einfluß entsprechend, die in angedeuteter Richtung sich zeigenden Vorurtheile zu bekämpfen, die erregten Gemüther zu beschwichtigen, und unsere geistig zurückgebliebenen Mitmenschen auszuklären uns ernstlich bestreben, indem wir trachten, daß Letztere ihre Menschenwürde erkennend, nicht nur gute Menschen, sondern auch nützliche Bürger des Staates werden.. Eine schöne und große Aufgabe ist es, gel/. Br/., zu deren Lösung wir .Sie im, Namen der reinen Humanität auffordern, überzeugt, daß wir auf diesem Gebiete bei festem Willen und aufrichtigem Streben eine segensreiche Wirksamkeit entfalten können. Also auf, gel/. Bb/., zur Arbeit, deren baldige Jnangriffnahnie wir im Interesse der Dringlichkeit der Sache, Ihrem srmischen Eifer empfehlen. I Deutschland. Berlin, 25. Juli. (Privatmitth.) Wie sehr die antisemitische Agitation gegenwärtig hier' bis zur Ohnmacht abgeschwächt ist, dafür liefert Dr. Henrici den schlagendsten Beweis. Er hält noch dann und wann mit einem kleinen Häuflein Versammlungen des „socialen Reichsvereins", kann es aber nicht einmal so weit bringen, daß die Berliner großen Blätter davon Notiz nehmen. Man braucht nicht anzunehmen, daß dies aus grundsätzlichen oder freundlichen Motiven geschieht. Die Zeitungen nehmen Alles auf, was pikant ist, für die Leser Reiz hat oder deren Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Da diesaber mit den Henrici'schen Reden nicht mehr der Fall ist, so lassen sie ihn links liegen und damit ist all' sein Bemühen eitel. Er freilich thut alles Mögliche, um durch die abenteuerlichsten Behauptungen und Vorschläge einen gewissen Hautgout hervorzubringen. So ließ er jüngst seine paar Getreuen eine Resolution annehmen, daß „alle Juden und alle Synagogen unter Polizeiaufsicht gestellt werden sollen,,. Aber das ist schon nicht mehr Hautgout, sondern Verwesung, und von solcher wendet sich Jedermann mit Ekel ab. Die Stöcker'sche „christlich sociale Partei" beschäftigt sich dafür mit der Agitation für die im Herbste stattfindenden kirchlichen Wahlen. Das geht uns allerdings nichts an-. Aber um den Geist zu bezeichnen, wollen wir doch Folgendes bemerken. An jedes Mitglied wird in verschlossenem Couvert ein Flugblatt geschickt, welches sich in den maßlosesten Ausdrücken gegen die Liberalen wendet und davor warnt, „getaufte Juden und ihre fortschrittlichen Helfershelfer" in den Kirchenvorstand zu wählen. Uebrigens giebt es in Deutschland noch Blättchen genug, welche mit um so mehr Ingrimm den Judenhaß zu schüren suchen, je weniger