Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ungewiß war, ob nicht in höherem Kreisen eine Neigung zu Gunsten der Antisemiten obwalte. Und diesen Muth, diese Entschiedenheit bethätigte August Diehl in seinem Lustspiel in fünf Aufzügen: „Die Antisemiten" (München, Selbstverlag 1881.). Dasselbe ging im Laufe dieses Jahres in den Verlag Carl Merhoffs (München 1882) unter dem Titel „Meier und Mayer" über. Ueber diese Veränderung schreibt uns der Verfasser. Seitdem das Stück in den Verlag von Carl Merhoff dahier übergegangen ist, heißt es: „Meierund Mayer", da Herr Merhoff nach den von mir gemachten Erfahrungen zu der Annahme neigte, daß der ehemalige Titel dem Stücke bei den deutschen Bühnen geschadet habe. In der That wurde nämlich das Stück bei der hiesigen Hofbühne schon auf den Titel hin a limine abgewiesen, in Berlin aber, wo es Grünfeld am Ostendtheater geben wollte, von Polizei und Ministerium (Puttkamer) verboten und in Aachen, wo das Stück unter Salomon's Regie bereits bis zum Zettelanschlag gediehen war, am Tag der projectirten Aufführung auf plötzliche Erleuchtung des Theaterbesitzers „durch einige Kirchenlichter" (wie mir Herr Salomon schrieb) wieder abgesetzt." Unserm Grundsätze gemäß gehen wir hier nicht auf eine Kritik dieses Lustspiels vom ästhetischen Gesichtspunkte ein, die wir den Fachblättern überlassen. Die Antisemiten, namentlich repräfentirt durch Pastor Stock und Professor Messing, werden als selbstsüchtige Menschen gezeichnet, die, weniger aus Bosheit und Beschränkheit als aus eigennützigen Motiven und Streberthum zu ihrem judenfeindlichen Treiben sich bewogen fühlen, und die nun in Laufe des Stückes durch die eintretenden Umstände ihren Antisemitismus aufgeben und sich um die Hand einer reichen Jüdin bewerben, die sie natürlich nicht erhalten. Es ist dies allerdings etwas stark aufgetragen, wie es der komischen Muse zusteht. Den Gedanken selbst rechtfertigen allerdings die meisten dieser Agitatoren, deren Ziele und Zwecke der Oeffentlichkeit nicht verborgen geblieben sind. — Von der Broschüre des Dr. W. Friedländer (Waizner, Wien 1882): „Fünf Wochen inBrody", von welcher wir Auszüge gebracht, ist eine zweite unveränderte Auflage erschienen. Für die Geschichte der russischen Emigration ist diese Broschüre unentbehrlich.' — Eine reiche Sammlung wichtiger und interessanter Schriftwerke haben wir aus Oxford zu erwarten. Unter dem Titel: Anecdota Oxoniensia sollen Texte, Dokumente und Auszüge hauptsächlich aus den Manuskripten in der Bodleiana und anderen Oxforder Bibliotheken herausgegeben werden. Unter diesen auch semitische Serien. Der erste Theil des ersten Bandes der letzteren ist bereits erschienen, nämlich: Commentar zu Esra und Nehemia von Rabbi Saadia, Herausgegeben von H. I. Mathews, M. A. (Oxford in der Olärenäon Dress 1882.) In einer ausführlichen, in englischer Sprache verfaßten Einleitung beschreibt der gelehrte Verfasser zuerst die 13 Manuskripte in den verschiedenen Bibliotheken, in welchen dieser Commentar, theils vollständig, theils fragmentarisch vorhanden ist, und erörtert dann mit großer Belesenheit und Scharfblick die Frage, wer der Verfasser desselben gewesen, da hierüber bei den Literaturhistorikern und in den Manuskripten selbst die verschiedensten Angaben zu finden sind. Das Resultat seiner Untersuchung ist, daß ein Rabbi Saadia im 13. Jahrhundert als Verfasser anzuerkennen sei. Wer aber dieser Saadia gewesen, könne nicht bestimmt werden, wenn nicht in irgend einem Winkel der Literatur ein Fingerzeig dafür noch aufgefunden würbe. Der Text des interessanten Commentars in schöner Ausstattung mit den wichtigeren Varianten folgt hierauf. Wir hoffen, recht bald wieder in Besitz solcher werthvollen Stücke der mittelalterlichen hebräischen Literatur und Exegese zu kommen. — Zum 1. April d. I. lud Rabb. Dr. M. Horovitz in Frankfurt a. M. zu der öffentlichen Prüfung der von ihm geleiteten Religionsschule ein, welche jetzt 220 Zöglinge zählt. Dieser Einladung gab er eine Beilage der von ihm verfaßten Schrift hinzu: Frankfurter Rabbinen, ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. und zwar die erste Abtheilung von R. Simon Hadarschan bis R. Jesaia Halevi (1200—1614) (Frankfurt a. M. Jäger, 1882.). Nach einigen, mehrere streitige Punkte über die Anfänge der Gemeinde zu Frankfurt behandelnden Vorbemerkungen, bespricht der Verf. alle in den vier Jahrhunderten des angegebenen Zeitraums in Frankfurt fungirenden Rabbinen und sonstige Gelehrte in chronologischer Reihenfolge biographisch und literarhistorisch, soweit dies aus Schriften und Urkunden zu ermitteln war. Vom literarischen Standpunkte aus giebt der Zeitraum die Befriedigung, daß er mit R. Simon Hadarschan, dem Verf. des Midrasch Jalkut und Alexander Sußlin Hakohen, dem Verf. des Buches Aguda (Krakau, 1571), anfängt und mit Jesaja ben Rabbi Abraham Halevi Horwitz, dem Verf. der Seime luclioth habritli (n"W) endet. Der Verf. nimmt hierbei Gelegenheit, diese literarischen Erzeugnisse ihrem Werthe und Charakter nach zu würdigen, was er in ausnehmender Weise versteht. Zwischen dem genannten wird eine ziemlich lange Reihe mehr oder weniger bekannter und einflußreicher Männer der jüdischen Gelehrsamkeit aufgeführt. Da viele derselben nur durch Dokumente über Rechtsstreitigkeiten und Rechtsentscheidungen bekannt sind, so giebt dies Gelegenheit in die beg. Streitfragen einzugehen und hierdurch bringt die Schrift unsers Verfassers interessante Culturbilder heran, welche seiner Schrift noch ein besonderes Interesse gewähren. Wir wollen nur eines anführen. Eine Zeitlang waren die Rabbiner zu Frankfurt in Verbindung mit anderen genöthigt zum Schutze der „Reichen gegen die „Armen" einzutreten. Wenn nämlich ein Schuldner einen Reichen nicht bezahlen wollte, so brachte er seinen Streithandel vor einen