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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-08-01 · Heft 31 (1.8.1882) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 31 (1.8.1882)
Date
1882-08-01
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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510 zwar nicht spannend, immer aber anziehend. Der Hauptgedanke Scherr's ist: unserer Zeit ist alles Ideale verloren gegangen. Jndeß sind die Schilderungen des Autors durchaus nicht geeignet, das Ideale wieder zu wecken und zu stärken, verbreiten vielmehr erst recht eine pessimistische Anschauung über alle modernen Lebensverhältnisse und wirken durchaus niederdrückend. Wir glauben übrigens, daß man ähnliche Bilder von jedem Jahrhundert entwerfen kann, sobald man nur die Schattenseiten in's Auge faßt. Gewiß ist die moderne Zeit nicht mit all' den Nichtigketen und Nichtswürdigkeiten, die Scherr bespöttelt und brandmarkt, erschöpft — Scherr wird dies, wenn er nicht gerade schreibt, selbst zugeben, und dann ist seine Klage eitel, daß das „alte Europa" den^ Verfall und der Auflösung entgegengehe. — Zu der, wie wir in vor. N. bemerkten, sich jetzt ansammelnden Literatur über Rußland liegt uns heute vor: Das Gespenst des Zaren. Erlebtes und Erträumtes aus dem Reisetagebuche eines Buchhändlers. Zusammengestellt während einer Schlittenfahrt von Moskau nach Warschau im Januar 1860 von E. Sartorius. Zweite vollständig umgearbeitete Auflage. (Leipzig 1882, Siegismund und Volkening.) -Der Leser darf sich von dem sonderbaren Titel des Buches nicht beirren lassen. Die Schriftsteller sind nicht immer glücklich in der Wahl der Titel ihrer Werke. Der Verf. ist eine Poetische Natur, welche die Wirklichkeit, die sie ganz richtig beobachtet und auffaßt, gern mit einem dichterischen Mantel drapirt. Er hat seine Wahrnehmungen in Rußland und Polen vor 20 Jahren in Form eines Reisetagebuches veröffentlicht und sie neuerdings, obschon er jetzt ein Bürger der Ver. Staaten ist, von Neuem bearbeitet. „Das Gespenst des Zaren" nennt er sein Buch, weil er von Versuchen er» zählt, die schon 1860 gegen das Leben Alexander H geplant wurden, und die nun endlich eine so fürchterliche Ausführung erhalten haben. Auch den Juden widmet er, wenn auch nur leichte Bemerkungen, von.denen wir folgende herausheben. Er sagt S. 25: „Die Söhne Israels halten sich in Rußland gern zu.den Deutschen, deren Sprache sie fast alle sprechen, und deren Namen sie meist führen." Es ist bekannt, daß, seitdem diese Zeilen geschrieben worden, also in den letzten zwei Jahrzehnten, innerhalb der jüdischen Kreise große und erfolgreiche Anstrengungen gemacht worden sind, um die russische Sprache bei den Juden heimisch zu machen. Wir sagen „erfolgreich"; das beweisen z. B. die in russischer Sprache abgefaßten jüdischen Volkskalender, die sich einer großen Verbreitung erfreuen, die jüdischen Zeitschriften in russischer Sprache, die einen großen Aufschwung genommen haben und mehrere jüdische Literaten, denen ein ausgezeichneter russischer Styl nachgesagt wird. Dies bestätigt der Verf. selbst, indem er S. 75 erzählt: „Gegen Abend kam in russischer Studentenuniform ein deutscher Israelit aus Odessa, der durch seine literarischen und bibliographischen Kenntnisse hervorragend, immer ein willkommener Gast war. Seine einzige schlechte Eigenschaft war eine blinde Vorliebe für alles, was russisch hieß und war." Wenn übrigens der Verf. auf S. 83 von der Vorliebe der Juden in Rußland und Polen für das Deutschihum spricht, so ist dies seit jener Zeit anders geworden. Die Deutschen in den baltischen Provinzen, die Deutschen in Rußland und die Deutschen in Deutschland haben sich gegen die Juden so abstoßend benommen , daß den letzteren in Rußland jene Hinneigung längst vergangen ist. Bekannt sind di-e Klagen, welche Reisende bisweilen über die jüdischen Wirthshäuser in Polen Vorbringen, während andere sie als die einzigen schildern, in welchen ein Uebernachten möglich sei. Zu^ den letzteren gehört unser Verf. Er sagt (205): „Das Gasthaus, in dem die Reisenden einige Stunden bleiben können, wird von Juden gehalten. Die Wirthsleute empfangen die Reisendenmit mehr Würde mrd Anstand, als man von Juden niederen Standes sonst erwartet, und führen sie in ein nettes, recht gemüthliches Zimmer. Die Talgkerzen haben doppelte Dochte und verbreiten ein angenehmes warmes Licht, Suppe und Koteletts sind reinlicher und schmackhafter, als man sie auf der ganzen Reise gefunden." In der That berührt hier der Verf. unbewußt den faulen Fleck. Vorurtheil und Ungerechtigkeit haben durch den Mund gehässiger Reisebeschreiber, wie z. B. Kohl, die übelste Meinung über die russischen Juden verbreitet, von welcher jeder zurückkommt, der. unmittelbar mit ihnen in Berührung tritt. Unser Verf. gehört zu den letzteren. — Ferner: Die Judenhetze in Rußland und ihre Ursachen- Zugleich ein Mahnwort an Deutschland. - Bon einem Christen. (Hamburg, Christians & Schultheis, 1882.) Aus Löher, Turgeniew, Puschkin u.-a. Quellen wird hier eine gedrängte, doch sehr klare Schilderung der russischen Zustände gegeben, und daraus mit Nachdruck geschlossen, daß die Judenhetzen ein Produkt der panslavistischen Partei sind, welche rath- und thatlos vor dem Nihilismus stand, und deshalb die Judenhetze für ein Ventil der Volksleidenschaft hielt. Wir fügen hinzu:, die panslavistische Partei erkannte aber, welch' unermeßlichen'Schaden sie Rußland nach innen und außen durch die Judenverfolgungen zugezogen habe — deshalb die plötzliche Abwiegelung! . . . Die angezeigte Schrift ist höchst lesenswerth. Bonn, 11. Juli. Jetzt, wo wir uns eines Stillstandes, wenn nicht vielleicht des Endes der antisemitischen Agitation zu erfreuen haben, gilt es, die Kampfgenossen in dem vorangegan^enen Streite zu mustern, und zwar vorzugsweise diejenigen hervorzuheben, welche mitten in der Hitze des Kampfes als christliche Mitstreiter für uns eintraten. Es gehörte damals Muth und Charakterstärke dazu, sich auf die Seite der Schwächern zu stellen, während es selbst noch

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