Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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509 Präzedenzfall in der gleichen Vertheilung vor einigen Jahren einer beträchtlichen Anzahl russischer Waisen unter die deutschen und französischen Gemeinden. Jedes Hülfscomits hätte sich in Verbindung zu setzen mit den israelitischen Gemeindevorständen und diese ihrerseits müßten sich mit ihren Gemeindemitgliedern verständigen wegen der Zahl der Familien, welche die Gemeinden aufnehmen können. Nachdem diese Erkundigungen nach Brody übermittelt worden, müßten die Emigranten in gerader Linie nach ihren resp. Bestimmungsorten dirigirt werden. Natürlich hätten diese auf diese Weise placirten Familien das Anrecht auf Geldunterstützung während eines gewissen Zeitraumes, bis sie selbst für sich sorgen können. Sie würden ihre Unterstützungen durch die Gemeindeverwaltung erhalten, welche ihrerseits sie im Voraus empfangen würden und in der Gewißheit, sich keine Opfer aufzuerlegen zu brauchen, sich der Hülfe zugänglicher zeigen werden. Constantinopel übrigens, Smyrna, Salonichi und Paris, haben schon Flüchtlinge ausgenommen." Hierauf stellt Herr Veneziani eine Berechnung auf, welche Kosten die noch übrigen 12,000 Flüchtlinge machen werden und berechnet sie auf rund 4 Millionen Francs. Indem wir , die weiteren Betrachtungen des Herrn V. über die Folgen übergehen, welche aus einer Verlängerung des gegenwärtigen Zustandes bis zum nächsten Frühjahr entspringen würden, bemerken wir, daß dieses Schreiben auf das Centralcomite der Alliance isr. univ. einen solchen Eindruck machte, daß es am 6. Juli d. I. ein Cirkulär erlassen hat, in welchem es zur möglichen Verwirklichung der Vorschläge des Herrn B. auffordert. In dem Cirkulär heißt es: „Herr Veneziani schlägt die folgenden Maßregeln vor: 1) Repatriirung von 3000 Personen; 2) zeitweise Unterhaltung'in Brody von 1000 Personen; 3) Aufnahme in den israelitischen Gemeinden von 8000 Personen." Diese Vorschläge billigt das Centralcomite und will zu ihrer Ausführung auf schleunigste Weise schreiten. Das Spezialcomitö von Paris stellt hierzu eine Summe von einer Million Francs zu Gebote. Dann fährt es fort: „Wir fordern alle Gemeinden, die großen und die kleinen, auf, sich diesem Werke anzuschließen. Wenn jede ihren Theil an der gemeinschaftlichen Last nimmt nach Verhältniß ihrer Wichtigkeit und ihrer Mittel, so wird das Problem gelöst werden. Die Last, welche für die Gemeinden daraus entstehen wird, wird eine leichte sein, da sie zu dem Werke die von Herrn Veneziani vorhergesehene Hülfe erhalten werden. Wir haben also die Ehre, Sie zu bitten, Herr Präsident, sich sofort an die israelitischen Vorstände Ihrer Umgebung, an die Rabbiner und Verwalter zu wenden und sie über die Zahl der Familien zu befragen, welche sie aufnehmen wollen. (Eine Familie besteht aus 6—8 Personen.) Keine derselben wird verweigern, sich diesem großen Werke israelitischer Wohlthätigkeit anzuschließen." Der Aufruf drückt alsdann noch die Bitte aus, die Angelegenheit zu beschleunigen, da „die Zeit drängt und keine Stunde zu verlieren ist." Man kann die Schwierigkeiten nicht verkennen, welche die Ausführung dieses Vorschlages mit sich führt. Aber um so mehr haben wir die Verpflichtung, ihr alle mögliche Energie zuzuwenden. Bis jetzt lag das ganze große Werk auf den Schultern einiger wenigen Persönlichkeiten, und die Theil nähme aller Anderen bethätigte sich nur in größeren oder kleineren Geldspenden. Jetzt stellt sich die Frage ein, ob das erwachte Mitgefühl für die unglücklichen Flüchtlinge sich auch in persönlichen Opfern, in unmittelbarer Handlung kundgeben werde. Die europäischen Glaubensgenossen sollen jetzt das übernehmen, was bis jetzt den amerikanischen Juden obgelegen hat. Es wird nun auf den Erfolg des Schrittes ankommen, den das Centralcomite der Alliance isr. univ. gethan. Literarischer Wochenbericht. .Bonn, 25. Juni. Der verdienstvolle Literarhistoriker Johannes Scherr hat sich seit geraumer Zeit in Büchern, Kritiken und Journal-Artikeln zur Satire gewendet und hier bei scharfer Beobachtung und markanter Zeichnung in eine zwar kräftige und pointereiche doch aber polternde, groteske, nach außergewöhnlichen und bunten Ausdrücken suchende Manier hineingearbeitet. Diese bewährt sich besonders an seinem jüngsten Erzeugniß: Porkeles und Porkelessa. Eine böse Geschichte von Johannes Scherr. (Zweite Auflage, Berlin und Stuttgart, W. Spemann, 1882.) Die Satire ist hier gegen einen altfränkischen Geldjuden und dessen Sohn, der zur jeunesss äorss schwört, dann gegen ein nichtsnutziges, gewissenloses Nihilistenpaar gerichtet. Das letztere dupirt den Juden, schleicht sich in sein Haus, geht zum Judenthum über, und nachdem es den Tod des Sohnes im Duell herbeigeführt und sich adoptiren ließ, vergiftet es alle Mitglieder der Familie, erbt die Millionen und geht zuletzt zu den Jesuiten über, welche das jüdische Geld einsäckeln. Um diese Fabel gruppirt sich nun die Satire gegen Alles und noch etwas darüber, gegen den Journalismus und die Literaten, besonders gegen die Götheverehrer, gegen die Professoren und Fakultäten, gegen die politischen Kreise, Parlamentarier und die neuere Gesetzgebung und hundert andere Dinge, selbst gegen unser Clima. Unter so vielen Gegenständen der Ironie können sich die Juden nicht besonders beklagen und ist die einzige wohlthuende Figur in der ganzen Geschichte die Frau Michele, die Gattin des Geldbarons in ihrer Einfachheit, Gutmüthigkeit und Wohlthätigkeit. Sonst aber bewegt man sich unter lauter Lumpen und lumpig ist Alles, was auf der Bildfläche erscheint. Die Lectüre des Buches ist deshalb