Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1882)
- Date
- 1882-08-01
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
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507 reits wiederholt an verschiedenen Stellen unsrer Schriften erwiesen, daß das Selbstwesen und die'Selbständigkeit des Menschengeistes dadurch nicht bestritten wird, daß er von den Zuständen des Körpers und gewisser körperlicher Organe abhängig ist, wie umgekehrt der menschliche Körper und seine Zustände vielfach vom Geiste abhängig sind, nicht allein überhaupt durch die Thätigkeit des Willens, sondern auch durch die Wirkungen der seelischen Erregungen und Leidenschaften. Vielmehr ist alles dies nur ein Zeugniß für die innige Verbindung, die der Schöpfer zwischen dem Geiste und dem Körper im Menschen hergestellt hat. Die Frage über das Selbstwesen des Menschengeistes wird daher durch jene Beobachtungen nicht entschieden. Aber jene These steht die von den bedeutendsten Anthropologen festgestellte Thatsache gegenüber,- daß das Gehirn der rohesten Völkerstämme an Größe und Beschaffenheit nicht verschieden ist von dem der cultivirtesten Nationen. Ihr muß zugleich die Frage entgegnet werden: woher hat denn der Mensch das größere und feinere Gehirn? Denn die höhere Begabung konnte doch nach der Lehre Darwins nicht vor dem größeren und feineren Gehirne vorhanden sein, da sie von diesem herrühren soll. Auch hier ist also die Erklärung nichts als eine willkührliche Behauptung, und der aufrichtige Darwinianer müßte eingestehen, daß er nichts weiter, als eine Thatsache constatiren könne. Wir beschränken uns auf diese kurze Kritik, die wir gegen die Darwinistische Metaphysik und Psychologie zu üben haben. Wir wollten unfern Lesern nur zeigen, daß die allmähliche Behauptung der Darwinianer, als ob ihre Theorie bereits den Charakter anerkannter Wahrheiten hätte, eine völlig falsche ist, angethan, schwache Geister zu blenden, daß vielmehr diese Theorie in allen ihren metaphysischen Theilen an Schwächen und Widersprüchen und willkürlichen Voraussetzungen leidet. Die Wende in Rußland. Immer wieder haben wir betont, daß bei den Ereignissen in Rußland nichts schmählicher war, als die frivole Rechtspflege, welche die Verbrecher mit einigen Rubeln oder ein Paar Tagen Gefängniß strafte. Dies war das wirksamste Anreizungsmittel zu weiteren, immer schmählicheren Excessen, dies demoralisirte zugleich Richter und Volk. Auch dies ist jetzt anders. Aus Odessa meldet man vom 16. Juli: Das Kriegsgericht in Balta verurtheite wegen Todtschlags bei den Judenhetzen zwei Angeklagte zum Tode durch den Strang, drei wegen Plünderung zu 15 Jahren Zuchthaus. — Allerdings von einer positiven Besserung ist noch keine Spur. Hat doch soeben der Polizeidirektor von Odessa alle jüdischen Polizisten entlassen! — Unter dem 16. Juli berichtet man aus Petersburg: In einem Circular vom 21. Juni^d. i. 3. Juli, schärft das Ministerium des Innern laut dem „Golos" den Gouverneuren die strengste Beachtung des von Loris Melikoff erlassenen Circulars vom 3. April 1880 ein, nach welchem Juden, die sich bis zu jenem Tage an Orten aufgehalten, in denen sie kein Aufenthaltsrecht besaßen, doch unbehelligt dort zu lassen seien, weil viele derselben daselbst commerziell-industrielle Unternehmungen ins Leben gerufen, deren Auflösung den gesammten Theilnehmern empfindliche Verluste bereiten würden. Gleichzeitig wurde den Gouverneuren anbefohlen, vom 3. April ab nicht mehr die Ansiedelung von Juden an Orten zu erlauben, woselbst ihr Ansiedeln ungesetzlich sei. Ein zweites Circular (Tolstoi's) vom 21. Juni befiehlt den Gouverneuren, die Agenten streng zu überwachen, welche die Juden durch betrügerische Vorspiegelung zur Auswanderung veranlagen, und dem Treiben dieser Leute energisch entgegen zu treten. Auch hieraus ersieht man, daß die Austreibungen der Juden auf die specielle Verfügung Jgnatiews stattgefunden haben. Zur Emigration. Wie wir bereits bemerkt haben: die Flucht vieler russischen Juden war eine nothwendige Folge der dortigen grausamen Verfolgungen; eine gleiche nothwendige Folge war die Unterstützung - und Förderung der Flüchtlinge seitens der europäischen und amerikanischen Juden. Das Emigrationswerk war also in keiner Weise ein Akt des Leichtsinns und wurde durch die Akklamation aller gebildeten und humanen Kreise begrüßt. Dagegen fehlte von Anfang an eine angemessene Organisation des ganzen Werkes und selbst die Erfahrungen, die man im Sommer 1881 gemacht, wurden nicht genügend benutzt, um während des Winters 1881—82 eine einheitliche Organisation herzustellen, sondern erst spät versuchte man eine solche durch die Conferenz in Berlin, ohne daß hiermit ein genügend aktives Zusammenwirken hergestellt wurde. Am nachtheiligsten war, daß man in Amerika selbst die Kenntniß der faktischen Verhältnisse nicht besaß,- die Kenntniß von den Schwierigkeiten, eine große Zahl Flüchtlinge aufnehmen und so versorgen zu können, daß sie sich ihr Brod selbst zu verschaffen vermöchten, die Kenntniß von dem Mangel an dem dazu nöthigen Gelde. Dadurch konnte man auch den europäischen Comitös nicht rechtzeitig genug hierüber Aufschluß geben und hierdurch wiederum sind vielfache Verlegenheiten entstanden. Uebcr den gegenwärtigen Stand der Sache in Amerika giebt der folgende Bericht der „New-Uorker Handelszeitung" ' vom 1. Juli ein deutliches Bild: „Die hiesige israelitische Hilfs-Gesellschaft (Hedrelv Emigrant Aid Society) hat, wie dies wohl vor- 31*